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„Wie eine Operation am offenen Herzen“

Ein Gespräch mit Dr. Martin Straaten, Sprecher der Geschäftsführung der Bank11, und Rainer Backes, Geschäftsführer der gbs – Gesellschaft für Banksysteme, über Kernbanksysteme, Migration, Digital-Banken und die Bedrohung durch GAFAs.

Von Thorsten Hahn - 20. November 2019

Rainer Backes (gbs) und Dr. Martin Straaten (Bank 11).

BANKINGNEWS: Bank11 ist eine junge Bank. Bedeutet dies, dass Sie auch mit einer modernen IT gestartet sind?
Martin Straaten: Schon um die Vorbereitungsphase möglichst kurz zu halten, damals weniger als neun Monate zwischen Projektstart und Go-Live im Januar 2011, fiel die Auswahl auf ein zuverlässiges Kernbanksystem mit einer Schnittstelle zu einer bereits existierenden POS-Lösung. Von großer Bedeutung war dann 2016 die Entwicklung einer kompromisslos auf Kundennutzen
ausgerichteten, eigenen POS-Lösung.

Jetzt migrieren Sie von bank21, der ehemaligen GAD-IT, auf das System agree21 der Fiducia & GAD IT AG – ein Corebanking-System, das genossenschaftlichen Banken genügt. Ihr Kerngeschäft ist das B2B-Geschäft mit Kfz-Händlern. Als klar wurde, Sie müssen migrieren, welche Systeme haben Sie sich noch angeschaut?
Straaten: Trotz der hohen Arbeitsbelastung aus dem starken Wachstum der Bank und der insgesamt positiven Erfahrungen mit bank21 haben wir einen Umstieg auf agree21 nicht als gegeben hingenommen, sondern einen intensiven Auswahlprozess gestartet, bei dem wir uns acht Systeme genauer angeschaut haben.

Haben Sie auch mit anderen Systemen geliebäugelt?
Straaten: Ja, in der Shortlist standen schließlich drei Anbieter, wobei wir uns letztlich für Fiducia & GAD IT AG entschieden haben.

Die apoBank hat sich für eine andere IT entschieden. Was hat Sie zum Verbleib in der Geno-IT-Welt bewogen?
Straaten: Die genutzten Kernfunktionalitäten sind unabhängig davon, in welcher Bankenwelt – genossenschaftlich, privat oder sparkassennah – sich eine Bank wie unsere bewegt. Für uns waren die Zukunftsfähigkeit und ergänzend die Migrationsrisiken entscheidend. Außerdem haben wir den Eindruck gewonnen, dass sich die Fiducia & GAD IT AG in die richtige Richtung bewegt.

Was sind die Herausforderungen bei der Migration und was ist Ihre Rolle im Projekt der Bank11?
Rainer Backes: Eine Kernbanken-Migration ist mit einer Operation am offenen Herzen vergleichbar. Der Kern wird ausgetauscht. Gleichzeitig muss überprüft werden, ob weitere vorhandene IT-Systeme bestehen bleiben, wegfallen oder durch neue Anwendungen ersetzt werden müssen. Hierfür muss ein IT-Zielbild erstellt und in Verbindung mit der Migration der Daten konsequent umgesetzt werden. Wir begleiten die Bank11 dabei in vielfältiger Weise. Mit unserer Fach- und Methodenkompetenz und der Erfahrung aus anderen Migrationsprojekten sorgen wir für den fachlichen Fit und einen reibungslosen Ablauf eines solchen Projekts.

Eines der Buzzwords in unserer Branche ist die Forderung nach „Digitaler Transformation“. Bank11 kommt ohne Filialen aus und macht einen sehr digitalen Eindruck. Was gibt es bei Ihnen noch zu transformieren?
Straaten: Digitale Transformation ist niemals abgeschlossen. In der Autofinanzierung für Händler und Endkunden liegt die Herausforderung in der Weiterentwicklung, optimal mit passenden, digitalen Produkten und intuitiven Prozessen zu unterstützen, um Bank- und Finanzierungsangelegenheiten so unkompliziert und schnell wie möglich zu machen. Andere Geschäftsfelder wie die Einkaufsfinanzierung gehen wir jetzt noch einmal grundlegend an.

Open Banking, API, PSD2 sollen die IT-Landschaft nachhaltig verbessern, Prozesse beschleunigen und mehr Kundennutzen generieren. Welches Zielbild haben Sie für Ihre IT der Zukunft?
Straaten: Wie schon gesagt: Unsere Herausforderung und auch unser Ziel ist es, Händler und Privatkunden optimal mit passenden, digitalen Produkten und intuitiven Prozessen zu unterstützen, um Anwendungen in Bank- und Finanzierungsangelegenheiten so unkompliziert und schnell wie möglich zu machen. Dazu benötigt die Bank ein Kernbanksystem, das über entsprechende APIs bank-individualisierte Anwendungen ermöglicht. Für den USP benötigt die Bank eigene Anwendungen, die marktnah in agiler Vorgehensweise fortentwickelt werden, für den Standard und die Regulatorik eine zuverlässige und bezahlbare Lösung.

Welche Aufgaben fallen der gbs bei der Gestaltung einer solch komplexen IT-Landschaft zusätzlich zu?
Backes: Wir glauben, dass IT so individuell sein soll wie unsere Kunden. Als der Individualisierungspartner der Fiducia & GAD IT AG integrieren und entwickeln wir seit unserer Gründung 2011 IT-Lösungen und Services, die aufgrund der unterschiedlichen geschäftspolitischen Ausrichtung unserer Kunden ergänzend zum Kernbanksystem benötigt werden. Dabei begleiten wir die Bank von der ersten Idee über die Umsetzung und Integration bis hin zur fachlichen Anwendungsbetreuung. Die Bank generiert Kostenvorteile durch Standardisierung und Skalierbarkeit. Gleichzeitig können Wettbewerbsvorteile durch die Individualisierung an der Kundenschnittstelle geschaffen werden. Mit einer solchen IT-Plattform erhält man als Bank die Möglichkeit, flexibel und schnell neue Anwendungen, Portale und Apps bereitzustellen.

Können Sie Beispiele für ergänzende Services und Lösungen aufzeigen?
Backes: Neben den bankfachlichen Anwendungen, die je nach Schwerpunktthemen in der Bank im Kontext des Aktiv- und Passivgeschäftes additiv erforderlich sind, geht es um Lösungen, die den Bankkunden bereits am Beginn seiner Customer Journey abholen. Die Bankdienstleistung steht dabei oft am Ende der Prozesskette. Gerade in personalisierbaren kundenindividuellen Portalen bestehen gute Chancen, die Kunden zu begeistern und zu binden. Ein Beispiel hierfür ist das Zusammenbringen von Angebot und Nachfrage etwa bei Arztpraxen, Apotheken oder Gewerbebetrieben in Verbindung mit einer maßgeschneiderten Finanzierung. Mit einer offenen IT-Plattform kann die Basis für ein digitales Ökosystem mit breitem Partnernetzwerk geschaffen werden.

Zunehmend werden Kredite auch von Nichtbanken vergeben. Crowdinvesting ist noch ein relativ kleines Pflänzchen, Amazon sollte da Banken schon eher aufschrecken. Sind Sie aufgeschreckt?Müssen Banken die zunehmende Bedrohung von den GAFAs ernst nehmen?
Straaten: Wir sind nicht aufgeschreckt, nehmen die GAFAs aber ernst und sehen sie sogar ein wenig als Benchmark in puncto einfache und schnelle Prozesse.
Backes: Sicher sind die technologiegetriebenen Nichtbanken ernst zu nehmen und ohne Zweifel wird sich der Markt für Finanzdienstleistungen verändern, und zwar schneller als wir alle glauben. Ich bin überzeugt, Banken müssen viel stärker als bisher ihre Kunden in den Fokus stellen, ihre internen Prozesse so effizient wie möglich gestalten und ihre Assets, wie etwa den Datenschutz, stärker herausstellen. Darüber hinaus wird IT-Kompetenz ein entscheidender Erfolgsfaktor für Banken sein.

Carsharing, Elektromotoren, autonomes Fahren – ist Ihr Geschäftsmodell dadurch gefährdet oder wird es geradezu befördert dadurch?
Straaten: Zweifelsohne wandelt sich die Mobilität. Privatkunden, die nicht in den Zentren leben, werden aber auch künftig die persönliche Mobilität brauchen, die ein eigenes Fahrzeug bietet. Dabei spielt es für uns keine Rolle, ob es sich um E-Fahrzeuge handelt. Neue Mobilitätskonzepte wie Carsharing oder Mietmodelle beziehen wir in unsere Planungen ein.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für „digitale Banken“ in den nächsten drei Jahren und wie sind Sie selber aufgestellt?
Straaten: Hochspezialisierte Banken wie die Bank11 und die von Ihnen als „digitale Banken“ bezeichneten neuen Wettbewerber werden sich aufeinander zubewegen. Wir werden von ihnen gefordert, Geschäftsprozesse digital zu gestalten, „digitale Banken“ werden sich Herausforderungen wie Verbraucherschutz, Informations- und Datensicherheit und nicht zuletzt einer zunehmend einengenden Regulatorik stellen müssen.

Interview: Thorsten Hahn

 

Dr. Martin Straaten, Sprecher der Geschäftsführung der Bank11
Rainer Backes, Geschäftsführer der gbs – Gesellschaft für Banksysteme.

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