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„Der Markt wächst und wir wachsen mit“

Crowdlending-Plattformen wie kapilendo erfreuen sich auch auf dem deutschen Markt mittlerweile großer Beliebtheit. Trotzdem ist diese Alternativfinanzierung hierzulande insbesondere im Mittelstand noch nicht ausreichend bekannt und stößt oftmals auch auf Skepsis. Im Interview erklärt Christopher Grätz, Mitgründer und Geschäftsführer der kapilendo AG, warum diese Bedenken häufig unbegründet sind und wie die Zukunft des Plattformgeschäfts aussehen könnte.

Von Daniel Fernandez - 03. Juli 2018

Im Interview mit BANKINGNEWS sprach Christopher Grätz, Mitgründer und Geschäftsführer der kapilendo AG, u.a. über die Perspektiven des Plattformgeschäfts in Deutschland.

BANKINGNEWS: Crowd-Plattformen gibt es in Deutschland bereits einige. Womit sticht kapilendo in diesem Markt hervor?

Christopher Grätz: Nach meinem letzten Wissensstand gibt es aktuell 145 Crowdplattformen in Deutschland. In Sachen Volumen landen wir unter diesen – je nachdem welche Statistik man befragt – fast immer auf dem zweiten Platz. Wir sind also in Deutschland sicherlich eine der relevantesten Plattformen und haben uns sehr spezifisch auf den Mittelstand fokussiert. Das heißt, dass wir bewusst keine klassischen Start-up-Frühphasen-Investments tätigen. Alle Unternehmen, die man bei uns auf der Plattform findet, haben bereits ihren Proof-of-Concept erbracht und ihr Geschäftsmodell mit relevanten Umsätzen bewiesen. Wir sind zudem die einzige Plattform in Deutschland, die sowohl klassische Kredite als auch Nachrangfinanzierungen vergeben kann. Wenn man uns zum Beispiel mit Funding Circle vergleicht, die klassische Kredite vergeben, oder Companisto und Seedmatch, die vor allem Nachrangdarlehen anbieten, bilden wir ein Stück weit beide Produktarten ab. Wir geben dadurch dem Unternehmer die Möglichkeit, jede Phase und jede benötigte Form von Kapital finanzieren zu können, und der Anleger hat gleichzeitig mehr Spielraum, sein Investment zu diversifizieren. Außerdem zeichnen wir uns dadurch aus, dass wir – von der Kreditprüfung bis hin zum Kampagnenmanagement – den kompletten Prozess bei uns im Haus abwickeln. Dadurch können wir jedes Projekt genau prüfen und die Qualität entsprechend hochhalten. Zusätzlich erweitern wir das Produkt des Mittelstandinvestments um eine Emotionalität, die man sonst eher aus der Start-up-Szene kennt.

Wie stehen Sie zur Popularität von Robo Advisors, bei denen diese emotionale Ansprache fehlt und im Prinzip nur ein Algorithmus darüber entscheidet, wie Anleger ihr Geld investieren?

Robo Advisor sind ein völlig valides Modell und haben ebenfalls ihre Berechtigung im Markt. Sie sind aber gar nicht mit unserem Modell vergleichbar. Wir haben nicht die Erwartung, dass ein Anleger sein komplettes Geld bei kapilendo investiert. Genauso wie wir mit kapilendo nur ein Teil in einem Gesamtportfolio sind, ist es auch der Robo Advisor. Wenn ein Anleger einen gewissen Betrag in ETFs und damit sehr breit gestreut in die Gesamtwirtschaft investieren möchte, hat er vermutlich gar kein Interesse daran, die einzelnen Unternehmen kennenzulernen. Diversifikation ist aber nicht nur für Robo Advisor, sondern auch für uns ein wichtiges Thema: Unsere ersten Anleger haben mittlerweile in fast 100 Projekte investiert und dabei immer die Möglichkeit, eigenständig zu sagen: „Dieses Unternehmen oder diese Branche lasse ich weg, da es mir persönlich nicht gefällt.“

„Wir richten den Blick zusätzlich immer in den Rückspiegel“

Es gibt Kritiker, die behaupten, dass beim Crowdinvesting Kleinanleger zu riskanten Anlagen verleitet werden. Was tun Sie, um die Risiken für unerfahrene Kleinanleger zu minimieren?

Wir fokussieren uns ganz klar auf Unternehmen, die wir auch tatsächlich überprüfen können. Wenn man es metaphorisch darstellen will, ist ein Start-up-Investment der Blick durch die Frontscheibe, bei dem nur die Zukunft eine Rolle spielt. Wir richten den Blick zusätzlich auch immer in den Rückspiegel und beobachten, was bei einem Unternehmen in der Vergangenheit funktioniert hat. Es sind also nicht nur Prüfungen und Schätzungen unsererseits, sondern immer auch bewiesene Daten und Fakten, die unseren Anlegern zur Verfügung stehen. Unser hauseigenes Ratingteam besteht aus Mitarbeitern, die aus der klassischen Bankwelt oder aus Ratingagenturen wie Standard & Poor’s kommen. Wir lehnen aktuell fast 99 Prozent der Unternehmen ab und picken uns letztendlich die Rosinen heraus, von denen wir überzeugt sind. Der Kleinanleger hat also die Möglichkeit, unserem Prüfverfahren allein zu vertrauen, oder aber er prüft zusätzlich selbst. Die aktuelle Ausfallquote auf unserer Plattform, die unter 0,5 Prozent liegt, beweist, dass der Prozess funktioniert. Zum anderen bieten wir unseren Anlegern die Möglichkeit, schon mit kleinen Beträgen wie 100 Euro zu investieren. Bei einer Sachwertanlage am Markt muss man immer auch lange Laufzeiten in Kauf nehmen und sehr große Beträge einsetzen, sodass das Risiko bei Kleinanlegern letztendlich auf nur wenigen Investments ruht. Bei uns ist das anders: Wenn ein Anleger 10.000 Euro investieren will, kann er das in 1000 verschiedene Projekte stecken. Er kann also sehr stark streuen und damit letztendlich das Risiko reduzieren.

Brauchen Unternehmen zukünftig keine Bank mehr, um einen Kredit zu bekommen?

Soweit würde ich definitiv nicht gehen. Wir gehören nicht zu den Fintechs, die glauben, dass wir die klassische Bank ablösen werden und verstehen uns vielmehr als eine Ergänzung im Finanzierungsmix. Besonders bei der Nachrangfinanzierung arbeiten wir nicht selten Hand in Hand mit Banken zusammen. Natürlich stellen wir auch eine Alternative zur klassischen Bankfinanzierung dar und können insbesondere Themen wie Digitalisierung oder andere Wachstumsprojekte finanzieren, bei denen sich Banken oftmals schwertun. Diese lehnen die Finanzierung eines Online-Shops häufig ab, weil ihnen hier schlicht die Besicherung fehlt. Für die Crowd ist es hingegen ein einleuchtendes Investment, da der Aufbau eines Online-Auftritts heutzutage einen völlig normalen Schritt für jedes Unternehmen darstellt. Wir ergänzen also den bestehenden Markt und bieten durch schnellere, wertschöpfendere Prozesse auch einen Ersatz für das eine oder andere Bankprodukt.

„Das Produkt ist stark komplementär“

Haben Sie Kooperationen mit Banken geplant?

Wir arbeiten sehr häufig mit Partnern aus der klassischen Finanzwelt zusammen, weil für uns der Zugang zum Unternehmer noch schwierig ist. Unser Produkt muss insbesondere den Mittelständlern noch besser bekannt gemacht werden. Wir können zum Beispiel mit Banken zusammenarbeiten, die hauptsächlich Leasing und Factoring anbieten und gar keine klassischen Kredite vergeben. Das Produkt ist am Ende doch stark komplementär, und es gibt viele Banken, für die alles unter 500.000 Euro sowieso keinen Spaß macht, weil die Kosten dafür zu hoch und die Margen zu klein sind. Hier gibt es viel Raum für Kooperationen.

Es gibt das Klischee, dass Crowdlending-Plattformen nur die Geschäfte machen, die Banken nicht wollen. Ist da etwas Wahres dran?

Ja und Nein. Nein, weil es auch Bereiche gibt, in denen wir uns mit den Banken überschneiden. Mit der Maschinen- oder Wachstumsfinanzierung zum Bespiel tun sich Banken häufig schwer, und können erst nach Monaten ein klares Feedback geben. Da sind wir deutlich schneller. Bei uns weiß der Unternehmer in der Regel schon nach einer Woche, wie es weitergeht. In diesem Fall bevorzugt der Kunde sogar die Plattform gegenüber der Bank. Das Klischee trifft aber in der Hinsicht zu, dass wir auch Geschäfte machen, die die Bank nicht will – jedoch explizit nicht am Bonitätsende. Und das ist der eigentliche Vorwurf: Plattformen übernehmen das Geschäft, welches die Bank aus Bonitätsgründen nicht finanzieren will. In der Realität gibt es aber viele Geschäfte, die eine Bank gerne machen würde, aber zum Beispiel aus regulatorischen Gründen nicht kann. Bei zu kleinen Krediten oder Digitalisierungsfinanzierung, also allen Bereichen, wo keine dingliche Sicherheit gegeben ist, können wir deutlich mehr anbieten und müssen dabei auch nicht auf Bonitätserfordernisse verzichten.

„Wir treten als Plattform nur da auf, wo wir vollkommen integer sind“

Sie haben Anfang 2017 die Crowdinvesting-Plattform Engel & Völkers Capital mitgegründet. Wieso sind Sie hier vom klassischen Mittelstandskredit auf Immobilienfinanzierung übergegangen?

Die Engel & Völkers Capital ist einer unserer Investoren und glaubt dementsprechend ebenfalls an das Geschäft der Mittelstandsfinanzierung. Wir haben gemeinsam erkannt, dass kapilendo eine ausgezeichnete technische Infrastruktur besitzt, auf der grundsätzlich alles laufen kann. Ob über die Plattform eine Immobilienprojektfinanzierung läuft oder ein klassischer Mittelstandskredit, spielt in Bezug auf die Technik keine Rolle. Ohne die Engel & Völkers Capital hätten wir uns nie in den Markt der Immobilienfinanzierung hineinbegeben. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir als Plattform nur dort auftreten, wo wir vollkommen integer sind, nämlich in der Mittelstandsfinanzierung. Durch die Zusammenarbeit mit Engel & Völkers Capital konnten wir jedoch ihre Kompetenz in der Immobilienfinanzierung mit unseren Erfahrungen im Plattformgeschäft zusammenbringen. Auf dieser Plattform sind wir entsprechend auch nur für die technische Infrastruktur zuständig und nicht in die Auswahl oder Prüfung von Projekten involviert.

„Wir möchten ein essentieller Baustein im Finanzierungsmix sein“

Welche Perspektiven sehen Sie für kapilendo und das Plattformgeschäft insgesamt in den nächsten Jahren?

Wir haben zwischen 2016 und 2017 ein Wachstum von 250 Prozent erzielt und bis jetzt 25 Millionen Euro in über 100 Projekten finanziert. Wir wollen diesen Trend fortsetzen und 60 Millionen Finanzierungsvolumen am Ende dieses Jahres erreichen. Der Markt wächst. Wir möchten mitwachsen und für den Unternehmer ein essentieller Baustein im Finanzierungsmix sein. Crowdinvesting und Crowdlending sind mittlerweile deutlich bekannter geworden und besitzen Wachstumsraten pro Jahr, die im dreistelligen Prozentbereich liegen. Setze ich das ins Verhältnis zum Gesamtfinanzierungsmarkt, ist da natürlich noch enorm viel Potenzial. Wenn man das deutsche Plattformgeschäft mit dem in Großbritannien vergleicht, wo der Marktanteil schon deutlich größer ist, kann man davon ausgehen, dass sich dieser Trend auch hierzulande fortsetzen wird. Ich glaube, dass man als Plattform über die nächsten drei bis fünf Jahre durchaus 10, 15 oder 20 Prozent Marktanteil bei kleineren Krediten erreichen kann. Auch der Generationswechsel im Mittelstand und immer jünger werdende Unternehmen werden dazu beitragen und diese Tendenz zum Digitalen noch weiter beschleunigen.

Christopher Grätz

kapilendo AG

Christopher Grätz ist Mitgründer und Geschäftsführer der kapilendo AG. Zuvor war er als Management Consultant der KPMG AG im Bereich Strategy & Operations – Financial Services tätig und hat deutsche und internationale Großbanken und DAX-30 Industrieunternehmen beraten.

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