Nach 25 Jahren Verhandlungen unterzeichneten die Europäische Union (EU) und die MERCOSUR-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay am 17. Januar 2026 ein Partnerschafts- sowie ein Interims-Handelsabkommen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verkündete dazu: „Europa wird stärker und unabhängiger. Unsere Unternehmen, unsere Arbeitnehmer und unsere Bürger werden davon profitieren – und das sollten sie so schnell wie möglich. Es geht um Widerstandsfähigkeit. Es geht um Wachstum und darum, dass Europa seine eigene Zukunft gestaltet.“ Ein Meilenstein für die europäische strategische Souveränität und Handelspolitik.
Ende 2025 trafen Digitalministerinnen und -minister aus den EU-Mitgliedsstaaten zusammen, um über KI, die europäische Wallet oder etwa europäische Cloud- und Daten-Infrastrukturen zu sprechen – mit dem Ziel, nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, sondern auch, um die digitale Souveränität der EU zu fördern.
In Zeiten von geopolitischen Spannungen und Handelsstreitigkeiten zwischen der EU und den USA oder auch internationalen Konflikten, die direkten und indirekten Einfluss auf den europäischen Kontinent haben, ist eine Erkenntnis deutlich gewachsen: Europäische Autonomie ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Als Teil der kritischen Infrastruktur gilt das auch für Zahlungssysteme – und somit den Zahlungsverkehr in Europa.
Heute dominieren die USA den Großteil des europäischen Zahlungsverkehrs. Im Jahr 2023 wurden laut EZB etwa 70 Milliarden Kartenzahlungen im Euroraum durchgeführt, was einem Anteil von 54 Prozent aller bargeldlosen Zahlungen entspricht. Etwa 61 Prozent der Kartentransaktionen im Euroraum werden dabei über internationale Kartenzahlungssysteme abgewickelt. Während Kartenzahlungen in der EU das führende elektronische Zahlungsmittel darstellen, ist Europa gleichzeitig von ausländischen Infrastrukturen abhängig, etwa bei Kartensystemen und digitalen Zahlungslösungen. Hinzu kommen Sorgen um Datenhoheit und die Kontrolle über sensible Zahlungsinformationen innerhalb Europas.
Wero-Erfolge
Doch es regt sich Widerstand. Mit der Zahlungslösung Wero scheint die European Payments Initiative (EPI) jede Woche durch neu verkündete Kooperationen Erfolge zu erzielen. Anfang Februar unterzeichneten führende europäische Zahlungsdienstleister – darunter Bancomat aus Italien, Bizum aus Spanien, MB WAY aus Portugal, Vipps Mobile Pay aus Norwegen, Dänemark, Finnland und Schweden – mit der EPI Company eine Absichtserklärung: Bis 2027 sollen grenzüberschreitende Zahlungen unkompliziert ermöglicht werden, zuerst als Peer-to-Peer-Zahlungen (P2P), ab 2027 dann im E-Commerce und bei Point-of-Sale- Zahlungen (PoS).
Stand Anfang März 2026 hat Wero seit der Einführung im Jahr 2024 in weniger als zwei Jahren 51,8 Millionen User erreicht. Die digitale Zahlungslösung ist aktuell in Deutschland, Frankreich und Belgien aktiv – in den nächsten Monaten sollen zunächst die Niederlande und Luxemburg, dann weitere Länder folgen. Zuerst für P2P-Zahlungen verfügbar, können Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland seit Ende 2025 und in Belgien seit Anfang März auch E-Commerce-Zahlungen mit Wero tätigen. Frankreich, Luxemburg und die Niederlande planen in diesem Jahr ebenfalls die Nutzung von Wero im Handel. Die Ausweitung Weros im gesamten Euroraum zielt auf die Entwicklung einer einheitlichen paneuropäischen Zahlungslösung ab, unabhängig von ausländischen Infrastrukturen und Kontrollsystemen.
Der digitale Euro kommt
Derzeit befindet sich ein weiteres Kernprojekt für strategische Autonomie in der Vorbereitungsphase: der digitale Euro. Als digitales Zentralbankgeld wäre der digitale Euro staatlich abgesichert, für alle Menschen in der Eurozone zugänglich und damit auch europaweit akzeptiert – für P2P-Zahlungen, PoS und den E-Commerce. Ein weiterer wichtiger Punkt: Durch kürzere Wege und europäische Datenschutzstandards ermöglicht der digitale Euro ein hohes Datenschutzniveau.
Regulatorische Entwicklungen, wie die EU-Verordnung zu Instant Payments, die Weiterentwicklung der EU-Zahlungsdiensterechtlinie oder auch die „Financial Data Access“-Verordnung (FIDA), schaffen standardisierte, effiziente Prozesse und damit ein integriertes Zahlungsökosystem, das Innovation ermöglicht und die europäische Infrastruktur stärkt. Gleichzeitig bringt eine mögliche Implementierung des digitalen Euros für Banken Herausforderungen mit sich, darunter Sorgen um das Einlagengeschäft und die Liquiditätssteuerung, neue regulatorische Anforderungen sowie technische Anpassungen, die hohe Investitionskosten mit sich bringen. Laut einer PwC-Studie aus dem Jahr 2025 könnten sich die Gesamtkosten für Banken in der Eurozone auf 18 Milliarden Euro belaufen, wobei 75 Prozent dieser Kosten technischen Anpassungen zugeschrieben würden.
Doch Investitionen sind unvermeidlich, denn im Hintergrund der geopolitischen Spannungen und Entwicklungen kann sich Europa nicht mehr leisten, sich auf bisherige Partner zu verlassen. Um die strategische Handlungsfähigkeit Europas sicherzustellen, müssen die Akteure der Finanzbranche in den sauren Apfel beißen: Alternativen, Regulatorien und Innovationen sind unerlässlich, um die europäische Sicherheit und Souveränität langfristig zu gewährleisten.
Maria Scherban absolvierte ihr redaktionelles Volontariat beim BANKINGCLUB und arbeitet seit Mitte 2025 als Redakteurin. Zuvor schloss sie ihren Master of Arts an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ab.

