Jetzt Mitglied werden

Im Schatten des Euro

Von Redaktion - 20. August 2012

Vor den Pforten des 148 m hohen Eurotowers, dem Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB), hatten sie sich ihr Territorium erobert. Die Rede ist vom Kreis jener Kapitalismuskritiker, die sich der Occupy-Bewegung verschrieben haben.

Im Herbst letzten Jahres schlugen sie hier ihre Zelte auf. Die Occupisten haben kein festes Programm, sondern prangern allgemein die Missstände des Finanzsystems an, das mit seinen Spekulationsgeschäften schier undurchschaubar geworden ist. In so genannten Asambleas fand man sich täglich zu öffentlichen Diskussionsrunden zusammen.

Unter dem Namen „Occupy Wall Street“ verbreitete sich die Bewegung von New York aus in die ganze Welt, wie z.B. nach London, Paris, Rio de Janeiro und Sydney. Initiiert wurde sie von der konsumkritischen, kanadischen Stiftung Adbusters Media Foundation. Anlässlich des Arabischen Frühlings gründeten sie ihre Zeltstadt im September letzten Jahres im Zuccotti Park, den sie kurzerhand in Liberty Plaza umbenannten. Parallel dazu errichteten sie eine eigene Website, um Interessierte und Unterstützer zu erreichen sowie Spendengelder zu generieren. Jedes Camp hat unter anderem seinen eigenen Facebook- und Twitter-Account, teilweise gibt es auch Livestreams. Namenhafte Ökonomen, Politiker oder prominente Wissenschaftler sympathisieren mit der Occupy Wall Street-Vision – eine Welt ohne soziale Ungleichheit und spekulative Finanzgeschäfte.

Aufmerksamkeit wurde der deutschen Bewegung insbesondere an vier Tagen im Mai zuteil. Unter dem Namen Blockupy haben sie zu Protesten gegen die Macht der Banken und die europäische Sparpolitik aufgerufen. Schon im Vorfeld schlug die Aktion hohe Wellen. Das Camp wurde vorübergehend für vier Tage geräumt. Nach Einschätzungen der Polizei wurden bis zu 40.000 Teilnehmer erwartet, darunter befanden sich angeblich 2.000 gewaltbereite Aktivisten. Zahlreiche Proteste wurden verboten. Lediglich eine Demonstration am Samstag wurde genehmigt. Aus Sorge vor Ausschreitungen wurde die Frankfurter Innenstadt großräumig abgesperrt und es gab so gut wie kein Durchkommen. Taxis fuhren nicht, der öffentliche Nahverkehr war stark eingeschränkt.

Ein ungewöhnliches Bild auch auf der Frankfurter Goethestraße, wo sich die Nobelboutiquen aneinander reihen: Mit Brettern verbarrikadierte Schaufenster und leere Auslagen. Im Rheinland kennt man so was nur von Karneval, wenn auf der Düsseldorfer Königsallee die Jecken ausschwirren. Närrisch mutete das Geschehen in Frankfurt gewiss an. Eine Armada von Polizeieinsatzkräften legte für Tage die Stadt lahm, um vor den angeblich gewaltbereiten Demonstranten zu schützen. Filialen der Finanzinstitute wurden geschlossen. Vielen Bankangestellten wurde nahegelegt ihre Überstunden abzubauen oder sie bekamen frei. Wer es dennoch wagte zur Arbeit zu gehen, dem wurde geraten sich in Freizeitkleidung zu tarnen. Mitarbeiter der EZB wurden zeitweise an geheime Orte ausquartiert. Selbst Hochzeitspaare sollten ihre Pläne ändern und ihre Feierlichkeiten außerhalb der Innenstadt begehen.

Unterm Strich liefen die Proteste weitgehend friedlich ab. Während sich die Stadt zufrieden zeigte und den drastischen Polizeieinsatz gerechtfertigt sah, gab es heftige Kritik seitens Veranstalter, Politik, Organisationen und Presse. Als überzogen bewertete man die Maßnahmen und sprach gar von einer Blamage für die Stadt. In der Tat hatten viele Frankfurter grundsätzlich Verständnis für die Demonstranten, selbst wenn sie sich nicht mit ihrem Anliegen identifizieren konnten. So wurde doch das demokratische Recht auf freie Meinungsäußerung stark eingeschränkt.

Im Laufe der Zeit wurde das Camp zum Zufluchtsort für Sinti, Roma, Drogenabhängige und Obdachlose – soziale Missstände gerieten hier ins Blickfeld. Von schlechten hygienischen Zuständen war die Rede; Ratten und Ungeziefer hatten sich verbreitet. Nach wochenlangen Debatten zwischen den Bewohnern und der Stadt schien das Schicksal des Zeltlagers besiegelt. Markus Frank (CDU), Ordnungsdezernent der Stadt, kündigte an das Camp bis Ende Juli aufzulösen. Kampflos das Feld räumen wollten die Aktivisten nicht und beharrten auf ihr Versammlungsrecht. Am 7. August wurde das Zeltlager schließlich von der Polizei geräumt. Ihren Protest setzen die Occupisten in Form einer Mahnwache vor der EZB fort. Fraglich ist, was aus den Sinti und Roma geworden ist, für die es nirgendwo einen Platz zu geben scheint. Als Begleiterscheinung des Protests betrifft diese Problematik im Grunde ganz Europa.

Welche Bedeutung hatte das Camp wirklich noch für die Occupy-Bewegung? Ist es nicht vielmehr zum bloßen Symbol für den Widerstand geworden? Überwiegend interne Angelegenheiten gerieten unlängst in den Fokus, wie die Müllentsorgung und die Forderungen der Stadt. Gruppen außerhalb des Camps sind entstanden, wie Occupy Money, die ein Programm erarbeiten, das sich für einen Wandel des Geld- und Finanzsystems einsetzt. Sie liefern Ansätze von einem Schuldenschnitt, über Komplementär-Währungen und verändertem Zins-System bis hin zu einem Verbot von Finanzspekulationen. Occupy Public Space macht mit öffentlichen Kunstaktionen als Form des Protests auf sich Aufmerksam. Impulse wie diese lassen die Bewegung auch über das Camp hinaus bestehen. Ohnehin haben sie schon erreicht die Gesellschaft für das Thema zu sensibilisieren.

Foto von ollo – www.istockphoto.de

Lesen Sie auch

Ego-Probleme: Wer hat den größten Turm?

Von überall hört man es läuten: Filialen werden[…]

Christian Grosshardt

Fusionsdruck Rot

400 Sparkassen leisten sich knapp 170 weitere Unternehmen,[…]

Thorsten Hahn

Seitenwechsel – Jain zu Fintech

Anshu Jain kehrt den Banken den Rücken und[…]

Philipp Scherber

Targo-Chef vor die Tür gesetzt

Franz Josef Nick muss am Ende des Jahres[…]

Christian Grosshardt

Banken werden EU-Marionetten

Deutliche Einschnitte in die Kundenwahl müssen Banken ab[…]

Christian Grosshardt

Telekom-Konten gehackt!

In der vergangenen Woche soll es zu mehreren[…]

Christian Grosshardt

Probleme bei Paydirekt

Probleme über Probleme. Erst erklärten viele Händler, sie[…]

Julian Achleitner

Herber Rückschlag für Paydirekt

Da haben sich deutsche Banken endlich für einen[…]

Julian Achleitner

Niedrigzins trifft Bausparkassen

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) trifft nun[…]

Julian Achleitner

Credit Suisse steht vor Einigung

Credit Suisse kann schon einmal das Scheckbuch zücken.[…]

Julian Achleitner

Cryan läutet neues Zeitalter ein

Nun ist John Cryan schon seit fünf Wochen[…]

Julian Achleitner

Welche Vorteile bietet mir der BANKINGCLUB?

BANKINGCLUB ist einer der größten Wirtschaftsclubs für Mitarbeiter[…]

Thorsten Hahn

Nach Jenkins die Sinnflut

Knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt musste der[…]

Christian Grosshardt

Bankgeheimnis von EuGH gelockert

Erst Euphorie, dann die Ernüchterung: Man ersteigert zu[…]

Christian Grosshardt

Volksbank will Filialen schließen

Haben die Genossenschaftler der Volks- und Raiffeisenbanken zu[…]

Julian Achleitner

Apple Pay nun auch in Europa

In den USA können Verbraucher bereits seit Oktober[…]

Julian Achleitner

Bezahlen mit Selfie

Das ist mal innovativ. Vergessen Sie Bezahlen mit[…]

Julian Achleitner

Persona non grata – Varoufakis tritt zurück

Auf seinem Twitter-Account ist zu lesen: „Minister no[…]

Christian Grosshardt

Chapeau, Herr Neske!

Was für eine Schlagzeile heute Morgen in der[…]

Thorsten Hahn

Vorstand beschließt: Postbank steht zum Verkauf

Nach Tagen des Spekulierens ist zumindest eine Vorentscheidung[…]

Christian Grosshardt

Milliarden durch EZB verloren

Die Niedrigzins-Politik der EZB ist vielen ein Dorn[…]

Christian Grosshardt

Kritik an Deutschland

Wir stehen mal wieder in der Schusslinie! Die[…]

Christian Grosshardt

400 Kunden in die Wüste geschickt

Wer nicht hören will, muss fühlen. Wie SPIEGEL[…]

Christian Grosshardt

Amtlich: Der Euro wird abgeschafft!

Jetzt ist es spruchreif: Nachdem sich die führenden[…]

Christian Grosshardt

Der Dollar ist zurück

Wer hätte das gedacht? Dollar und Euro bewegen[…]

Christian Grosshardt

Gemeinsames Online-Bezahlsystem auf dem Weg

In Zeiten von Fintechs, die extern teilweise Online-Bezahldienste[…]

Christian Grosshardt

Lufthansa mit enormen Verlusten an der Börse

Der gestrige Absturz eines Airbus A320 hat viele[…]

Christian Grosshardt

Radikale Maßnahme bei der Deutschen Bank

Seit einiger Zeit berät die Deutsche Bank in[…]

Christian Grosshardt

Tag 1 nach Blockupy

Unfassbare Bilder boten sich uns gestern aus der[…]

Christian Grosshardt

Blockupy – Ausschreitungen mit Angriffen auf Polizei

Man rechnete mit dem Schlimmsten, aber die Befürchtungen[…]

Christian Grosshardt

Geldwäsche treibt Bank in die Pleite

Banco Madrid ist insolvent. US-Behörden werfender Bank vor[…]

Thorsten Hahn

Den Kunden dort abholen, wo er ist – im Netz

Über 28 Millionen Deutsche erledigen ihre Bankgeschäfte online:[…]

Juliane Hartmann

Turnschuhe sind zum Turnen da

Ein altes Sprichwort besagt: „Kleider machen Leute.“ Dieses[…]

Julian Achleitner

DAX 30 CFD-Trading

Experten raten in diesen harten Zeiten des Niedrigzinses[…]

Julian Achleitner

Finanzprodukte – einfach unterhaltsam

Wie Erklärfilme komplexe Finanzprodukte begreifbar machen und zu[…]

Julian Achleitner

Austerität. Politik der Sparsamkeit: Die kurze Geschichte eines großen Fehlers

Autor: Florian Schui Euro: 19,99 256 Seiten, broschiert[…]

Julian Achleitner

Die BIZ als Wahrsager?

Im Oktober mussten die Aktienkurse einen enormen Einbruch[…]

Christian Grosshardt

Mario "Two-Face" Draghis neuer Job

Auf die Europäische Zentralbank und Mario Draghi wartet[…]

Christian Grosshardt

Bevormundung erwachsener Bürger

In einer freiheitlichen Grundordnung müsste die Eigenverantwortlichkeit des[…]

Julian Achleitner

Maßnahmen gegen Steuerflucht

In drei Jahren wird mit offenen Karten gespielt:[…]

Julian Achleitner

Fintech mal anders

Die Zukunft des Zahlens hat schon längst begonnen.[…]

Julian Achleitner

Ein Tag, der die Welt veränderte

Vor 85 Jahren sorgte der berüchtigte „Black Thursday“[…]

Julian Achleitner

Algorithmen oder das vermeintliche Ende des Beraters

Kann die Maschine Menschen ersetzen? Diese Frage wird[…]

Julian Achleitner

Regionale Werbung mit internationalem Flair

Mehrere Tausend Werbebotschaften versuchen täglich, die Aufmerksamkeit der[…]

Christian Dorn

Auf Wanderschaft

Schon praktisch diese Rucksäcke. Man hat die Hände[…]

Thorsten Hahn

MaRisk-konformer Einsatz des iPads in der Bank

Der Siegeszug des iPad ist nicht aufzuahlten, auch[…]

Thorsten Jekel

„Der Fokus liegt auf der Online-Präsenz“

Im Interview mit den BANKINGNEWS spricht Kai Fürderer,[…]

Thorsten Hahn

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Über 200 Vergleichsportale gibt es heute bereits. Das[…]

Thorsten Hahn

Das Mitarbeitergespräch: Führung oder Flop?

Es ist Herbst. Die Tage werden kürzer. Zeit[…]

Niels Pfläging

„Du bist, was Du teilst!“

You are what you share! „Du bist, was[…]

Prof. Martina Dalla Vecchia

Outsourcing von Kreditanalysen

Zeiten ändern sich. Dieser berühmte Satz kann problemlos[…]

Markus Diehl