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Warum der Geist nicht aus der Flasche kommt

Viele Banken und Finanzdienstleister befinden sich mit ihrem Sparkurs in der Sackgasse. Dabei wären sie eigentlich darauf angewiesen, ihren Innovationsmotor schleunigst auf Hochtouren zu bringen. Eine Spurensuche im menschlichen Gehirn beleuchtet die Gründe für diesen Zustand und liefert gleichzeitig Lösungen des Problems.

Von Werner Schediwy - 20. Mai 2016

Bildnachweis: iStock.com/DNY59

Der derzeitige Trend der Finanzbranche hin zur postulierten Innovationskraft, die ähnlich einem spirituellen Ritual immer und immer wieder in der aktuellen Managementliteratur und bei Kongressen gepredigt wird, ist aus meiner Sicht zu kurz gegriffen und ohne nennenswerte Substanz. Um es noch etwas schärfer zu formulieren: Viele ManagerInnen in der Finanzwirtschaft verordnen ihren Unternehmen Innovationskraft als Reaktion auf den veränderten Markt durch aufkeimende Fintechs, ein verändertes Kundenverhalten und die Kraft der digitalen Technologien. Dabei wird leider allzu gerne vergessen, dass Innovationsfreudigkeit nicht allein durch die Installierung einer Abteilung entsteht, sondern durch die Entwicklung eines gemeinsamen unternehmerischen Geistes. Aber wie kommt man zu diesem schöpferischen Geist im Unternehmen? Oft beklagen sich die Gesellschafter von Unternehmen bei mir über den fehlenden „Spirit“ in ihrer Firma.

Eine Reise ins menschliche Gehirn

Um dieser Frage näher auf den Grund zu gehen, müssen wir einfach eine Reise in unser Gehirn antreten: Dort liegen die Antworten offensichtlich „auf der Hand“. Denn das Gehirn des Menschen entwickelt seine Intelligenz durch Training. Einfach gesagt heißt das: Je mehr es gefordert wird, umso mehr Nervenzellenverbindungen und synaptische Verschaltungen entstehen in den jeweiligen Gehirnregionen. Diese Vernetzungen verändern sich ein Leben lang und werden durch äußere Stimulanzen (bereits im Mutterleib) stark beeinflusst. Wir Menschen entfalten heute daher andere Potentiale als noch unsere Vorfahren. Nach wie vor aber können wir unsere Potentiale nur gemeinsam entfalten. Wir brauchen dazu individualisierte Gemeinschaften, in denen jedes Mitglied die ihm angelegten besonderen Begabungen entfalten und in das Kollektiv einbringen kann.

Verbundenheit und Freiheit

Wir Menschen brauchen daher die Verbundenheit mit Gemeinschaften und zugleich auch die Freiheit. Und dabei ist es egal, ob wir diese beiden Faktoren im privaten Kontext einer Partnerschaft oder im Unternehmen betrachten: Verbundenheit und Freiheit!

Im Gehirn eines kreativen Menschen lässt sich mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie nachweisen, dass gleichzeitig mehr und entfernter voneinander liegende Netzwerke aktiviert werden, wenn der Proband ein bestimmtes Bild betrachtet. Legt man diese Erkenntnisse auf eine Organisation um, bedeutet das: Nicht nur die Anzahl der Mitglieder in einem Netzwerk sind ausschlaggebend, sondern auch die Unterschiedlichkeit von Wissen und Begabungen sind für einen innovativen Prozess von Bedeutung. Kreativität und Innovation heißt ja in der Regel nicht, Neues zu erfinden, sondern bisher voneinander getrenntes Wissen miteinander neu zu verbinden.

Frustration statt Entdeckergeist und Start-up-Spirit

Eine nachhaltige Innovationsenergie in einem Unternehmen ist daher nur durch die Freiheit individueller Potentiale bei gleichzeitiger Verbundenheit zu einer wertschätzenden, durch einen gemeinsamen Geist getragenen Gemeinschaft möglich. Start-up-Unternehmen sind genau von dieser gemeinsamen Idee getragen, bei der sich möglichst ergänzende Charaktere für eine gewisse Zeit zu einer Gemeinschaft zusammenschließen. Beim Betreten dieser Büros spüren Sie dann auch gleich diesen vielzitierten „Spirit“. Aber warum tun sich hier traditionelle Finanzunternehmen so schwer, ebenfalls wieder diesen Entdeckergeist zu aktivieren?

Ganz einfach: Weil dank der jahrelangen Kostenreduktionsprogramme, Prozessoptimierungsprojekte und Organisationsentwicklungen die Mitglieder einer Gemeinschaft (oder nennen wir sie der Einfachheit halber „Mitarbeiter“) zunehmend bereits eine Frustrationshaltung eingenommen haben.

Individuelle Potenziale fördern und vernetzen

Keine Frage: Kostenoptimierungen sind jederzeit notwendig und wichtig. Veränderungen und Anpassungen von Organisationen an neue Marktgegebenheiten ebenso. Wenn aber das Selber-Denken nicht mehr wertgeschätzt wird und eigene Verantwortung nichts mehr zählt, beginnen sich MitarbeiterInnen – egal in welcher Branche – durch Resignation sukzessive aus der Gemeinschaft zurückzuziehen.

Oder anders gesagt: Die emotionale, subjektive Verbindung zur gemeinsamen Idee und Positionierung zum eigenen Unternehmen weicht einer objektiven, neutralen Haltung als Arbeitgeber. In diesem Klima können keine neuen Verbindungen und somit auch keine Innovationen und kreativen Ideen entstehen – egal, ob es dabei um die emotionale Optimierung von Kundenbindungen oder um neue Produktangebote geht.

Langfristig werden daher nicht jene Finanzunternehmen erfolgreich sein, die ihre Mitarbeiter als Objekte zur Umsetzung ihrer Aufträge sehen, sondern jene Unternehmen, die individuelle Potentiale fördern und diese in einer werteorientierten Gemeinschaft vernetzen. Das ist nicht nur das Geheimnis der Spezies Mensch, sondern ist auch zentraler Mittelpunkt einer wissensbasierten Gesellschaft.

Liebe ManagerInnen: Nutzen Sie bitte das kollektive Wissen Ihrer MitarbeiterInnen und fördern Sie damit deren Verbundenheit zu ihrem Unternehmen. Geben Sie ihnen gleichzeitig die Freiheit, ihre Begabungen und Potentiale zu vernetzen! Denn der Geist entsteht aus der Vernetzung der kreativen Potentiale in Ihrem Unternehmen und kommt leider doch nicht aus der Flasche.

 

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