Kaum 15 Jahre ist es her, dass die letzte groรe Finanzkrise die Welt ins Wanken brachte. Nach der Pleite von Lehmann Brothers sahen sich Staaten und Notenbanken gezwungen, systemrelevanten Finanzinstituten unter die Arme zu greifen, um einen unkontrollierbaren Dominoeffekt zu verhindern. Hierzu wurden mit Hilfe von Steuergeldern Rettungsschirme im Umfang hunderter Milliarden aufgespannt. In der Folge geriet die Beschreibung โtoo big to failโ zum Synonym fรผr ein auรer Kontrolle geratenes Finanzsystem.
Im Angesicht der derzeitigen Rekordรผbernahmen in der Bankenbranche stellt sich jedoch die Frage, ob die Problemstellungen von damals in Vergessenheit geraten sind. Binnen weniger Monate konnten die Nummer eins des Standorts Schweiz und der Branchenprimus der USA historische Zukรคufe tรคtigen: Die Schweizer UBS sicherte sich mit der Credit Suisse (CS) eine der weltweit grรถรten Investmentbanken, wรคhrend J.P. Morgan mit der รbernahme der First Republic Bank (FRB) die Grenzen des US-Kartellrechts sprengte.
Mit staatlicher Unterstรผtzung
Gemeinsam ist beiden Geschรคften, dass sie erst durch staatliche Garantien und Markteingriffe ermรถglicht wurden. Im Fall der Eidgenossen รผbernahm die Schweizerische Nationalbank die Initiative und gewรคhrte zwei Liquiditรคtshilfen in Hรถhe von jeweils 100 Milliarden Franken โ fรผr die CS sowie die UBS. Aber auch der Schweizer Bundesrat beteiligte sich mit einer Ausfallgarantie von bis zu neun Milliarden. Hinzu kommen die von der Finanzaufsicht FINMA angeordneten 16 Milliarden Abschreibungen bei AT1-Anleihen.
Die รbernahme der FRB durch J.P. Morgan weist deutliche Parallelen auf. Nachdem die Finanzspritze einiger US-Groรbanken ihr Ziel verfehlte, wurde der staatliche Einlagensicherungsfonds (FDIC) eingebunden. Hinter verschlossenen Tรผren arrangierte die FDIC einen Deal, wonach ihr zunรคchst die FRB รผbertragen wurde, um sie anschlieรend an J.P. Morgan weiterzuverkaufen. Damit zeichnete sich die FDIC zwischenzeitlich fรผr die gesamte Einlagensicherung der FRB verantwortlich. Zudem billigte sie J.P. Morgan 50 Milliarden Dollar an Finanzierungshilfen zu und รผbernahm etwa 13 Milliarden Verlust aus dem Kreditportfolio der FRB.
Auรerdem wรคre das Geschรคft ohne Eingreifen des USFinanzministeriums nicht mรถglich gewesen. Um dem Zuschlag auch den rechtlichen Rahmen zu geben, musste erst das Kartellrecht ausgehebelt werden. Denn gemรคร geltender Wettbewerbsregeln darf keine Bank mehr als 10 Prozent der versicherten US-Einlagen halten โ eine Grenze, die nun von J. P. Morgan mit Genehmigung der Behรถrden รผberschritten wurde.
Bloร kein Bail-out
Dass die verantwortlichen Aufsichtsbehรถrden zu improvisierten Ad-hoc-Lรถsungen gegriffen haben, lรคsst sich gleichwohl gut begrรผnden. Analog zur Finanzkrise der Nullerjahre ist die gegenwรคrtige Situation hรถchst dynamisch. Es ist schnelles Handeln gefragt und mรถgliche Folgewirkungen einzelner Bankpleiten sind kaum auszuschlieรen, auch weil die Risikofaktoren heute keineswegs auf den Finanzsektor beschrรคnkt sind.
Zugleich bleibt die Lage der staatlichen Haushalte aufgrund inflationsgetriebener Zinsanhebungen und internationaler Konflikte weiter angespannt. Kurzum, das Geld ist knapp und wird an anderer Stelle benรถtigt. In diesem Kontext ist Prรคsident Bidens Aussage โno losses will be borne by the taxpayersโ, die er bezogen auf die SVBPleite tรคtigte, einzuordnen.
Seine implizite Botschaft, dass es keinen staatlichen Bail-out geben wird, mag angemessen und rein technisch betrachtet richtig sein. Doch erkauft man sich auf diese Weise lediglich Zeit. Kรผnftig wird es darum gehen, die neuen Superbanken wieder einzuhegen, sonst kรถnnen die Lรถsungen von heute sehr schnell zum Ausgangspunkt der Krise von morgen werden.
Milan Herrmann ist ehemaliger Redakteur beim BANKINGCLUB.

