Wir sind Energieverschwender

Das Gespräch führte Till Knipper für Cicero Russlands Energieminister Sergej Schmatko kritisiert das europäische Pipelineprojekt Nabucco und stellt klar, dass der russische Energiesektor unter staatlicher Kontrolle bleibt. Bei Energieeinsparung will er von deutschen Unternehmen lernen. Herr Minister Schmatko, seit zehn Jahren gibt es jetzt den Energiedialog zwischen der Europäischen Union und Russland. Warum kommt es…


Das Gespräch führte Till Knipper für Cicero

Russlands Energieminister Sergej Schmatko kritisiert das europäische Pipelineprojekt Nabucco und stellt klar, dass der russische Energiesektor unter staatlicher Kontrolle bleibt. Bei Energieeinsparung will er von deutschen Unternehmen lernen.

Herr Minister Schmatko, seit zehn Jahren gibt es jetzt den Energiedialog zwischen der Europäischen Union und Russland. Warum kommt es trotzdem immer wieder zu Konflikten?
Zunächst muss man festhalten, dass die Kooperation zwischen Russland und Europa sehr viel älter ist als zehn Jahre. Wir blicken auf eine lange Geschichte zurück, in der die Zusammenarbeit immer ganz gut funktioniert hat.

Wenn man davon absieht, dass Russland im Streit mit seinen Nachbarländern Ukraine und Weißrussland schon mehrfach den Gashahn nach Europa abgedreht hat, zuletzt im Winter 2009…
Sie können mir glauben, dass wir sehr unglücklich darüber sind, was 2009 in der Ukraine passiert ist. Wir tun jetzt aber alles dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt.“

Wie wichtig ist denn der Energiesektor insgesamt für Russland?
Er hat eine zentrale Bedeutung, weil wir erstens wesentliche Einnahmen für den Staatshaushalt direkt aus dem Energiesektor erzielen. Zweitens basiert auch das gesamte Programm zur Modernisierung der russischen Industrie auf dem wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes. Außerdem haben die Energieunternehmen einen extrem hohen Multiplikator, weil sie in anderen Branchen Arbeitsplätze schaffen. In der Ölindustrie werden bereits 80 Prozent der Ausrüstung in Russland produziert. Das widerlegt auch das Vorurteil, dass wir ein reiner Energielieferant sind.

Welche Ziele haben Sie für die kommenden Jahre ausgegeben?
Beim Thema Gas haben wir sehr ambitionierte Pläne. Bis zum Jahr 2030 werden wir eine Billion Kubikmeter Gas fördern, im Moment sind es 600 Milliarden Kubikmeter. Wir sehen aber auch gutes Potenzial bei der Kohle, vor allem in Südostasien. 2008 haben wir eine Million Tonnen Kohle nach China verkauft, 2010 werden es mehr als zwölf Millionen Tonnen sein, und das lässt sich noch auf 20 Millionen Tonnen steigern. Beim Öl haben wir 2010 das Förderniveau des Vorjahres von knapp 500 Millionen Tonnen gehalten. Der Ölverbrauch wird aber wieder ansteigen, wenn sich die Weltwirtschaft weiter erholt.

Welche Rolle spielt das Thema Energieeffizienz in Russland?
Das ist für mich ein Schlüsselthema, weil es meines Erachtens die Wirtschaft insgesamt ankurbeln kann. Wir haben aber das Problem in Russland, dass kaum jemand etwas von diesem Geschäft versteht. Daher engagieren sich bisher nicht viele, und die Banken weigern sich, entsprechende Projekte zu finanzieren. Das hat historische Gründe. Wir gehen sehr verschwenderisch mit unserer Energie um, weil wir immer reichlich davon hatten, und sie infolgedessen sehr billig war. Jetzt werden wir auch auf dem russischen Binnenmarkt die Preise sukzessive anziehen, um die Verbraucher und die Industrie zum Sparen zu erziehen und Anreize für Innovationen bei der Energieeinsparung zu setzen. Beim Gaspreis werden wir schon 2015 auf dem Binnenmarkt den Weltmarktpreis abzüglich der Transportkosten und der Exportzölle verlangen. Wir werden diesen Weg konsequent gehen, auch wenn sich die russische Wirtschaft beschweren wird, dass sie dadurch an Wettbewerbsfähigkeit verliert.

Können sich bei der Verbesserung der Energieeffizienz auch ausländische Unternehmen beteiligen?
Selbstverständlich, das wird ein sehr attraktiver Wirtschaftszweig, in den viele Investitionen fließen werden. Denn Energieeinsparung wird sehr lukrativ, sobald wir mit den Preisen anziehen. Insbesondere deutsche Unternehmen können hier mitverdienen, weil sie auf diesem Gebiet einen technologischen Vorsprung haben und viel Erfahrung mitbringen.

Wäre Präsident Medwedews Forderung nach Modernisierung nicht ohnehin ein Argument dafür, den gesamten russischen Energiesektor für ausländische Unternehmen zu öffnen, anstatt weiter auf innovationsfeindliche Monopolisten zu setzen?
Grundsätzlich begrüßen wir ausländische Investitionen in Russland, auch im Energiesektor. Wegen dessen zentraler Bedeutung auch für den russischen Staatshaushalt muss aber immer klar sein, dass wir die Kontrolle behalten. Im Übrigen muss ich widersprechen, wenn Sie Unternehmen wie Gasprom als innovationsfeindlich bezeichnen. Der Konzern muss sich auf dem Weltmarkt behaupten und sich daher ständig weiterentwickeln.

Quelle: Cicero das Magazin für politische Kultur
www.cicero.de
Foto von Alexandr Tovstenko – www.istockphoto.de