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Payment

„Eine Operation am offenen Herzen“

Die Implementierung von paydirekt in den Kernbanksystemen glich einer „Operation am offenen Herzen“, wie der Geschäftsführer des Unternehmens Dr. Niklas Bartelt bei einem Gespräch auf der dmexco 2016 anmerkte. Der Zusammenschluss nahezu aller deutschen Banken und Sparkassen und damit die Vielfalt sei allerdings die große Stärke des gemeinsamen Zahlungssystems. Die Dezentralität im Marketing und im Vertrieb stellte sich bisweilen jedoch auch als problematisch dar.

Von Philipp Scherber - 22. September 2016

Dr. Niklas Bartelt ist Geschäftsführer der paydirekt GmbH und zuständig für den Aufbau, den Betrieb und die Weiterentwicklung des Zahlungssystems. Zuvor war er als Direktor der DZ Bank verantwortlich für das Produktmanagement im Bereich Operations & Services.

BANKINGNEWS: Im August 2015 fiel der Startschuss zu paydirekt. Wie beurteilen Sie den Verlauf des ersten Jahres?

Niklas Bartelt: Die erste Live-Transaktion im August 2015 war nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur Vollständigkeit. Im Juli 2014 haben wir mit dem Bau des zentralen Systems begonnen und ein Jahr später mit der besagten Transaktion den Pilotbetrieb gestartet. Der zweite Schritt war, die Banken an Bord zu holen, was in der Bedeutung und der Herausforderung oft unterschätzt wird. Wir haben tiefe und breite Schnittstellen in jedes Kernbanksystem der deutschen Banken – und damit in das Allerheiligste einer Bank. Somit war jeder Anschluss einer Bank eine Operation am offenen Herzen.

Bei den Sparkassen verlief das offensichtlich etwas schleppender.

Ja, und gerade deswegen sind wir stolz darauf, dass wir die Sparkassen dennoch so schnell auf unsere Plattform bekommen haben. Das war immer die Forderung der Händler. Ein Netzwerk in Form eines Zahlungssystems funktioniert nur dann, wenn alle Banken dabei sind. Ab April konnten wir schließlich auch eine signifikante Anzahl an großen Händlern gewinnen, die nun sukzessive live geschaltet werden. Zwölf der 50 Händler auf unserer Zielliste sind inzwischen gesignt, d.h. wir sprechen von 1,4 Milliarden Euro E-Commerce-Umsatz. Damit sind wir am Markt angekommen. Nun folgt das Endkunden-Marketing. Diese Reihenfolge muss man verstehen. Es macht keinen Sinn, den Wasserhahn bei den Endkunden zu weit aufzudrehen, bevor wir diesen nicht eine gewisse Bandbreite an Shops anbieten können.

Wir benötigen Gelassenheit

Sie sprechen das berüchtigte Henne-Ei-Problem an, welches von Kritikern immer wieder ins Feld geführt wurde. Haben Sie im letzten halben Jahr einen Hebel gefunden, um dieses Problem zu lösen?

Wir merken, dass die Händler uns zutrauen, die Bankkunden für das Produkt zu begeistern. Dafür dass wir bisher nur begrenzt Marketing betreiben, haben wir schon eine sehr gute Anzahl an Registrierungen – mehr als wir erwartet hätten. Fernsehwerbung wie diejenige der Sparkassen hatte lange Zeit einen rein edukativen Charakter, dem erst kürzlich ein Call-to-Action hinzugefügt wurde, um in einem dritten Schritt Transaktionen zu generieren. Diese Schritte müssen sorgfältig nacheinander abgearbeitet werden. Wir benötigen die Gelassenheit, um diesen Plan sauber zu verfolgen.

Die Anzahl der Registrierungen muss immer in Relation zu den potentiellen Nutzern – also allen Girokonteninhabern – gesetzt werden. Von diesen hat sich bislang nur etwa ein Prozent bei paydirekt registriert. Wo liegen die kurz-, mittel- und langfristigen Ziele?

Wir sind jetzt deutlich oberhalb der 600.000 Registrierungen. Sobald wir stärker in Werbung investieren, werden wir noch einmal deutlich zulegen. Wir sind in der glücklichen Lage, nahezu alle deutschen Banken und Sparkassen an Bord zu haben. Damit haben wir die Möglichkeit, deren Kanäle zu nutzen, z.B. das Online-Banking oder den Geldautomaten, an dem der Kunde nicht abgelenkt ist und die Werbung aufmerksam wahrnimmt.

Vielfalt und Bandbreite sind unsere Stärken

Aus dem Lager der Sparkassen, die eine teure Kampagne gestartet haben, kam der Vorwurf, dass sich die anderen Banken im Vergleich dazu mit dem Marketing für paydirekt eher zurückgehalten hätten. Ist das ein Ausdruck eines grundsätzlichen Problems – nämlich dem der Dezentralität in der Organisation? Und wie versuchen Sie, die Aktionen in geordnete Bahnen zu lenken?

Niklas Bartelt im Gespräch mit BANKINGNEWS-Redakteur Philipp Scherber auf der dmexco 2016.
Niklas Bartelt im Gespräch mit BANKINGNEWS-Redakteur Philipp Scherber auf der dmexco 2016.

Selbstverständlich koordinieren wir diese Themen. Ich glaube aber, dass diese Vielfalt und Bandbreite gerade die Stärken von paydirekt sind. Man muss sich aber bewusst machen, dass wir es mit eigenständigen Banken und mit eigenständigen Marketingstrategien zu tun haben, die nun nach langer Zeit zum ersten Mal zusammenkommen. Das letzte Mal war so etwas im Bereich Zahlungsverkehr bei der Einführung der „EC-Karte“ oder der Girocard der Fall. Ich nehme es als großes Asset wahr, dass unterschiedliche Ansätze gefahren werden.

Als wir im Januar mit Helmut Wißmann (ebenfalls Geschäftsführer der paydirekt GmbH; Anm. d. Red.) gesprochen haben, hat er uns auf eine lange Liste von Entwicklungspotenzialen hingewiesen. Im Fokus der Vermarktung von paydirekt steht derzeit immer noch das – zugegebenermaßen sehr wichtige – Thema des Datenschutzes und der Datensicherheit. Andere Ansätze gehen davon aus, dass Payment-Anbieter nur mit Mehrwertleistungen attraktiv für den Nutzer seien, da dieser das reine Bezahlen als selbstverständlich ansieht. In welche Richtungen soll das Portfolio von paydirekt ausgebaut werden?

Sie haben natürlich Recht: Wir müssen Payment so einfach und bequem wie möglich machen. Außerdem müssen wir mit den Daten sauber umgehen. Nichtsdestotrotz denken wir an auch andere Themen. Wir haben stark in die mobile Umsetzung investiert und reagieren auf die ständigen Entwicklungen. Über die Themen Mehrwerte, P2P-Zahlungen oder Internationalisierung machen wir uns intensiv Gedanken, um paydirekt in der zweiten und dritten Welle weitertragen zu können. Definitive Aussagen können wir dazu im Augenblick noch nicht treffen, haben diese Themen aber von Anfang mitgedacht, um sie zu gegebener Zeit in der richtigen Qualität umzusetzen. Nur das anzubieten, was technisch machbar und elegant ist, überzeugt den Kunden nicht zwangsläufig, da der Mehrwert fehlt. Deswegen nehmen wir uns die Zeit und bringen dann etwas heraus, von dem der Kunde tatsächlich etwas hat.

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