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Aufsichtsratswahlen 2008: David gegen Goliath?

Von Thorsten Hahn - 23. November 2007

Branchendienst FREITAGmittag im Interview mit Karin Ruck, Bundesvorsitzende des Deutschen Bankangestellten Verbands (DBV)

Zuerst die Ärzte im Marburger Bund, dann Piloten in Cockpit, jetzt Lokführer in der GDL – immer mehr Gewerkschaften erobern sich mit der Interessenvertretung einzelner Berufsgruppen einen Platz auf der öffentlichen Agenda. Wie ist das in der Bankenbranche? Karin Ruck, Bundesvorsitzende des Deutschen Bankangestellten Verbands (DBV) und Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, über die Aufsichtsratswahlen 2008, Arbeitnehmervertretung im Allgemeinen und die Attraktivität kleiner Gewerkschaften im Besonderen.

Warum sollten Banker im kommenden Jahr zur Aufsichtsratswahl gehen? Macht es einen Unterschied, wen man da wählt?

Die Arbeitnehmervertreter sind in den Aufsichtsräten gleichberechtigte Mitglieder, ihre Stimme zählt in gleichem Maße wie die Stimme der Anteilseigner. Bestimmte Funktionen, z. B. der stellvertretende Vorsitz, sind sogar ausdrücklich für unsere Vertreter vorgesehen. Gerade in schwierigen Situationen des Unternehmens sind die Arbeitnehmervertreter das stabilisierende Element. Exzesse wie z. B. bei VW oder Siemens sind auch deshalb durch die Presse gegangen, weil sie so selten sind. Denn in aller Regel nehmen die Arbeitnehmervertreter ihre Aufgabe ernst. Also zusammengefasst: Ja, Banker sollten wählen gehen.

Außerdem sollten sie sich darüber im Klaren sein, dass sie eine Wahl haben: DBV entsendet nur Kolleginnen und Kollegen aus dem Unternehmen in Aufsichtsräte – keine externen Gewerkschaftsfunktionäre. Alle Entscheidungen, die unsere Kollegen in den Gremien mitverantworten, müssen sie am Ende selbst ausbaden. Und als Betroffener geht man erfahrungsgemäß mit einer besonderen Sorgfalt an seine Entscheidungen heran.

Als Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank stehen Sie im Disput mit gestandenen Wirtschaftslenkern. Ihnen sitzen da beispielsweise Henning Kagermann, Vorstandssprecher der SAP AG, und Manfred Weber, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Lufthansa, gegenüber. Wie fit sind Arbeitnehmervertreter, wenn es um fachliche Auseinandersetzungen mit Vertretern der Anteilseigner geht?

Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat – gerade in der Finanzdienstleistungsbranche, verfügen über die notwendigen Fachkenntnisse. Zusätzlich bieten wir, wie übrigens auch die anderen Gewerkschaften der Branche, spezielle Schulungen und Weiterbildungen an, insbesondere zu aktuellen Themen.

Natürlich braucht ein Aufsichtsrat die externe Beratung von erfahrenen Managern, wie die Herren, die sie eben genannt haben und die ich fachlich sehr schätze. Dazu kommt eben durch die Arbeitnehmervertretung eine gehörige Portion Inneneinsicht des Unternehmens. Ich zum Beispiel war bei meinem Arbeitgeber lange Jahre in der Vertriebssteuerung und als Vertriebscoach beschäftigt. Glauben Sie ernsthaft, dass mir in Fragen des Vertriebs in unserem Hause Vorstände von SAP oder Lufthansa das Wasser reichen können?

Neben den angesprochenen Fortbildungen: Welche weiteren Vorteile sehen Sie für Arbeitnehmervertreter, die gewerkschaftlich organisiert sind?

Zunächst:  Es gibt viele sehr qualifizierte Kollegen. Man sollte aber ein gesundes Netzwerk und den Informationstransfer standort- und unternehmensübergreifend nicht unterschätzen. Meines Erachtens liegt hierin die Stärke gegenüber nichtorganisierten Kollegen. Mitglied einer Gewerkschaft zu sein und gleichzeitig aus dem Unternehmen zu stammen, vereinigt zwei Vorteile: Unternehmenskenntnis und übergreifendes Netzwerk.

Ist es grundsätzlich egal, ob große oder kleine Gewerkschaft?

Die Frage ist, ob Gewerkschaften zu Millionenorganisationen werden sollten mit dem Anspruch, unterschiedliche Branchen zu vertreten und bei Steuer- oder Gesundheitsreform Position zu beziehen. Oder bleiben sie lieber klein – also ohne allgemeinpolitischen Ansatz –, um näher an den Themen ihrer Branche dran zu sein?

Wir sind für Vielfalt, auch in der Gewerkschaftslandschaft. Menschen müssen Entscheidungsmöglichkeiten haben. Vielfalt bedeutet doch, dass es Diskussion, Reibungspunkte und Bewegung gibt, man voneinander lernt. Wenn pure Größe gefragt wäre, führte kein Weg um die chinesische Staatsgewerkschaft herum. Denn das ist die größte der Welt. Nur, die Durchsetzungskraft dieser Organisation ist gering. Das sieht man übrigens auch in anderen europäischen Ländern so: Das System der Ein-heitsgewerkschaft, für die ver.di ein typischer Vertreter ist, finden Sie fast nur in Deutschland. Welche Unterstützung können Krankenschwestern und Kraftfahrer denn Finanzdienstleistern bei einem Arbeitskampf geben, wenn man es genau betrachtet? Die Themen dieser Branchen sind höchst unterschiedlich. Deshalb müssen Lösungsansätze branchenspezifisch gefunden werden.

Das Interview führten Redakteure des Branchen-Info-Service FREITAGmittag.
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