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Grau ist jede Theorie

Von Vasily Nekrasov - 01. Juni 2015

Für manche Berufe ist ein akademisches Studium unausweichlich. Das gilt nicht nur für Ärzte und Anwälte, sondern ebenso für viele Berufe innerhalb der Bankenbranche. Doch wie praxisbezogen ist das Studium? Ein Blick auf die universitäre Ausbildung von Finanzmathematikern oder Quants offenbart so manchen Mangel des Lehrplans. Aber mit einigen Kniffen können Studenten sich optimal auf das Berufsleben vorbereiten. Von Vasily Nekrasov

Noch vor zehn Jahren waren Studienprogramme für Finanzmathematik in Deutschland rar gesät. Gleichzeitig boomte der Markt, insbesondere im Bereich der Kreditderivate. Dann kam „the crisis of credit“. Nach diesem Ereignis hätte man erwarten können, dass das Interesse an Quantitative Finance sinkt. Doch es kam anders!
Heute gibt es unzählige Studienprogramme, auch für Finanzmathematiker. Jedoch haben sich sowohl die Anforderungen an Quants als auch die Märkte selbst stark geändert. Aber leider passen die Universitäten ihre Programme nicht der neuen Realität an.

Literatur aus Vorkrisezeiten

Nehmen wir als Beispiel das stochastische Zinsmodelle. Die Finanzkrise hat viel Neues mitgebracht, u.a. die negative Bondrenditen und das multicurve Phänomen. Wird aber darüber im Kurs „Interest Rate Models“ an der Universität-Ulm, an der ich studiert habe, unterrichtet?! Nein! Und nicht nur das, der Kurs basiert auf veraltete Literatur aus Vorkrisezeiten! Sieht es vielleicht bei „elitären“ Universitäten besser aus? Leider nicht: Bei der TU-München und der Universität Karlsruhe ist die Situation genauso. Etwas besser sieht es bei der Ludwig-Maximilian-Universität München (LMU) aus: Hier wird zumindest schon die 2. Auflage der „Zinsmodellbibel“ von Brigo&Mercurio“ benutzt.

Selbst die fleißigsten Studenten werden verwirrt

Der Kern des Problems liegt aber woanders begraben. Letzten Endes ist die Vorlesungszeit begrenzt und es werden nur die Grundlagen unterrichtet. Das ist grundsätzlich auch kein Problem. Viel schlimmer ist es, dass bei den Vertiefungsveranstaltungen, sofern diese überhaupt angeboten werden, nicht die praktische Aspekte, sondern immer kompliziertere Modelle, die niemand außer ihren Autoren brauchen, diskutiert werden. Das verwirrt selbst die fleißigsten und begabtesten Studenten. Diese Fehlorientierung bereitet sie nicht optimal für das Berufsleben vor. Folglich gibt es, vor allem in der Beratung, immer mehr Firmen, die keine Absolventen anstellen. Manche wollen Senior Spezialisten, sind aber nur bereit, ihnen ein Absolventengehalt zu zahlen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Grundlagen gründlich lesen

Was lässt sich einem Studenten der Finanzmathematik empfehlen? Vor allem muss man den Stoff der Pflichtfächer sorgfältig durcharbeiten und gründlich verstehen. Dabei ist zu beachten, dass in der letzten Zeit zu viel Wert auf risikoneutrale Bewertung der Derivate gelegt, aber die alte gute Hedging-Argumentation dagegen gerne vernachlässigt wird. In der Praxis wird jedoch fast jedes Derivat (teilweise) gehedget. Genau aus diesem Grund müssen die Werke von Black&Scholes sowie von Vasicek nicht nur gelesen, sondern auch verstanden werden. Nur so lässt sich ein Verständnis von Delta Hedging erreichen, das für die Berufswelt vorbereitet. Aber auch die Maßtheorie sollte man nicht vernachlässigen, ebenso wie die Grundlagen der partiellen Differentialgleichungen. Absolut notwendig ist es, die Konvergenzprobleme der Monte-Carlo Methode zu verstehen und das Least-Square Monte-Carlo zu beherrschen.

Basiswissen muss jeder Student von sich aus mitbringen

Statt sich in der Theorie zu vertiefen, sollte man sich anschließend lieber auf die Praxis konzentrieren. Darunter verstehe ich ein sehr breites Gebiet. Das mag vielleicht anstrengend sein, aber so ist nun einmal der Markt – komplizierte Finanzprodukte verschwinden, Liquidität trocknet aus, Collateralization gewinnt an Bedeutung und von Quants wird immer breiteres Fachwissen erwartet. Daher rate ich Studenten, das absolute wirtschaftliche Basiswissen zu kennen. Das lernt man nicht an der Universität, es wird vorausgesetzt und ist für das Berufsleben elementar. Man muss wissen, aus welchen Aktien der DAX besteht, wo er sich befindet und wie hoch der Leitzins aktuell ist. Leider wissen das die meisten Studenten nicht. Ebenso muss man wissen, welche Finanzinstitute es gibt. Das mag sich vielleicht dumm anhören und wie eine Binsenweisheit klingen, aber diese Forderung hat durchaus ihren Grund. Als ich damals als Student den Kurs für Versicherungsmathematik hörte, fragte der Dozent, welche Versicherungsunternehmen man in Deutschland kennt. Außer Allianz und Münchener Rück konnten oder wollten meine Kommilitonen keine weiteren nennen. Das darf nicht sein.
Auch rate ich, die regulatorischen Anforderungen wie MaRisk und Basel III zu lesen – sie sind es definitiv wert. Im Risikomanagement verdient man zwar keine Millionen, aber diese Branche garantiert sichere Jobs, auch, oder gerade in turbulenten Krisenzeiten. Auch die Programmierkenntnisse sind sehr begehrt und häufig eine Voraussetzung für die Anstellung oder sogar für das Praktikum. Am meisten werden VBA, R, Matlab und C++ nachgefragt. Und natürlich muss man lernen, die Modelle an echte Marktdaten zu kalibrieren und anzuwenden. Da man diese Erfahrung am besten beim Praktikum erwerben kann, ist es absolut notwendig, mindestens ein halbjährliches Praktikum bei einem Finanzinstitut zu absolvieren. Last but not least muss kein junger Finanzmathematiker seine Softskills und Networking vernachlässigen. Bei manchen großen Finanzinstituten hat die Personalabteilung (und nicht die Fachabteilung) das letzte Wort, wenn es um die Anstellung der Young Professionals geht.

Bildnachweis: Cesaria1 via istockphoto.de

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