Blick in die Zauberkugel

Für Finanzexperten gibt es derzeit ein ganze Reihe von mittel- bis langfristigen Voraussagen zu treffen. In den vergangen drei Wochen waren wir Marktbeobachter froh, wenn wir halbwegs mit dem aktuellen Tagesgeschehen Schritt halten konnten. In den kommenden Tagen werden wir nun ausreichend Gelegenheit bekommen, die mittel- bis langfristigen Entwicklungen abzuschätzen. Dabei geht es um die…


Für Finanzexperten gibt es derzeit ein ganze Reihe von mittel- bis langfristigen Voraussagen zu treffen.

In den vergangen drei Wochen waren wir Marktbeobachter froh, wenn wir halbwegs mit dem aktuellen Tagesgeschehen Schritt halten konnten. In den kommenden Tagen werden wir nun ausreichend Gelegenheit bekommen, die mittel- bis langfristigen Entwicklungen abzuschätzen. Dabei geht es um die Aussichten für den Beginn des Taperings der US Zentralbank, um die mittelfristigen Konjunkturaussichten in Europa und um die Bankbilanzprüfung in der Eurozone.

Die Evaluierung findet vor dem Hintergrund relativ extremer Kursniveaus statt: Die Aktienmärkte erreichen fast täglich neue Rekordhochs.Die Renditen der Kernländer haben sich von ihren Hochs Anfang September teils deutlich entfernt. Die Renditeaufschläge der Staatsanleihen Spaniens und Italiens sind so gering wie seit über zwei Jahren nicht mehr. EUR-USD ist kurz davor, ein neues Jahreshoch oberhalb von 1,3711 zu erklimmen.

Einer der bedeutendsten Faktoren bei der Beurteilung der Aussichten für den Beginn des Taperings der Fed (also den Einstieg in den Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik) ist die Verfassung des amerikanischen Arbeitsmarktes. Eine „nachhaltige“ Verbesserung sei Grundvoraussetzung für einen Tapering-Beginn. Dazu gehört ein markanter Aufbau neuer Stellen (ein Zuwachs von etwa 150 Tausend Stellen wie im Schnitt der vergangenen Monate ist den Fed-Offiziellen ganz offensichtlich zu wenig) und ein „gesunder“ Rückgang der Arbeitslosenquote. Im Herbst 2009 erreichte die Arbeitslosenquote in den USA die Marke von 10,0%. Seither ging die Rate mehr oder weniger stetig auf zuletzt 7,3% zurück. Ein Großteil dieses Rückgangs liegt jedoch in einer Verringerung der Bemessungsgrundlage begründet: Immer mehr Amerikaner geben ihre Jobsuche auf. Mathematisch ausgedrückt verringert sich dadurch der Nenner im Bruch der Arbeitslosenquote. Morgen bekommen wir den aufgrund des Shutdowns verspätet veröffentlichten Arbeitsmarktbericht für den Monat September. Als der Verwaltungsstillstand noch keine bedeutende Rolle spielte, sollte sich der Stellenaufbau unserer Meinung nach auf etwa 190 Tausend beschleunigt haben. Und auch, wenn dieser Arbeitsmarktbericht aufgrund der Entwicklungen der vergangenen Wochen „veraltet“ erscheint – die Anleger werden sofort wieder damit beginnen, die einzelnen Zahlen in das wahrscheinlichste Tapering-Datum zu übersetzen.

Der Konjunkturausblick für die Eurozone wird sich in den kommenden Tagen entlang zahlreicher Stimmungsindikatoren schärfen. Wir bekommen den französischen INSEE Index (Mittwoch), die vorläufigen PMIs für Deutschland, Frankreich und die Eurozone (Donnerstag) und den Ifo-Index (Freitag). Allgemein werden stabile bis leicht verbesserte Werte erwartet.

Für Mittwoch hat die EZB angekündigt, Details ihrer Untersuchung der Bankbilanzen zu veröffentlichen. Dieses Thema wird uns wahrscheinlich die nächsten zwölf Monate begleiten. Die Operation ist auch begrifflich eine Herausforderung. Nach Stand der Dinge unterteilt sich der Prüfungsprozess in drei Elemente: Eine Bilanzuntersuchung („Balance Sheet Assessment“), eine Prüfung der Vermögenswerte („Asset Quality Review“) und einen Stresstest („Stress Test“). Details zur Abgrenzung und Inhalt hierzu wie gesagt am Mittwoch, wobei die EZB erneut fordern wird, einen Topf mit Kapital zum Füllen eventuell auftretender Lücken in den Bilanzen der Banken bereit zu stellen.

Angereichert wird diese Themen-Troika mit einer Reihe von Quartalszahlen (auch in Europa gewinnt die Berichtssaison nun an Schwung) und dem britischen Q3 BIP-Wachstum am Freitag. Auch wenn es vorwiegend um die mittelfristigen Aussichten gehen wird – irgendwie werden wir dann doch wieder froh sein, wenn es uns gelingt, halbwegs mit dem Tagesgeschehen Schritt zu halten…

Foto von freddie-walker – www.istockphoto.com