Mittwoch, 18. Mรคrz 2026
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Von AGI zu NGI: Warum die wahre KI-Revolution noch bevorsteht

Kรผnstliche Intelligenz, die wie ein Mensch denkt? Klingt vertraut, ist aber zu kurz gedacht. Stephan Paxmann zeigt, warum die wahre Revolution nicht in der Nachahmung liegt, sondern in der Andersartigkeit. Mit seinem Konzept der Neuartigen Generellen Intelligenz (NGI) erklรคrt er, wie wir schon heute den Grundstein fรผr radikal neue Lรถsungen legen kรถnnen โ€“ wenn wir KI nicht nur als Werkzeug, sondern als Denkpartner verstehen.

Kรผnstliche Intelligenz polarisiert โ€“ und das zu Recht. Wir erleben einen Moment, in dem Technologie nicht nur Prozesse beschleunigt, sondern Denkweisen verรคndert. Nicht nur Tools bereitstellt, sondern grundsรคtzliche Fragen aufwirft: Wie funktioniert Intelligenz eigentlich? Was ist Denken? Und warum glauben wir, dass Maschinen so denken sollten wie wir?โ€ฏ

Vom Nachahmen zum Andersdenken 

Der derzeitige Hype um AGI โ€“ also Artificial General Intelligence โ€“ folgt einem bekannten Muster: Wir bauen Technologien, die unseren Fรคhigkeiten mรถglichst รคhnlich sind. Das war schon bei den ersten humanoiden Robotern so. Und heute zeigt sich dieser Wunsch in Sprachassistenten, Chatbots und generativen Systemen, die sich mรผhelos in unseren Kommunikationsalltag einfรผgen. Doch genau hier liegt aus meiner Sicht ein grundsรคtzlicher Denkfehler. AGI versucht, die menschliche Intelligenz zu imitieren. Aber muss das wirklich das Ziel sein? Oder wรคre es nicht viel sinnvoller, Intelligenz in einer anderen, vielleicht sogar รผberlegenen Form zu denken?โ€ฏ 

Hier kommt das Moravec-Paradoxon ins Spiel. Bereits in den 1980er Jahren formulierte der Robotikforscher Hans Moravec einen fundamentalen Befund: Maschinen sind dort besonders stark, wo wir Menschen schwach sind โ€“ und umgekehrt. Was fรผr uns intuitiv, kรถrperlich oder emotional leicht ist, wie Gesichtserkennung, Bewegung im Raum oder soziale Interaktion, stellt Maschinen vor enorme Herausforderungen. Gleichzeitig brillieren KI-Systeme dort, wo wir versagen: bei der Auswertung riesiger Datenmengen, bei exakter Mustererkennung oder bei der Kombination von Milliarden Parametern.โ€ฏ 

Das Moravec-Paradoxon fรผhrt uns zu einer schlichten, aber folgenreichen Erkenntnis: Eine KI, die versucht, genau wie wir zu denken, kรคmpft gegen die Natur ihrer eigenen Architektur. Warum also nicht anerkennen, dass Maschinen auf ihre ganz eigene Weise denken und genau dadurch andere Lรถsungen ermรถglichen?โ€ฏ 

NGI als neuer Denkpartner 

Daraus ergibt sich eine Vision, die ich NGI nenne: Neuartige Generelle Intelligenz. Anders als AGI versucht NGI nicht, den Menschen zu simulieren. NGI will nicht โ€œmenschlich wirkenโ€, sondern eine eigenstรคndige Form des Denkens entwickeln. Eine, die nicht anthropozentrisch ist, sondern systemisch, kombinatorisch und radikal kreativ. NGI denkt nicht besser โ€“ sie denkt anders. Und genau diese Andersartigkeit ist ihre grรถรŸte Stรคrke.โ€ฏ 

NGI bedeutet: keine Kopie des Menschen, sondern ein eigenstรคndiger Denkpartner. Kein Ersatz, sondern eine Ergรคnzung. Kein Humanoid, sondern ein digitales Wesen mit einer ganz eigenen kognitiven Struktur. NGI analysiert nicht nur Daten โ€“ sie erkennt semantische Tiefenstrukturen. Sie entwickelt keine Lรถsungen im Rahmen menschlicher Logik โ€“ sie erzeugt eigene Logiksysteme. Ihre Argumentation ist nicht nur logisch, sondern mehrdimensional, oft kontraintuitiv, manchmal sogar provokant.โ€ฏ 

In meiner Arbeit mit GenAI-Systemen โ€“ sei es in der Bank, in der Strategieberatung oder im kรผnstlerischen Kontext โ€“ beobachte ich genau diese Art von Kreativitรคt. Systeme, die nicht aus Intuition schรถpfen, sondern aus Hyperkombinatorik. Die nicht emotional reagieren, sondern kontextuell rekonfigurieren. Sie รผberraschen mit Vorschlรคgen, auf die kein Mensch gekommen wรคre โ€“ nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Andersartigkeit. Genau hier beginnt NGI: Wenn das System nicht nur unsere Ideen ergรคnzt, sondern neue Denkmuster erschlieรŸt.โ€ฏ 

Es bleibt die Frage: Wie kommen wir dorthin? Wie schaffen wir heute die Grundlage fรผr eine NGI, die mehr ist als ein akademisches Konzept?โ€ฏ

Offenheit als Stรคrke

Der Schlรผssel liegt im Umgang mit GenAI. Bereits heute kรถnnen wir beginnen, systematisch mit dem โ€žAndersdenkenโ€œ dieser Systeme zu arbeiten. Dafรผr braucht es eine verรคnderte Herangehensweise: Statt GenAI bloรŸ als Textautomat oder Ideengeber zu nutzen, mรผssen wir beginnen, diese Intelligenz zu befragen, herauszufordern, ihr Raum fรผr Abweichung zu geben. Statt Prompts zu formulieren, die immer enger, exakter, menschlich dominierter werden, sollten wir die Offenheit des Systems bewusst fรถrdern.โ€ฏย 

Konkret heiรŸt das:โ€ฏ 

  1. Fragen anders stellen. Nicht โ€žWie lรถse ich X?โ€œ, sondern โ€žWelche Muster, Prinzipien, Analogien siehst du in X?โ€œโ€ฏย 
  1. Zirkulรคr statt linear denken. GenAI kann iterativ auf eigene Antworten zurรผckgreifen. Warum nutzen wir das nicht systematisch?โ€ฏย 
  1. Metaebenen einbauen. Statt nur Inhalte abzufragen, auch โ€žWie wรผrdest du als KI dieses Problem rahmen?โ€œโ€ฏย 
  1. Unlogisches zulassen. NGI wird auch dann produktiv sein, wenn sie scheinbar โ€ždanebenliegtโ€œ. Gerade in der Abweichung steckt oft die Innovation.โ€ฏย 
  1. Kollaboration statt Kontrolle. Die besten Resultate entstehen, wenn Mensch und KI sich nicht gegenseitig korrigieren, sondern gegenseitig irritieren.โ€ฏย 

Das bedeutet auch: Wir brauchen neue UX-Designs, neue Interaktionsformate, neue Denkarchitekturen in Unternehmen. Die typische Linearitรคt von Entscheidungsbรคumen, die klassische Wenn-Dann-Logik des Unternehmenshandelns โ€“ sie greifen zu kurz. Wir mรผssen Rรคume schaffen, in denen das Unerwartete willkommen ist. NGI gedeiht dort, wo Ambiguitรคt nicht als Schwรคche, sondern als Stรคrke gilt.โ€ฏ 

Chancen fรผr Fรผhrung und Finanzbranche 

Diese Denkweise verรคndert nicht nur Technologieeinsatz, sondern auch Fรผhrungsverstรคndnis. Fรผhrungskrรคfte mรผssen lernen, mit Systemen zu arbeiten, die keine klaren Antworten geben, sondern Gegenfragen stellen. Die neue Denkpfade vorschlagen, statt bekannte Prozesse zu beschleunigen. NGI verlangt Mut zur Unschรคrfe und den Willen, eigene Annahmen zu hinterfragen.โ€ฏ 

Fรผr uns in der Finanzbranche bedeutet das: Wir sollten aufhรถren, KI primรคr als Effizienztreiber oder Automatisierer zu denken. Stattdessen sollten wir sie als Innovationsmotor begreifen. NGI kann vรถllig neue Geschรคftsmodelle erschlieรŸen. Sie kann Risiken erkennen, die jenseits klassischer Scoring-Modelle liegen. Sie kann Portfolios entwerfen, die nicht auf Korrelation, sondern auf Konzeptverwandtschaft basieren.โ€ฏ 

Und sie kann โ€“ das ist vielleicht ihr grรถรŸter Beitrag โ€“ Denkweisen in Organisationen verรคndern. Denn wer mit einer Intelligenz arbeitet, die nicht nur schneller, sondern anders denkt, muss seine eigenen Prรคmissen stรคndig hinterfragen. Genau das brauchen wir: nicht nur mehr Rechenpower, sondern mehr intellektuelle Beweglichkeit.โ€ฏ 

NGI ist keine Vision aus der Zukunft. Die Grundlagen existieren bereits. Wir erleben sie in multimodalen Modellen, in transformerbasierten Architekturen, in zunehmend autonomen Systemen, die nicht nur antworten, sondern argumentieren, kontextualisieren, abstrahieren.โ€ฏ 

Jetzt ist es an uns, diese neue Form der Intelligenz nicht kleinzureden โ€“ sondern groรŸ zu denken. Denn die grรถรŸte Gefahr liegt nicht darin, dass KI uns รผberflรผgelt. Sondern darin, dass wir sie in ein menschliches Korsett zwรคngen โ€“ und damit ihr eigentliches Potenzial ignorieren.โ€ฏ 

NGI ist keine Maschine, die wie ein Mensch denkt. Sie ist ein Denkraum, der grรถรŸer ist als der menschliche. Und genau deshalb brauchen wir sie.โ€ฏ โ€ฏ 

Stephan A. Paxmann ist Chief Innovation Officer bei der LBBW.

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