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Politik & Aufsicht

Gier war der Auslöser der Krise

Von Redaktion - 04. Juli 2011

Heinz-Kurt Wahren, Betriebswirt, Psychologe und Autor untersucht die Finanzkrise aus einem anderen Blickwinkel. Dabei stellt er den menschlichen Faktor in den Vordergrund. Im Interview mit BANKINGNEWS erklärt er, welche Sachverhalte zu der Krise führten und welche Rolle der Mensch tatsächlich spielt.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Ursachen der Finanzkrise aus dem menschlich-individuellen Blickwinkel zu betrachten?
Wahren: An dem Tag, an dem Lehmann Brothers gecrasht sind, habe ich das druckreife Manuskript meines Buches „Anlegerpsychologie“ beim Verlag abgegeben. Danach habe ich den Börsenverlauf mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und dabei immer wieder den Begriff Gier wahrgenommen. In meinem Buch Anlegerpsychologie geht es darum wie sich der Anleger aus psychologischer Sicht verhält. Der Ausdruck "Gier" tauchte hierbei eher am Rande auf. Mir ist aber aufgefallen, dass in fast allen Veröffentlichungen nach dem Aktiencrash der Lehmann Brothers der Begriff Gier im Vordergrund stand. Das hat natürlich mein Interesse beflügelt, herauszufinden was es damit auf sich hatte und ob die Gier tatsächlich eine Ursache des Finanzcrashs gewesen sein konnte.

Würden Sie sagen, dass die Gier eine Ursache der Finanzkrise ist?
Wahren: In meinem Buch habe ich beschrieben, dass die zwei großen Faktoren, auf der einen Seite das Menschliche, auf der anderen Seite die systematischen Begebenheiten des Finanzsystems, zirkulär zusammenwirken. Der auslösende Effekt war sicherlich die Gier, die die ganze Entwicklung gepusht hat und zum endgültigen Kollaps der Finanzbranche führte. Die Gier ist ein wesentlicher Faktor, der aber nicht ausschließt, dass auch systematisch-technische Faktoren an der Finanzkrise Schuld waren. Beide Faktoren haben sich also gegenseitig gefördert.

Wie erklären Sie sich, dass unter Experten, die nach Gründen für die Finanzkrise gesucht haben, die Gier eher nebensächlich betrachtet, mitunter völlig ausgeschlossen wurde?

Wahren: Die Gier ist eine Eigenschaft, die ab dem 18. Jahrhundert nach und nach aus dem Vokabular der Wissenschaft gestrichen wurde. Sie finden im Bereich der Finanzwissenschaft oder im Bereich der Psychologie den Begriff Gier gar nicht mehr. Der Begriff wurde mit Adam Smith durch den positiv empfundenen Ausdruck Eigennutz ersetzt. Ich denke, dass die Leute, die darüber diskutiert haben, den Begriff Gier in ihrer ganzen Ausbildung gar nicht kennengelernt haben. Populär ist der Begriff im Gegensatz in der Journalistik, Literatur und auch im Film. Allein der Spiegel hat zu Beginn der Finanzkrise drei Titelthemen gebracht, in denen von Gier die Rede war.

Damit erklären Sie, weshalb die Gier nicht besonders berücksichtigt wurde. Wie kann es sein, dass auch andere menschliche Aspekte nicht zur Betrachtung der Finanzkrise herangezogen wurden?
Wahren: Ich denke, dass die Ökonomen keine Spezialisten auf diesem Gebiet sind. Die Diskurse und Informationen zur Finanzkrise wurden fast ausschließlich von Finanzexperten produziert, also von Leuten mit dem entsprechenden Hintergrundwissen zur Wirtschaftslage. Das große Manko der Ökonomie ist, dass die sehr menschenfern gestaltet ist. Die Wirtschaft ist ein Werk von mathematischen Modellen und der Mensch wurde hierbei ganz bewusst ausgeklammert und hat aus psychologischem Aspekt fast gar keine Rolle gespielt. Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass eine World Economic Association, kurz WEA , von mehreren 100 Volkswirtschaftlern gegründet wurde, die sich darum kümmern wollen, dass die Volkswirtschaft und die Finanzwirtschaft umgestaltet werden, also um psychologische Aspekte ergänzt werden, z.B. die ich in meinem Buch Anlegerpsychologie beschrieben habe.

Wessen Gier – die der Politiker, Banker oder Konsumenten – sehen Sie als die „gefährlichste“?
Wahren: In den letzten Jahren, rückblickend zum Jahr 1980, hat sich die Finanzindustrie stark gewandelt. Während früher die externen Einflüsse, ob es nun Krieg oder Pandemien waren, die Verursacher von Finanzkrisen waren, weiß man heute, dass die Finanzmärkte durchaus auch eine Eigendynamik entwickeln und sich dabei auch von der Wirtschaft abkoppeln. Hierbei sind für mich die Banker (Geschäftsbanken und Investmentbanken), die unglaublich viel Geld bewegen, die stärksten Treiber. Bei Politikern kann man sagen, dass sie weggeschaut haben, als die Banker die Geldgier entwickelten und sie somit auch eine Teilschuld tragen, obwohl sie im Prinzip nicht gierig sondern zu nachsichtig waren.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen: Sind die systematisch-finanzwirtschaftlichen oder doch eher die menschlich-moralischen Ursachen schwerwiegender?
Wahren: Ich sehe auf beiden Seiten das gleiche Versagen! Nur die Gier ist nicht Schuld, und genauso ist es mit dem System. Es handelt sich um eine systematische Zirkularität, in der beide Faktoren zusammenwirken und aufeinander Einwirken. Man kann aber sagen, dass die Gier der Auslöser der Krise war.

Foto von Heinz-Kurt Wahren

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