Jetzt Mitglied werden

No More Taxpayer Money!

Von Dr. Philipp Gann - 22. Oktober 2015

Wie Sanierungs- und Abwicklungsplanung den Bankensektor widerstandsfähiger gegen Krisen machen soll.

Nur wenige regulatorische Themen beschäftigen das Risikomanagement von systemisch bedeutenden Kreditinstituten der Euro-Zone bereits seit mehreren Jahren so umfassend wie die Sanierungs- und Abwicklungsplanung. Ausgehend von den im Jahr 2011 durch die Staats- und Regierungsschefs der G20 verabschiedeten Key Attributes of Effective Resolution Regimes des Financial Stability Boards (FSB) erarbeitete die EU-Kommission europäische Vorgaben zur Sanierungs- und Abwicklungsplanung – die sogenannte Bank Recovery and Resolution Directive (BRRD). Der deutsche Gesetzgeber hat bereits vor der Verabschiedung der BRRD durch die Vorlage der Entwurfsversion der Mindestanforderungen an die Ausgestaltung von Sanierungsplänen (MaSan) im November 2012 sowie durch das Inkrafttreten des Gesetzes zur Abschirmung von Risiken und zur Planung der Sanierung und Abwicklung von Kreditinstituten und Finanzgruppen im August 2013 weite Teile der geplanten BRRD vorweggenommen. Durch das seit Januar 2015 für alle deutschen Kreditinstitute verbindliche Gesetz zur Sanierung und Abwicklung von Instituten und Finanzgruppen (SAG) erfolgte die vollständige Überführung der BRRD in die deutsche Gesetzgebung. Ergänzt werden die Anforderungen des SAG durch die Pflicht zur Beachtung einer Fülle von Richtlinien und Standards der European Banking Authority (EBA) zur Sanierungs- und Abwicklungsplanung.

Kernelemente der Sanierungsplanung

Die zumindest jährlich sowie anlassbezogen zu aktualisierende Sanierungsplanung umfasst sämtliche Bereiche eines Kreditinstituts. Kernelemente sind die strategische Analyse, die Definition eines Indikatorensystems, die Identifikation geeigneter Sanierungs-Handlungsoptionen, die Durchführung von Belastungsanalysen sowie die Implementierung einer geeigneten Sanierungs-Governance. Im Rahmen der strategischen Analyse hat das Institut die eigene Unternehmensstruktur, die bestehenden Geschäftsaktivitäten sowie dessen interne und externe Verflechtungen zu analysieren. Die strategische Analyse bildet die Grundlage für die Definition des Indikatorensystems sowie die Identifikation der Sanierungs-Handlungsoptionen, welche sämtliche risiko-, kapital- und liquiditätsbezogenen Maßnahmen beschreiben, mit welchen ein Kreditinstitut seine finanzielle Solidität nachhaltig sicher- bzw. wiederherstellen kann. Ziel der Indikatoren ist es, aufkommende Krisensituationen frühzeitig anzuzeigen, um auf Grundlage der durch die definierte Sanierungs-Governance festgelegten Eskalations- und Informationsprozesse rechtzeitig geeignete Sanierungsmaßnahmen zur Gewährleistung der eigenen Überlebensfähigkeit ergreifen zu können. Die Wirksamkeit des Indikatorensystems, der Sanierungs-Governance sowie der Handlungsoptionen ist im Sanierungsplan mit Blick auf die Ergebnisse der strategischen Analyse im Sinne eines modellgestützten Backtestings anhand von institutsindividuellen Belastungsanalysen zu dokumentieren. Dabei muss auf Grundlage von detailliert ausgearbeiteten existenzbedrohenden marktweiten sowie idiosynkratischen Szenarien beispielhaft gezeigt werden, wie Krisensituationen durch die Indikatoren frühzeitig erkannt und in dem die Sanierungs-Governance konstituierenden System aus Prozessen und Verantwortlichkeiten rechtzeitig adressiert werden, um durch das unverzügliche Ergreifen adäquater Handlungsoptionen die finanzielle Solidität des Instituts nachhaltig sicherzustellen.

Sanierungsplanung stärkt Stabilität der Kreditinstitute

Die umfassende und konsistente Integration der beschriebenen Kernelemente der Sanierungsplanung in die Gesamtbanksteuerung ist ausgesprochen komplex und induziert eine oftmals fundamentale Weiterentwicklung der Prozesse, Methoden und Instrumente des zukunftsgerichteten Risikomanagements. Dies bindet zahlreiche personelle sowie technische Ressourcen, beschleunigt jedoch die kontinuierliche Evolution der Banksteuerung und trägt so dazu bei, die Stabilität der Kreditinstitute durch eine raschere Reaktionsfähigkeit bei Realisierung eines Krisenfalls und damit die Stabilität des gesamten Finanzsystems zu stärken. Die regulatorischen Vorgaben zur Sanierungsplanung stellen somit ein wirksames Mittel dar, um die Wahrscheinlichkeit einer Bankenstützung durch staatliche Garantien und Beihilfen – und damit letztendlich durch Steuergelder – deutlich zu reduzieren.

Abwicklungsplanung ergänzt Sanierungsplanung

Anforderungen an die Sanierungsplanung von Kreditinstituten alleine sind jedoch nicht ausreichend, um die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes von Steuergeldern im Krisenfall zu minimieren. Entsprechend haben die Vorgaben der BRRD bzw. des SAG zu einem effektiven Abwicklungsregime zum Ziel, im Falle gescheiterter Sanierungsversuche bzw. mangelnder Sanierungsfähigkeit Abwicklungsinstrumente einzusetzen, welche den Einsatz von Steuergeldern möglichst komplett vermeiden. Im Mittelpunkt der Abwicklungsinstrumente steht dabei das Bail-In-Instrument, welches eine unmittelbare Verlusttragung nicht nur durch die Anteilseigner sondern auch die Gläubiger des Instituts – einschließlich der vorrangigen – ermöglicht. Dabei wird durch das (nationale oder europäische) Abwicklungsgremium eine institutsspezifische Bail-In-Mindestquote festgelegt, die sogenannten minimum requirement for own funds and eligible liabilities for bail-in (MREL). Diese soll sicherstellen, dass Kreditinstitute neben den durch die Capital Requirement Regulation (CRR) bzw. den Supervisory Review and Evaluation-Process (SREP) vorgegebenen Mindesteigenmittelanforderungen zur Verlustabsorption im Going Concern über ausreichend Bail-In-fähige Verbindlichkeiten verfügen, um im Falle einer Abwicklung des Instituts bzw. einer notwendigen Rekapitalisierung zur Fortführung der für die Sicherstellung der Stabilität des Finanzsystems kritischen Geschäftsaktivitäten den Einsatz von Steuergeldern möglichst vollständig zu vermeiden.

Fazit

Sanierungs- und Abwicklungsplanung stellen für Kreditinstitute infolge der hohen Komplexität und der tiefgreifenden Implikationen für die Gesamtbanksteuerung große Aufwands- und Kostentreiber dar, ermöglichen jedoch eine unter gesamtwirtschaftlichen Gesichtspunkten vorteilhafte Erhöhung der Stabilität des Finanzsystems sowie die weitgehende Auflösung des too-big-to-fail-Dilemmas. In Gesamtschau ist der durch den Gesetzgeber in den vergangenen Jahren beschrittene Weg somit sehr positiv zu beurteilen.

Bildnachweis: filmfoto via istockphoto.de

Lesen Sie auch

Mit offener Unternehmenskultur zu gutem Compliance-Bewusstsein

Ein gesundes Risiko- und Compliance-Bewusstsein ist elementarer Bestandteil[…]

Redaktion

Mit einem Tool sicher durch den Anforderungs-Dschungel

In einem Umfeld sich stetig verändernder Marktbedingungen und[…]

CloudMargin

Das große Potenzial von Central Collateral Clearing

Central Collateral Clearing (CCC) birgt großes Potential für[…]

Shahin Ehsaei

Vorsicht, Kompetenzfalle!

Risk Governance bedeutet, das Geschäftsmodell einer Bank risikofest[…]

Arnd Wiedemann

„30 Sekunden vor 12“

Regulierung kann für Banken ein wichtiger Verbündeter sein.[…]

Thorsten Hahn

Ausgewählte Neuerungen zum Thema Auslagerungen in der 5. MaRisk-Novelle

Am 27. Oktober 2017 veröffentlichte die Bundesanstalt für[…]

Christian Gudat

Raus aus der Defensive!

Aktuelle empirische Erhebungen zeigen: Die Zahl der Banken[…]

Carsten Krah

Stresstesting: Wesentliche Änderungen durch EBA-Leitlinien

Im April 2017 wurde von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde[…]

Armin Rheinbay

Noch Factoring-Anbieter oder schon Vollbank?

Der Factoring- und Leasing-Markt boomt wie lange nicht.[…]

Frank Peterlic

Eurex-LCH-Basis ist nicht mehr wegzudiskutieren

Der Preisunterschied zwischen Derivaten, die mit LCH bzw.[…]

Dmitry Zaykovskiy

„Gute Kundenbeziehung ist nicht mehr ausreichend“

Wie lege ich Geld mit dem geringsten Zeitaufwand[…]

Christian Grosshardt

„Die Risiken des Kreditnehmers werden außer Acht gelassen“

Der Traum von der eigenen Immobilie – nicht[…]

Christian Grosshardt

Quantitatives Risikomanagement in Zeiten von Solvency II

Die quantitative, erste Säule von Solvency II umfasst[…]

Stefan-M. Heinemann

Praktische Hinweise für die Umsetzung eines Abwicklungsplans

Während der Abwicklung eines Kreditinstituts verändern sich die[…]

Heiko Trautmann

„Datenmengen sind nicht gleich Informationsmengen“

Der gemeine Risikomanager hat es nicht leicht: Neben[…]

Christian Grosshardt

Geschützt: Vorträge RISKMANAGEMENTforBANKS 2017 (exklusiv für Mitglieder und Teilnehmer)

Es gibt keine Kurzfassung, da dies ein geschützter[…]

Frank Rathner

Die überarbeiteten aufsichtlichen Vorgaben zur Risikotragfähigkeit

Am 05.09.2017 veröffentlichten BaFin und Bundesbank die Konsultationsfassung[…]

Dr. Daniel Baumgarten

Überarbeitung der SREP-Leitlinien

Im Rahmen des SREP-Mehrjahresplans zur Überprüfung der Angemessenheit[…]

Christian Gudat

Mehr Aufwand, gleiches Risiko

Deutsche Tochtergesellschaften von weltweit tätigen Konzernen müssen wegen[…]

Stephan Utzelmann

RISKMANAGEMENTforBANKS 2017

Spätestens seit der Finanzkrise ist das Thema Risikomanagement[…]

Redaktion

Verschlafen Banken ihre Wettbewerbsfähigkeit?

Die meisten deutschen Banken und Sparkassen stehen unter[…]

Dirk Piethe

Eine Regulierung, sie zu knechten

Wir schreiben das Jahr 2017, als sich alle[…]

Christian Grosshardt

SSM Risk Map: Standardisierung der Säule II?

Ein Formular dient der standardisierten Erfassung eines bestimmten[…]

Frank Hölldorfer

Steigende regulatorische Anforderungen, Herausforderungen und das Projektvorgehen

Die Flut von neuen regulatorischen Anforderungen an die[…]

Björn Fehrenbach

Basel III-Compliance: Integration heißt das Zauberwort

Die Commerzbank AG nutzt regulatorischen Druck als Chance[…]

Bernd Leinert

Basel gegen alle?

Die Bankbranche sieht sich vom Basel Committee on[…]

Christian Grosshardt

„Die Kunden sind der Kern der Branche“

Im Zeitalter der Digitalisierung steht der gesamte Finanzsektor[…]

Anna Stötzer

Risikomanagement im Fokus der Bankbranche

Risikomanagement ist ein wichtiger Aspekt in der täglichen[…]

Anna Stötzer

Proaktive Steuerung der untertägigen Liquidität

Transparenz und Aktualität liquiditätsrelevanter Daten senken die Kosten,[…]

Dirk Rath

Modernisierung im Risikomanagement

Nie waren die Zeiten besser geeignet, im Risikobereich[…]

Carsten Krah

Business Continuity Management – Mehr als eine regulatorische Anforderung

Die zunehmende Regulierung fordert die parallele Erfüllung vieler[…]

Markus Müller

Bauernopfer Risikomanager

Die derzeitige Regulierung zwingt Banken zumindest auf der[…]

Thorsten Hahn

Neue EU-Verordnung eIDAS macht Unterschriften mobiler und papierlos

Wir schreiben das Jahr 2016. Immer mehr Prozesse[…]

Jörg Lenz

Risikomanagement für Banken nimmt Fahrt auf

Finanzinstitute geraten erneut unter Handlungsdruck. Im Visier der[…]

Dipl. Oec. Holger Kilian

Vergesst Online Banking und Mobile-Banking-Apps

Wenn Bankkunden ihre täglichen Bankgeschäfte digital abwickeln, nutzen[…]

Tobias Baumgarten

Der Regulierungswahn

Und immer noch ist kein Ende in Sicht:[…]

Christian Grosshardt

Der Sturz der Bank-Aktien – ist die Veröffentlichung von Stresstests eine gute Idee?

Der Stresstest ist vorbei, doch der eigentliche Stress[…]

Christian Grosshardt

Stress durch Stresstest

Ein durchwachsenes Ergebnis förderte der groß angelegte Stresstest[…]

Christian Grosshardt

Die Zukunft quantitativer Modelle im Risikomanagement

Eine hochkarätig besetzte Runde aus Risk-Experten von Banken,[…]

Philipp Scherber

„Nichts lebt so lange wie ein gutes Provisorium“

Die aus der Wirtschaftskrise resultierende Bankenregulierung hat die[…]

Christian Grosshardt

Multilingualer Hochsicherheitstrakt für Banken

Die Globalisierung bestimmt die Entwicklung der Weltwirtschaft. Global[…]

Christian Grosshardt

Besser flüssig bleiben!

Die Liquidity Coverage Ratio ist ein neues wichtiges[…]

Sebastian Fleer

Das Risiko im Risikomodell

Nach der Finanzkrise forderte die Welt die Regulierung[…]

Carsten Krah

Rating Agentur oekom research: DKB ist nachhaltigste Bank

Nachhaltigkeit ist nicht erst seit heute ein Thema,[…]

Christian Grosshardt

Die MaRisk Compliance – Entwicklung einer Best Practice

Mit der 4. MaRisk-Novelle hat die deutsche Bankenaufsicht[…]

Dr. Volker Gehrmann

„Deutsche Banken sitzen auf einer Menge riskanter Kredite“

Bad clients, bad loans, bad banks? Immer mehr[…]

Christian Grosshardt

Beratungsverhinderungsprotokolle

Das Gegenteil von gut, ist gut gemeint. Eines[…]

Thorsten Hahn

Die MaRisk Compliance – Entwicklung einer Best Practice

Mit der 4. MaRisk-Novelle hat die deutsche Bankenaufsicht[…]

Dr. Volker Gehrmann

Kleinanlegerschutzgesetz in Kraft getreten

Prokon wirkt nach, nicht nur bei den 75.000[…]

Julian Achleitner

Grau ist jede Theorie

Für manche Berufe ist ein akademisches Studium unausweichlich.[…]

Vasily Nekrasov