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Ein Euro

Von Kornelius Purps - 26. Juli 2010

Guten Morgen, heute ist Montag, der 26. Juli 2010 !

  • Entspannung total: Seit Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse herrscht an den Börsen Stillstand
  • Entspannung total: Seit Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse herrscht an den Börsen Stillstand
  • Wachstum brutal: Besteht die Gefahr, dass die deutsche Wirtschaft für die EWU zu stark ist?

Deutschland droht die Mega-Rezession. Eigentlich sollte der Beitragssatz zur Rentenversicherung im Jahr 2014 gesenkt werden. Um einen Zehntel Prozentpunkt. Das hätte dem Durchschnittsverdiener einen Euro pro Monat mehr zum Konsum oder zum Bau eines Hauses gelassen. Nach aktuellsten Überlegungen wird es die ursprünglich anvisierte Kürzung des Beitragssatzes aber nicht geben. Nun rechnen die volkswirtschaftlichen Abteilungen eifrig nach, um wie viel die Wirtschaft in den kommenden Jahren schwächer wachsen wird, im Vergleich zu einem Szenario, in welchem der versprochene Geldsegen auf die Angestellten niedergeprasselt wäre…
 
Vielleicht hätte dies das Stresstestszenario Nummer drei sein sollen: Welche Banken sind überlebensfähig, wenn man den Bürgern einen ursprünglich versprochenen Euro einfach nicht gibt? Wenn man die Kommentare zum Ergebnis des Banken-Stresstests so überfliegt, kann man glatt den Eindruck bekommen, das Ein-Euro-Szenario wäre schärfer als jener unlängst durchgeführte "Kuscheltest". Aber Vorsicht: Die von den Aufsichtsbehörden gewählten Stresstest-Szenarien bildeten Entwicklungen ab, bei deren Eintreten an den Finanzmärkten die Hölle los wäre: Zwei weitere Jahre Rezession, ein 20%iger Aktienmarkteinbruch, eine massive Ausweitung der Risikoaufschläge… Also das Szenario ist zweifelsohne scharf genug. Kritik ist sicherlich angemessen, weil das Bankbuch hinsichtlich möglicher Spreadausweitungen im Staatsanleiheuniversum nicht geprüft wurde. Das Bankbuch ist jener Teil der Bilanz, in welchem sich die Finanzanlagen bis zu deren Fälligkeit ("hold to maturity" bzw. "hold to bankruptcy") befinden, ohne dass deren Bewertung den aktuellen Kursbewegungen angepasst werden müsste. Vor dem Hintergrund der Prämisse "Keine Staatspleite. Niemals." ist das allerdings nur konsequent. 
 
Der "offizielle" Stresstest ist nur der Anfang. Jetzt geht es ja erst richtig los: Zahllose Analyseabteilungen werden sich in den kommenden Tagen auf das reichlich vorhandene Datenmaterial stürzen und ihre eigenen Stresstests durchführen. Hier darf dann getestet werden, wie sich eine Spreadausweitung theoretisch auf das Bankbuch auswirkt. Wahrscheinlich gibt’s morgen bereits in App, womit man Stresstests aller Art simulieren kann. Es ist klar, dass in den kommenden Tagen die eine oder andere individuell durchgeführte Belastungsprobenanalyse über die Märkte hereinbricht, begleitet mit reißerischen Überschriften wie "Bank AB fehlen 3 Mrd. Euro Kapital, sagt Bank XY". Das wird hie und da noch für etwas Unruhe sorgen. Auf Sicht von 4-8 Wochen sollten wir jedoch halbwegs zuversichtlich sein, dass der erste große Banken-Stresstest das Vertrauen der Institute untereinander verbessern wird.
 
Ein weiteres nicht getestetes Szenario ist jenes, in welchem die deutsche Volkswirtschaft mit 10% wächst, der Rest der EWU im Schnitt jedoch stagniert. Seit Freitag sind kritische Kommentare über die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland unter Androhung einer zweiprozentigen Rentenversicherungsbeitragssatzanhebung verboten. Der Ifo Index sprang um fast fünf Punkte nach oben. Deutschland strotzt vor Kraft. Die Kurzarbeit ist fast auf Null zurückgefahren. Die Arbeitsmarktzahlen am Mittwoch werden bestimmt wieder knackig. Fragt sich, ob eine solche Outperformance innerhalb der Währungsunion überhaupt gewünscht ist. Wenn es dumm läuft, nehmen dadurch die Spannungen innerhalb der EWU zu, der Euro schwächt sich ab – und Deutschland wird noch stärker…
 
Jetzt wollen wir aber nicht zu kritisch sein. Die Märkte sind es ja auch nicht. Seit Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse sind nahezu sämtliche Kursbewegungen zum Erliegen gekommen. Warten wir also auf die Ergebnisse zum Stresstest 2.0 aus den privaten Analyseabteilungen. Warten wir auf Unternehmenszahlen, nachdem die Berichtssaison in dieser Woche auch Europa erreicht. Warten wir auf das Q2 US BIP am Freitag und ob sich darin Signale für ein Double Dip & Deflation-Szenario finden. Und warten wir auf die Sommerlochthemen in der deutschen Politik: Wie wäre es mit der Ankündigung einer Kürzung des Arbeitslosenversicherungsbeitrags um einen halben Prozentpunkt für das Jahr 2022?
 

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Dies ist ein humoristischer Marktkommentar und keine Anlageberatung. Die Einschätzungen des Autors beruhen auf Informationen, die auf öffentlich zugänglichen, als verlässlich eingeschätzten Informationsquellen basieren. Weitere Informationen finden Sie im Disclaimer.
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Kornelius Purps
Fixed Income Strategist
Director
MRE4FI
UniCredit Research

kornelius.purps@unicreditgroup.de

Kornelius Purps Corporate & Investment Banking
UniCredit Bank AG

www.unicreditgroup.eu

 

© Foto by posteriori – www.istockphoto.com
© Foto Purps und Logo UniCredit Bank by UniCredit Bank AG

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