BANKINGNEWS: Alexander, wie würdest Du zusammenfassen, was der Kern von Crowd Ukraine ist – in drei Sätzen?
Alexander Tebbe: Da braucht es gar keine drei Sätze: Der Wiederaufbau der Ukraine.
Wenn man das in Zahlen fasst: Wie groß ist diese Aufgabe?
Laut dem aktuellen Rapid Damage Assessment der Weltbank liegt der Wiederaufbaubedarf inzwischen bei rund 750 Milliarden Euro. Allein im Wohnungssektor belaufen sich die Schäden auf nahezu 100 Milliarden Euro. Rund drei Millionen Wohneinheiten sind zerstört oder beschädigt. Das entspricht etwa 15 Prozent des gesamten Wohnraums des Landes. Zum Vergleich: Die Ukraine war vor dem Krieg das sechstbevölkerungsreichste Land Europas mit über 40 Millionen Einwohnern. Selbst heute leben noch mehr als 30 Millionen Menschen dort. 15 Prozent verlorener Wohnraum bedeutet also nicht nur eine statistische Größe, sondern eine massive strukturelle Lücke, und zugleich ist es ein enormes Investitionsvolumen.
Und welche Rolle spielt Ihr dabei?
Wir fokussieren uns ausschließlich auf Wohnimmobilien. Der Wiederaufbau ist ein riesiges Feld, aber als Startup wollen wir eine klare Nische besetzen, in der wir Expertise aufbauen und Skaleneffekte erzielen können. Realistisch kann kein einzelner Akteur 100 Milliarden Euro stemmen. Unser Ansatz beginnt deshalb mit 100 Millionen Euro Eigenkapital. Dieses Kapital soll bewusst breit eingeworben werden: über ein reguliertes Aktienmodell, das auch privaten Anlegern eine Beteiligung ermöglicht. Auf dieser Basis wollen wir das Eigenkapital perspektivisch durch Senior- und Mezzanin-Finanzierungen hebeln, etwa über Institutionen wie KfW oder die Europäische Investitionsbank (EIB). Wenn später ein finanziertes und vermietetes Portfolio steht, kann auch eine Unternehmensanleihe ein weiterer Wachstumsschritt sein. Der Ausgangspunkt bleibt klar: 100 Millionen Euro Eigenkapital als Base Case.
„Die Resilienz der Ukrainer ist ein Wirtschaftsfaktor“
Wie sieht Euer konkreter Umsetzungsplan für die kommenden Jahre aus?
Bis 2030 wollen wir ein vollständig finanziertes und umgesetztes Portfolio von rund 500 Millionen Euro aufgebaut haben. Konkret sprechen wir von etwa 40 Wohnprojekten in modularer Holzbauweise. Der Schlüssel liegt in der Standardisierung. Wir entwickeln ein einheitliches, modulares Baukonzept: mit identischen Bauteilen, Anschlüssen und Ausstattungsstrukturen, angepasst an lokale Gegebenheiten, aber technisch standardisiert. Sobald das erste Pilotprojekt erfolgreich umgesetzt ist, reduzieren sich Zeit- und Kapitalkosten signifikant. Dann entstehen Skaleneffekte. 2026 und 2027 dienen dem Aufbau und der Strukturierung. Ab 2028 soll sich das Wachstum deutlich beschleunigen. Parallel dazu entwickeln wir die Kapitalstruktur weiter: zunächst eigenkapitalseitig, anschließend durch Fremdkapital und perspektivisch auch über eine Unternehmensanleihe. Ein Börsengang bleibt langfristig Teil der strategischen Planung. Ziel ist es, bis 2030 sowohl kapital- als auch bautechnisch skalierbar aufgestellt zu sein: mit einem standardisierten, reproduzierbaren Modell für Wohnraumprojekte in der Ukraine.
Ihr beschreibt Euren Investmentansatz als ESG-konform. Was bedeutet das in Eurem Kontext konkret?
Mit ESG meinen wir drei Dinge. Erstens Governance: Wir sind eine deutsche AG, BaFin-reguliert und nach deutschem Recht aufgestellt. Das heißt, wir unterliegen klaren regulatorischen Strukturen. Zweitens Environmental: Wir bauen in modularer Holzbauweise. Vollständig klimaneutral ist das aufgrund der notwendigen Hybridbauweise nicht, aber so klimaschonend wie möglich. Drittens Social: Wir fokussieren uns auf Young Professionals. Co-Living und Co-Working sind in der Ukraine stark gefragt, spielen jedoch auf politischer oder industrieller Ebene bislang kaum eine Rolle. Unsere soziale Komponente ist es, Wohnraum für diese Zielgruppe zu schaffen. Kurz gesagt: Wiederaufbau von Wohnraum in modularer Holzbauweise mit Fokus auf Co-Living und Co-Working, eingebettet in eine klare regulatorische Struktur.
Crowd Ukraine ist nach EU-Recht reguliert. Welche Regelwerke greifen hier – und welche Herausforderungen bringt das mit sich?
Wir schlagen bewusst den Pivot von der Spende hin zum kapitalbasierten Impact-Investment. Zwischen „Kreditkarte, PayPal, Danke und Tschüss“ und einer Aktienbeteiligung liegt regulatorisch eine völlig andere Welt. Sobald man sich im Investmentbereich bewegt, greifen die einschlägigen kapitalmarktrechtlichen Regelwerke, vom Wertpapiergesetz über das Wertpapierhandelsgesetz bis zur Prospektverordnung. Das ist in Deutschland vollständig durchreguliert. Hinzu kommt: Wir wollten das Modell breit zugänglich machen, mit Beteiligungsmöglichkeiten ab 300 Euro. Damit sind wir im öffentlichen Angebot und nicht im Private Placement für qualifizierte Investoren. Entsprechend hoch sind die Anforderungen. Wir haben uns für die Rechtsform der deutschen AG entschieden. Zum Zeitpunkt der Umwandlung waren wir ein zehn Monate altes Startup mit fünf Mitarbeitern. Der externe Gründungsbericht umfasste dennoch 104 Seiten. Das war regulatorisch die anspruchsvollste Variante, mit entsprechendem Aufwand und Kosten. Aber genau diese Struktur war uns wichtig.
Wirkt die Regulierung also bremsend auf den Wiederaufbau?
Es gibt viele Themen, die bremsen können, aber die Regulierung würde ich nicht grundsätzlich dazu zählen. Die europäischen und deutschen Vorgaben dienen dem Anlegerschutz. Ob man jede einzelne Regel für sinnvoll hält, ist eine andere Frage, aber sie gelten für alle gleichermaßen. Man kann über einzelne Regelungen diskutieren, aber am Ende gilt: Wenn man den Rahmen nicht ändern kann, muss man ihn akzeptieren.
Welche Rendite- und Risikoerwartungen sollten Eure potenziellen Anleger realistisch haben?
Als Vorstand einer deutschen AG bin ich zur vollständigen Offenlegung verpflichtet. Nicht nur falsche Angaben, sondern auch das Weglassen wesentlicher Risiken wäre problematisch. In unserer Dokumentation nehmen die Risikohinweise entsprechend viel Raum ein. Das beginnt beim klassischen Startup-Risiko und reicht über Bau- und Finanzierungsrisiken bis hin zu Währungs-, Transfer- und makroökonomischen Risiken in der Ukraine. Darüber muss man offen sprechen. Ein zentraler Punkt ist die Investitionsgarantie der deutschen Bundesregierung. Wir sind dafür registriert und arbeiten aktuell am ersten konkreten Projekt, das Voraussetzung für die Antragstellung ist. Ohne eine unterschriebene, 15-jährige Investitionsgarantie werden wir keine Bauprojekte umsetzen. Diese Garantie würde Investitionen weitgehend gegen kriegsbedingte Schäden absichern.
Nun ist der Krieg in der Ukraine leider noch nicht vorbei. Wie stellt Ihr sicher, dass Projekte auch bei anhaltender Instabilität realisierbar bleiben?
Man muss sehr klar zwischen Ost- und Westukraine unterscheiden. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren die Bilder aus dem Donbass. Die Ukraine ist jedoch ein großes Land. Zwischen der Westukraine und der Frontlinie liegen mehrere hundert Kilometer. Unser erstes Projekt planen wir bewusst in der Westukraine. Diese Region ist nicht risikofrei, aber wirtschaftlich sehr aktiv. Ich habe dort selbst eine hohe Bau- und Investitionsdynamik gesehen: Baukräne, neue Industrieansiedlungen, internationale Unternehmen, die ihre Aktivitäten dorthin verlagern. Wichtig ist: Die Westukraine ist weniger ein klassisches Wiederaufbaugebiet als ein Wachstumsraum. Mehrere Millionen Binnenvertriebene haben dort seit Kriegsbeginn ein neues Zuhause gefunden. Diese Menschen benötigen Wohnraum, Arbeitsplätze, Schulen und Infrastruktur. Es geht also nicht primär um Ersatz für zerstörte Gebäude, sondern um strukturellen Kapazitätsaufbau. In Teilen der Westukraine entsteht faktisch ein neues wirtschaftliches Zentrum des Landes. Die Ostukraine ist aktuell kaum investierbar. Der Westen hingegen entwickelt sich dynamisch, getragen von Binnenmigration, unternehmerischer Aktivität und internationaler Investitionsbereitschaft. Meine persönliche Erwartung ist klar: Westlich des Flusses Dnipro wird sich die Ukraine wirtschaftlich stabilisieren und weiterentwickeln. Das ist kein Investitionsversprechen, sondern die Grundlage unseres Business Cases.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit Städten oder lokalen Partnern in der Ukraine?
Ich bin seit vier Jahren regelmäßig in der Ukraine und habe auch den ersten, zweiten und dritten Kriegswinter in Kyjiw verbracht – zeitweise ohne Strom, ohne Heizung, im vergangenen Sommer sogar mehrere Wochen ohne fließendes Wasser. Für viele unserer Partner war das ein Signal: Die rufen nicht nur von Deutschland aus mit schlauen Fragen an, sondern sind tatsächlich auch vor Ort. Wir sitzen mit ihnen im selben Boot. Und es geht hier nicht nur um mich. Mit unserem gesamten Team haben wir uns eine Reputation erarbeitet, die uns in der Ukraine jede Tür öffnet. Dieses Vertrauen hat sich über die Zeit aufgebaut. Wir haben persönliche Gespräche und Vereinbarungen mit mehreren Bürgermeistern geführt, darunter auch mit Vitali Klitschko, dem Bürgermeister von Kyjiw. Inzwischen bestehen Wiederaufbau-Agreements mit sieben Städten sowie eine Zusammenarbeit mit UkraineInvest, der staatlichen Investitionsförderagentur. Gespräche führen wir mit Kommunen, Architekturbüros, Bau- und Zulieferbetrieben. Der stellvertretende Bürgermeister von Lwiw sagte mir, dass regelmäßig deutsche Delegationen vor Ort sind. Sie kommen, sie prüfen, sie zeigen Interesse – und warten dann ab. Aus meiner Sicht liegt genau darin der Punkt: Der First-Mover-Vorteil ist real. Wer heute präsent ist und Beziehungen aufbaut, wird davon in den kommenden zehn Jahren profitieren. Förderinstrumente, Investitionsgarantien und Programme sind vorhanden. Aber viele zögern noch.
Unsere Leser sind vor allem Mitarbeitende deutscher Banken. Welchen konkreten Beitrag können sie beim Wiederaufbau der Ukraine heute leisten, auch solange der Krieg noch andauert?
Ich sehe zwei konkrete Ansatzpunkte. Erstens: strukturierte Kreditvergabe. Auf europäischer Ebene wird derzeit viel daran gearbeitet, privates Kapital für den Wiederaufbau zu mobilisieren. Die EU stellt unter anderem First-Loss-Mechanismen bereit, bei denen ein Teil des wirtschaftlichen Risikos übernommen wird. Das betrifft nicht das Kriegsrisiko, sondern ökonomische Risiken. Banken könnten prüfen, ob sie sich zwischen Eigenkapital und den abgesicherten EU-Tranchen positionieren. Es geht nicht darum, unbesicherte Risiken einzugehen, sondern bestehende Förder- und Garantiestrukturen aktiv zu nutzen. Zweitens, und das erleben wir ganz konkret, ist das Thema Zahlungsverkehr. Viele deutsche Banken zeigen marktseitig Interesse, stoßen jedoch in der Compliance oder Marktfolge auf Zurückhaltung. Zahlungsabwicklung mit der Ukraine wird häufig reputationsseitig als kritisch bewertet. Dabei sind dort seit Jahren rund 2.000 deutsche Unternehmen tätig, darunter große internationale Konzerne, ohne systematische Korruptionsskandale. Die wirtschaftliche Realität ist differenzierter als das Image. Wenn der deutsche Mittelstand investieren soll, braucht er zunächst einen funktionierenden Zahlungsverkehr, noch bevor es um Kredite geht. Hier könnten Banken einen sehr konkreten Beitrag leisten, indem sie ihre Risikoeinschätzung differenziert überprüfen. Langfristig wird sich die Ukraine wirtschaftlich stark entwickeln. Wer sich frühzeitig positioniert, auch als Bank, wird davon profitieren.
„In Teilen der Westukraine entsteht faktisch ein neues wirtschaftliches Zentrum des Landes“
Wie reagiert Ihr auf Kritik, dass es „zu früh sein könnte“, in einem solchen Kontext mit profitorientierten Modellen zu arbeiten?
Diese Diskussion begegnet uns vor allem in Deutschland: Darf man im Kontext eines Krieges wirtschaftlich tätig sein? Meine klare Antwort lautet: Den Wiederaufbau eines Landes finanziert man nicht mit Spenden. Mit Beginn des Krieges wurden in Deutschland über eine Milliarde Euro gespendet. Das war ein starkes Zeichen der Solidarität. Aber ein struktureller Wiederaufbau in dreistelliger Milliardenhöhe lässt sich so nicht tragen. Deshalb sprechen wir bewusst von Impact-Investment. Kapital, das investiert wird, schafft langfristige Bindung und wirtschaftliche Substanz. Und aus ukrainischer Sicht ist das noch deutlicher: Auslandsinvestitionen gelten dort als zentrale Form wirtschaftlicher Daseinsvorsorge. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnet den Wiederaufbau öffentlich als eine der größten Investitionschancen Europas. Mit UkraineInvest wirbt die Regierung weltweit aktiv um Kapital. Die Ukraine versteht sich nicht als Spendenempfänger, sondern als Investitionsstandort. Wer investiert, hat ein langfristiges Interesse an Stabilität und Entwicklung. Genau darin liegt der Unterschied.
Was war der Ausgangspunkt für die Gründung von Crowd Ukraine? Was verbindet Dich persönlich mit der Ukraine?
Ein prägender Moment war für mich eine Nacht in Odessa. Nach schweren Angriffen, beschädigten Gebäuden, zerstörter Infrastruktur, bin ich am nächsten Morgen um 7:30 Uhr durch die Innenstadt gegangen. Jede Bäckerei war geöffnet, jedes Café hatte Betrieb. Diese Erfahrung hat mir etwas deutlich gemacht: Die Resilienz der Ukrainer ist ein Wirtschaftsfaktor. Über 30 Millionen Menschen leben weiterhin im Land und gehen jeden Tag ihrer Arbeit nach, unabhängig davon, wie die Nacht verlaufen ist. In Kyjiw erleben sie trotz Luftalarm eine funktionierende Großstadt: Stau im Berufsverkehr, geöffnete Geschäfte, aktive Unternehmen. Die Menschen gehen nicht zur Arbeit, um Spendengelder zu verteilen, sondern um Geschäfte zu machen. Es gibt tausende Neugründungen seit Kriegsbeginn, einen starken IT-Sektor und eine ausgeprägte unternehmerische Eigenverantwortung. Diese Haltung ist für mich der entscheidende Punkt. Die Ukraine versteht sich als Wirtschaftsstandort, selbst unter extremen Bedingungen. Und diese Resilienz, die ich dort erlebt habe, hat mir eins klargemacht: Dieses Land ist nicht kaputt zu kriegen. Das bekommt Russland nicht kaputt, das bekommt keine Wirtschaftskrise kaputt. Genau diese Kombination aus Resilienz und Unternehmergeist war für mich der Ausgangspunkt, Crowd Ukraine zu gründen.

Alexander Tebbe
Alexander Tebbe ist Gründer der Crowd Ukraine Invest AG.
Daniel Fernandez ist seit 2025 Chefredakteur der BANKINGNEWS. Seine journalistische Laufbahn begann er 2017 in der Redaktion als Volontär. Er studierte English Studies an der Universität Bonn (B.A. 2016) und vertiefte seine akademische Ausbildung mit einem Master in English Literatures and Cultures, den er ebenfalls in Bonn abschloss. Erste redaktionelle Erfahrungen sammelte er parallel zum Studium als freier Werbetexter.


