Jetzt Mitglied werden

Banken können ETFs zur Kundenbindung einsetzen

Von Simon Klein - 09. September 2015

Der zunehmende, von der Regulierung forcierte Verbraucherschutz und der Trend zur Digitalisierung in der Finanzbranche können ebenfalls für ETFs sprechen.

Die lange erwartete Novelle der EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID, Markets in Financial Instruments Directive) wird für die Finanzbranche zur Realität. Das als MiFID II bekannte Regelwerk muss bis Juli 2016 in nationales Recht umgesetzt werden. MiFID II soll die Finanzmärkte in der EU und insbesondere den Vertrieb von Finanzprodukten wie Investmentfonds harmonisieren. Spannend ist, wie künftig Provisionen behandelt werden, die aktuell in den meisten aktiv gemanagten Fonds enthalten sind. Sie bilden schließlich die Grundlage für die Honorierung des Fondsvertriebs bei Finanzberatern, aber auch im Bankensektor. Denn die Europäische Marktaufsichtsbehörde ESMA hält in ihren Vorschlägen an die EU-Kommission zur Umsetzung der MiFID-Richtlinie an einigen Punkten fest, in denen die Zahlung von Provisionen künftig nicht mehr zulässig sein soll. Ausnahmen sollen gelten, wenn zum Beispiel Anlageberatung mit regelmäßiger Nachberatung verbunden ist oder der Kunde Zugang zu einer breiten Produktpalette oder anderen Zusatzangeboten wie Online-Informationstools erhält.

Das Bankgeschäft wird sich ändern

Da ETFs grundsätzlich keine Provisionen enthalten, entspricht der Vertrieb von ETFs damit den erwarteten MiFID-Regeln. Die von den Aufsichtsbehörden geforderte Transparenz fällt zusammen mit dem Trend zur stärkeren Digitalisierung der Finanzbranche – sprich, dass mehr und mehr Dienstleistungen online wahrgenommen werden können. Die Beratungsgesellschaft Bain & Company erwartet auf Basis einer Studie bei 75 Großbanken weltweit, dass die in Filialen abgeschlossenen Transaktionen jährlich um 10 bis 15 Prozent abnehmen, zugunsten von Online-Umsätzen.

ETF-Nachfrage steigt aktuell weiter

Der klassische Informationsvorsprung der Banken hat abgenommen. Anleger können sich einfacher als früher über Finanzprodukte, deren Chancen und Risiken informieren – diese Transparenz wird sogar wie beschrieben noch zunehmen. Als Beispiel für diesen Trend, dass Investoren selbst entscheiden und Anlageprodukte auswählen, kann das Wachstum bei ETFs gelten. Die damit verwalteten Volumen stiegen in den vergangenen zehn Jahren weltweit um ein Vielfaches an. Bis Ende Juli 2015 wurden in Europa 442 Milliarden Euro in ETFs angelegt; weltweit sind es 2,8 Billionen US-Dollar (Quelle: Deutsche Bank, Stand 31.07.2015). Und die Verbreitung von ETFs nimmt stetig zu. Der Anteil der ETFs am verwalteten Vermögen aller UCITS-Fonds in Europa ist seit Anfang 2014 von 3,0 auf 3,5 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: In den USA liegt die vergleichbare Quote bereits bei 15 Prozent. Laut einer Studie des Beratungshauses PwC wird der Anteil passiver Investments insgesamt am globalen Asset-Management-Markt 2020 von elf Prozent auf 22 Prozent steigen.

Eigenschaften von ETFs

ETFs bilden in der Regel passiv die Entwicklung eines Index ab. Da in der Regel kein aktives Fondsmanagement involviert ist, liegen die Pauschalgebühren p.a. zum Teil deutlich unter den Kosten anderer aktiv gemanagter Fonds. ETFs sind Sondervermögen nach der UCITS-Fondsrichtlinieund damit im Falle einer Insolvenz der Verwaltungs- oder Vertriebsgesellschaft geschützt. Gleichzeitig können ETFs laufend über die Börse gehandelt werden und die ETF Portfolios sind in der Regel transparent. Die wichtigsten Investoren in börsengehandelte Indexfonds sind derzeit große professionelle Kunden wie Fondsgesellschaften oder Versicherungen, die oftmals auf Basis eigener Entscheidungen einen Teil des Vermögens in ETFs allokieren. Nach Schätzungen der Deutschen AWM stammen erst rund 10 bis 15 Prozent des verwalteten Vermögens in ETFs von Privatanlegern, die meist über einen Online-Broker oder eine Direktbank handeln. Während ETFs im Vertriebskanal Online-Banking seit langem akzeptiert sind, nimmt der klassische Bankenvertrieb erst langsam das Potenzial der ETFs wahr. Allerdings sind auch bei ETFs Risiken zu beachten. Es gibt keinen Fondsmanager, der bei einem eventuellen Kurseinbruch eingreift. Dadurch könnte der ETF-Wert jederzeit unter den Preis fallen, zu dem der Anleger die Fondsanteile erworben hat. Daraus können Verluste resultieren. Anleger sollten sich beim Einsatz von ETFs genau über ihre Risikotragfähigkeit und ihre Anlageziele im Klaren sein. Dabei kann eine Beratung in einer Bank sinnvoll sein.

ETFs als Kundenbindung für den klassischen Bankenvertrieb

Es gibt gute Gründe, dass es für Banken sinnvoll sein könnte, Indexfonds stärker zu berücksichtigen. Denn unabhängig vom Produkt schätzen Kunden eine qualitativ hochwertige Beratung – und suchen mehr denn je eine individuelle Anlagelösung. Der Einsatz von ETFs kann damit helfen, neue Kundengruppen zu erschließen oder bestehende Beziehungen zu kräftigen. Im Kern geht es in der Vermögensverwaltung einer Bank vor allem um das Erreichen der angestrebten Ertragsziele für das Kundendepot. ETFs könnten verstärkt eingesetzt werden, um die jeweilige Marktmeinung umzusetzen. Die Honorierung erfolgt in der Regel ohnehin über eine Vermögensverwaltungsgebühr, die von den eingesetzten Produkten unabhängig ist.
ETFs sind zudem geeignete Bausteine für ein diversifiziertes Portfolio. Entsprechend oft werden sie für Asset-Allocation-Produkte eingesetzt. Ein Trend geht daher zu ETF-Managed-Portfolios oder ETF-Dachfonds, die üblicherweise mindestens 50 Prozent ihres Vermögens in ETFs investieren. Laut einer Untersuchung von Morningstar hat das Segment der ETF-Dachfonds im letzten Jahr einen Wachstumssprung gezeigt. Eine Auswertung zeigt einen Vermögenszuwachs von Ende 2013 bis Ende 2014 von 17 Prozent auf 13,52 Milliarden US-Dollar.
Besonders gefragt sind laut Morningstar ETF-Dachfonds, die ein Anlageuniversum mit global ausgerichteten Strategien abdecken. Mittlerweile gibt es solche Produkte auch bei Banken. Ein Beispiel ist die Best-Allokation-Produktfamilie, die ihr Fondsvermögen überwiegend in ETFs anlegt. Andere aktuelle Beispiele für gemanagte ETF-Depots sind Fine-Folio-ETF-Strategien, die seit Anfang 2015 über den Maklerpool Jung, DMS & Cie. aus München angeboten werden, oder das im Juli 2015 eingeführte fintego Managed ETF-Depot der European Bank for Financial Services (ebase).

Was sind ETFs?

ETF ist die Abkürzung für Exchange Traded Funds (börsengehandelte Indexfonds). Sie sind an einer Börse gelistet sind und haben das Ziel, die Wertentwicklung eines zugrunde liegenden Index so exakt wie möglich abzubilden.
Wie ist der rechtliche Rahmen? In Europa gehandelte ETFs entsprechen den europäischen Vorschriften für Investmentfonds (UCITS bzw. OGAW). Wo investieren ETFs? Mit ETFs können sich Investoren in einer breiten Palette von Aktienmärkten engagieren (z.B. Industrie- und Schwellenländer, Sektoren), in verschiedenen Anleihemärkten (z.B. Staats- und Unternehmensanleihen, Inflationsgeschützte Bonds) sowie Rohstoffindizes. Wie erreichen ETFs ihr Anlageziel? Bei der direkten Replikation investieren ETFs in dieselben Indexbestandteile in genau derselben Gewichtung wie der zugrunde liegende Index. Bei der indirekten Replikation investieren ETFs in liquide Wertpapiere, zusätzlich wird eine Swap-Vereinbarung eingegangen. Dabei wird die Wertentwicklung des Fondsportfolios gegen die Performance des zugrunde liegenden Index getauscht.

Bildnachweis: Kenneth Drysdale via istockphoto.de

Lesen Sie auch

Von Bullen und Bären

Ob Börsianer oder nicht, den Begriff Bullen- bzw.[…]

Redaktion

Die Legende der chinesischen Treasury-Waffe

Die chinesische Mythologie, welche in ihrer mündlichen Überlieferung[…]

Alexander Krüger

11. Oktober 2008: Einigung in der Krise

Heute vor genau 10 Jahren und ungefähr einen[…]

Redaktion

100 Milliarden

Markus Braun, Chef der Wirecard AG, hält es[…]

Redaktion

Familienangelegenheiten

Trotz guter Quartalszahlen droht der Commerzbank im September[…]

Daniel Fernandez

Handelsstreit mit USA schadet allen Beteiligten

US-Präsident Donald Trump setzt seinen Wahlspruch „America First“[…]

Marco Bargel

US-Geldpolitik: überschaubare Implikationen für Devisenkurse von Schwellenländern

Geraten die Devisenkurse von Schwellenländern mit der geldpolitischen[…]

Dr. Klaus Bauknecht

Krypto-Science-Fiction

Immer mehr Start-ups schießen sich in ferne Krypto-Galaxien,[…]

Redaktion

Deutsche Unternehmen überweisen 47 Milliarden Euro an Aktionäre

Der Blick auf die Kontoauszüge lässt viele Aktionäre[…]

Christian Kahler

Griff der Notenbanken lockert sich

Die Informationsfunktion von Marktpreisen wurde bislang durch den[…]

Ulrich Kater

Besser wird’s nicht mehr – Ausblick 2018

Die Stimmung der deutschen Unternehmen war noch nie[…]

Stefan Bielmeier

Aufklärung über die Mythen der Automatisierung

In Zeiten von selbstfahrenden Autos, Roboter-Operationen und Computern,[…]

Charles Ellis

Kryptowährungen – Technisch genial oder Blase fatal?

Bitcoin ist der bekannteste Vertreter unter den Kryptowährungen,[…]

Robert Halver

Vorteile aus zwei Welten für die Vermögensverwaltung

Neben der prognosebasierten Portfoliosteuerung hat sich bei der[…]

Christian Jasperneite

So kann es nicht mehr weitergehen

Der S&P 500 hat in den vergangenen dreißig[…]

Otmar Lang

Von Beruf: Liquiditätsspender

Werden Wertpapiere gehandelt, sind sie liquide. Eine Besonderheit[…]

Claus Stielenbach

Bewertung – Wachstum – Risikoaversion

Die Sommermonate waren ein unangenehmes Lehrstück, wie die[…]

Dr. Achim Hammerschmitt

Der Brexit und der Gewerbeimmobilienmarkt in Frankfurt

Der Austritt Großbritanniens aus der EU wird zu[…]

Gertrud Traud

Gebührenexzesse können nicht die Lösung sein

Eine Einführung oder Erhöhung von Gebühren ohne Verbesserung[…]

Robin Buschmann

Aktien oder Gold? Eine typisch deutsche Frage

Gold erfreut sich vor allem in Krisenzeiten großer[…]

Dr. Christoph Bruns

Soll ich jetzt noch Aktien kaufen?

Das fragen viele Kunden ihre Berater. Die deutschen[…]

Jochen Knoesel

Lehren aus der Frankreich-Wahl

Am Ende fiel der Sieg deutlicher aus als[…]

Uwe Burkert

„Es ist höchste Zeit, dass die Deutschen ihre Sparangewohnheiten ändern“

Die comdirect bank AG bietet mit cominvest ab[…]

Philipp Scherber
Erneuerbare Energien Onshore

Erneuerbare Energien – ein wachsendes Geschäftsfeld für Banken

Alle Länder der EU haben sich mit der[…]

Lars Quandel

Handelsbilanzüberschüsse als kulturelles Phänomen

Klarer kann es ein US-Präsident kaum ausdrücken: Trump[…]

Karsten Junius

Das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten

Freud und Leid gehören bekanntermaßen schon seit eh[…]

Carsten Brzeski

Börsen am Scheideweg?

Nunmehr ist es acht Jahre her, dass die[…]

Dr. Christoph Bruns

Tipps für die Geldanlage während der Niedrigzinsphase

Anzeige Durch clevere Investments können Anleger nicht nur[…]

David Gunner

TARGOBANK startet Depoteröffnung für online-affine Kunden

Düsseldorf – Was beim Kreditangebot „Direkt-Geld“ schon lange[…]

Christian Grosshardt

Wie repräsentativ sind Indizes?

Mit der steigenden Beliebtheit von Exchange Traded Funds[…]

Thomas Kettner

Erfolgreich anlegen mit ETFs

Autor: Michael Huber u.a. Euro: 24,99 192 Seiten,[…]

Christian Grosshardt

Trump verunsichert auch weiterhin Anleger

Frankfurt – Die groß angekündigte Pressekonferenz des künftigen[…]

Daniel Fernandez

Aktien mit wenig Potenzial, Anleihen mit erheblichen Risiken

Das Börsenjahr 2016 wurde vor allem von den[…]

Carsten Mumm

Zins-Zäsur verlangt Umsteuern bei der finanziellen Altersvorsorge

Mittlerweile pfeifen es die Spatzen von den Dächern:[…]

Dr. Christoph Bruns

Anlageberatung im Nullzinsumfeld: Neue Konzepte braucht das Land

Die Tatsache, dass Staatsanleihen keine risikolose Rendite mehr[…]

Jochen Knoesel

Long live the King: Der US-Dollar regiert die Welt!

Warum ist der US-Dollar für die Entwicklung der[…]

Andreas Lesniewicz

Warum in die Ferne schweifen?

Am deutschen Aktienmarkt tummelt sich eine Vielzahl attraktiver[…]

Oliver Maslowksi

„Kampfschwadron Apache Hubschrauber“ – was hat es mit „Helikoptergeld“ auf sich?

Die geldpolitischen Maßnahmen scheinen bald ausgereizt zu sein.[…]

Florian Müller

Alles bleibt anders

Nach schwachem Jahresauftakt haben sich die Börsen zuletzt[…]

Carsten Klude

Gute Aussichten bis ins 2. Halbjahr

Die Ankündigungen der EZB im März hatten es[…]

Dr. Harald Preißler

DAX-Analyse: Alles halb so schlimm?

Die Rückkehr der Risikofreude bei den Anlegern führte[…]

Stefan Böhm

The bear is growling!

In den Medien hört man oft, dass man[…]

Roman Kurevic

Es gibt sie doch, die Finanzexperten!

In den letzten Ausgaben der Bankingnews kritisierten André[…]

Vasily Nekrasov

Wahrsager und Kristallkugeln

Hier meine Vorhersage: Auch im kommenden Jahr werden[…]

Lucy O'Carroll

Sind die Börsenschwankungen im Jahr 2015 noch normal?

Die Schwankungen an der Börse verursachte so manchem[…]

Florian Müller

Schwein gehabt!

Das Fahrradschloss „Lock8“ schließt noch nicht. 742 Unterstützer[…]

Thorsten Hahn

Fed-Beben

Erdbeben verursachen häufig auch weit vom Epizentrum entfernt[…]

Ludovic Subran

Postbank: Hauptversammlung beschließt, Aktien von der Börse zu nehmen

Die Jahreshauptversammlung der Postbank beschloss gegen den Willen[…]

Julian Achleitner