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Currywurst und Währungsunion

Von Kornelius Purps - 25. Januar 2010

Von Kornelius Purps, Fixes Income Strategist bei der UniCredit Research

• Glatteisgefahr: Griechenland sucht Investoren für eine 5jährige Anleihe
• Schneeverwehungen: Portugal präsentiert 2010 Budget und will sich vom hellenischen Nachbarn abgrenzen
• Streueinsatz: US Notenbanktreffen, Ifo Index und Quartalsergebnisse erhöhen die Spannung zusätzlich

Es gibt ja Orte, an die verschlägt es den gemeinen Münchener Analysten eher selten. Denken Sie nur mal an Wiedenborstel. Aber auch nach Berlin hat es mich eher selten verschlagen. Ich erinnere mich an einen Besuch vor rund zwanzig Jahren. Seinerzeit verabredeten sich Tausende zu einem Flashmob, um wie die Wahnsinnigen mit Äxten auf eine Steinmauer einzuschlagen. Nun war ich wieder da. Aber was war das? Flugschalter, Verkehrsbetriebe, Cafe-Bedienung – überall empfing man mich mit Murren. Am Busterminal gibt es sage und schreibe einen Fahrkartenautomaten – dieser wird dafür von zwei ebenso emsigen wie grimmigen BVG-Angestellten bedient. Hey, ihr Berliner, war das Zufall oder schlägt euch der Dauerfrost auf die Stimmung? Doch dann sah ich sie: braun gebrannt, mit sanften Kurven, vorne und hinten etwas rund, richtig scharf und am Rücken ganz leicht aufgeplatzt – das war die wohl leckerste Currywurst in meinem ganzen Leben.

Nicht Currywurst, sondern Leipziger Allerlei steht heute auf dem Speiseplan in der Brüsseler Kommissionskantine. Die EU-Vertreter sorgen sich „um den Fortbestand der Währungsunion“, zitiert Der Spiegel aus einem internen Papier. Dabei geht es weniger um die aktuellen Haushaltsprobleme hie und da, sondern um die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Mitgliedsstaaten insgesamt. Bedeutet für uns: Selbst, wenn es den Griechen in den kommenden Monaten gelingen sollte, ihre akuten Haushaltsprobleme in den Griff zu bekommen, bleibt die EWU als Retortenunion ein fragiles Gebilde.

Was Griechenland angeht, so kann der heutige Tag mit Fug und Recht als ein Schicksalstag für das Fortbestehen des Staates in seiner heutigen Form angesehen werden: Früher als erwartet kommt die griechische Finanzagentur mit einer Anleihe an den Markt. Über ein großzügig bemessenes Bankensyndikat sollen mindestens €3 Mrd. einer 5jährigen Anleihe bei den Investoren platziert werden. Die Laufzeit ist ein Kompromiss: Eine 3jährige Anleihe hätte signalisiert, „wir haben Angst“, eine 10jährige wäre im aktuellen Umfeld wohl zu mutig gewesen. Sollten zu wenig Investoren bereit sein, diese Anleihe zu zeichnen, können sich die Griechen weitere Platzierungen vorerst von der Backe schmieren und wir im Euroraum stünden vor der Zerreißprobe. Bei starkem Investoreninteresse jedoch würden sich den hellenischen Behörden Türen öffnen; weitere Bondemissionen wären dann nur eine Frage der Zeit. Das Platzierungsergebnis wird also von größter Wichtigkeit sein. Darin wird bekannt geben, wie viel Volumen von welchen Instituten (Banken, Versicherungen etc.) aus welcher Region (Deutschland, USD etc.) nachgefragt wurden. Hier besteht ein extrem hoher Anreiz, die Zahlen zu frisieren. Denn immerhin steht ja die Existenz Griechenlands, vielleicht der Währungsunion und wer weiß was noch alles auf dem Spiel. Ich möchte hier niemandem zu nahe treten, aber bei so viel Druck von Außen dürfte der Anreiz für die eine oder andere Notlüge erdrückend sein.

Portugal ist derweil sehr bemüht, nicht immer mit Griechenland in einem Atemzug genannt zu werden. Die Finanzagentur versendete Unterlagen, wonach die portugiesischen Staatsfinanzen besser sind, als es das Defizit von rund 8½% des BIP suggeriert. Für morgen erwarten wir die Budgetzahlen für das laufende Jahr. Unmittelbar danach dürfte auch Portugal mit einem Bond an den Markt kommen.

Wem das alles noch nicht reicht, hier der restliche Plan für diese Woche: Am Dienstag gibt es den Ifo Index (erneut verbessert erwartet), am Mittwoch endet ein FOMC-Treffen, über die ganze Woche berichten Schwergewichte aus S&P und DAX. Dazu gibt es noch jede Menge Konjunkturindikatoren. Und über allem schwebt die angeknackste Marktstimmung aufgrund der Obamaischen Vorschläge zur Bankenregulierung und der chinesischen Bemühungen zur Straffung der monetären Konditionen. Immerhin sieht es heute früh nicht danach aus, als würde die Investorenlaune komplett kippen. Davon zeugen stabile US Aktienfutures, ein etwas festerer Euro sowie halbwegs stabile Rohölpreise. Aber wenn wir diese Woche halbwegs schadlos überstehen sollten, dann treffen wir uns alle am Freitag beim Fahrkartenautomaten in Berlin zu einer Flashmob-Party – ohne Axt, aber mit Currywurst.

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