Freitag, 17. April 2026
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Boni abschaffen: Warum es dazu keine Alternative gibt

Die ausgeklรผgelten Systeme variabler Vergรผtung in der Finanzbranche stehen vor dem Aus.

Es war einmal eine Bank, die hatte viele Mitarbeiter. Sie war eine ehrgeizige Bank, eine, die etwas auf sich hielt. Und auรŸerdem eine, die fand, sie sei schรถn und sehr schlau und habe mehr Erfolg verdient als die anderen Banken des Kรถnigreiches. Diese Bank nun hatte einmal die Geschichte vom dummen Esel gehรถrt, der, solange ihm sein Reiter nur eine an einer Rute aufgehรคngte Karotte vor der Nase herumbaumeln lieรŸ, dem auf ewig entrรผckten Gemรผse willig hinterhertrottete. Zur Freude seines Reiters.

Also ersann die Bank folgende List: Sie wรผrde ihren Mitarbeitern nicht nur ein gerechtes Salรคr geben, sondern sie zusรคtzlich auch zur Leistung anspornen – genau wie jener Reiter in der Geschichte es mit dem Esel getan hatte! Sie begann eines Tages, ihren Leuten Anreize hinzuhalten, eine Art Rรผbe: Da die Bank ohnehin viel mit Geld hantierte, sich aber mit Ernรคhrung und Gemรผse kaum auskannte, benutze sie statt Mรถhren einfach Geld. Sie nannte das Boni. Und siehe da: Es passierte auch etwas.

Bonussysteme funktionieren nicht

Ich will die Geschichte an dieser Stelle abkรผrzen – die Spatzen pfeifen es schlieรŸlich seit geraumer Zeit schon von den Dรคchern: Bonus- und Anreizsysteme funktionieren beim Menschen nicht โ€“ egal wie klug und ausgefeilt sie auch gestaltet sein mรถgen. Sie verbessern weder individuelle Leistung (falls es so etwas รผberhaupt gibt), noch Unternehmensergebnisse. Warum? Nun, Anreizsysteme haben mit Leistung ebenso viel zu tun wie Intelligenztests mit Intelligenz. Nรคmlich nullkommanichts. Intelligenztests messen nicht Intelligenz, sondern die Fรคhigkeit, Tests zu lรถsen; Boni und Incentives bewirken nicht, dass Leistung besser wird, sondern dass Mitarbeiter Wege finden, Ihren Bonus zu bekommen. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Boni als โ€žleistungsabhรคngige Bezahlungโ€œ oder โ€žPay for Performanceโ€œ zu bezeichnen, ist daher absurd.

Das liegt nicht daran, dass Mitarbeiter Esel wรคren, sondern dass sie genau das Gegenteil davon sind. Harvard-Professor Michael Jensen hat einmal bildlich dargestellt, wie anreizende Vergรผtung wirkt: Durch die Kopplung von Vergรผtung an Ziele entstehen โ€žBrรผcheโ€œ in der Gesamtvergรผtung (siehe Illustration). Diese Bruchstellen regen die Angereizten in jeder Situation dazu an, das System fรผr den individuellen Vorteil zu nutzen, es aber gleichzeitig auch zum langfristigen Nachteil des Gesamtsystems zu manipulieren. Oder letztlich zu schlagen.

Die fatalen Wirkungen der Anreize auf Verhalten

Die Vergรผtungssysteme, รผber die wir hier sprechen, sind also keineswegs harmlos. Ohne โ€žaggressiveโ€œ, โ€žmotivierendeโ€œ Vergรผtung und Bonuskultur hรคtte die Finanzkrise von 2008 niemals diese AusmaรŸe erreichen kรถnnen. Vermutlich wรคre sie gar nicht entstanden: Anreize vereseln die so Incentivierten, setzen ihnen Scheuklappen auf und machen sie scheinbar bekloppt. Sie sagen ihnen: โ€žErreich dein Ziel, dann geht es dir gut! Schau nicht so genau, ob Kunden zufrieden sind, ob Wertschรถpfung entsteht oder ob Gesetze gebrochen werden.โ€œ

Natรผrlich ist die Finanzdienstleistungsbranche von der Bonus- und Incentivierungskultur durchdrungen wie keine andere. Auch die prozentualen Anteile variabler Vergรผtung an den Gesamtgehรคltern sind in Banken, von einigen Ausnahmen abgesehen, relativ stark ausgeprรคgt. Das fรผhrt dazu, dass sich viele Bankmanager, -personaler und โ€“controller und Aufsichtsrรคte of kaum mehr vorstellen kรถnnen, dass es auch anders gehen kรถnnte. Das รคndert aber nichts an der Dringlichkeit und an der Notwendigkeit, von diesen Vergรผtungspraktiken abzurรผcken. Im Gegenteil: Die Missstรคnde in der Branche, wie die niedrige Beratungsqualitรคt, Compliance- und Ethik-Probleme, oder extreme Volatilitรคt der Ergebnisse sind ohne eine Abkehr von bisheriger Vergรผtungskultur gar nicht denkbar.

Anreizsysteme kรถnnen nicht verbessert werden

Dafรผr dass man Anreizsysteme nicht verbessern kann, liefert die UBS ein beredtes Beispiel. Unter groรŸem Tamtam hat die UBS hat ihre Vergรผtungssysteme vermeintlich immer wieder umstรผlpt, zuletzt in den Jahren 2012/2013. Erreicht hat sie dabei nichts: Sie hat am Ende das Falsche nur immer weiter optimiert. Es gibt dort trotz aller Beteuerungen weiterhin Zielvereinbarungen, Leistungsanreize, Optionsprogramme, ausgeklรผgelte โ€žZuteilungenโ€œ. Die lange Folge von Skandalen wird so niemals abreiรŸen: Boni sind ein Hamsterrad, aus dem man ganz aussteigen muss.

Wie die Alternative konkret aussieht? Viel einfacher als der Status quo bei UBS und Co.. Die einfachste Lรถsung: Mitarbeitern ausschlieรŸlich Festgehalter zahlen; dazu, falls nรถtig, ehemalige Bonus-Gehaltsbestandteile in Grundgehalt umwandeln. Die Personalkosten werden dadurch nicht hรถher. Es wird nur offiziell fix, was zuvor variabel erschien. Man kann Mitarbeitern auch einen Anteil an gemeinsamen (statt individuellen) Ergebnissen geben, also z.B. am Ergebnis des Unternehmens, als Gewinnbeteiligung oder in Form von Unternehmensanteilen. Aber natรผrlich bitte nicht als Aktienoptionen, die wiederum zum Tricksen und zur Manipulation erziehen.

Das Problem mit der Vergรผtung von Bankmanagern und โ€“mitarbeitern ist nicht die absolute Vergรผtungshรถhe oder das Gesamtgehalt. Natรผrlich sind Bankersalรคre vielerorts exzessiv und in machen Fรคllen schamlos.

Bonussysteme animieren zur blinden Zielerreichung

Die Gehaltshรถhe ist aber nur ein Problem fรผr die Banken selbst. Anreizende Vergรผtung ist ein Problem fรผr die ganze Gesellschaft. Sie konditioniert zum Wegschauen, zum Missbrauch, zur blinden Zielerreichung als Standardfall: โ€žMach deine Quote. Auch wenn dadurch am Ende die Bank den Bach runtergehtโ€œ. In einer Branche wie der Finanzdienstleistung, die eine unverzichtbare volkswirtschaftliche Rolle verantwortungsvoll auszufรผllen hรคtte, ist das fatal.

Das Misstrauen der Gesellschaft gegenรผber seinen Bankern und seinen Banken ist gerechtfertigt, solange es dort Vergรผtung gibt, die an Umsรคtze, Ziele und Erwartungen gekoppelt ist. Banker sind nicht gierig: Sie werden durch gรคngiges Performance Management gierig gemacht. Systematisch hinkonditioniert. Anreize oder Boni sind eine Vergรผtungspraxis aus der Management-Mottenkiste, die auf den Mรผllhaufen der Geschichte gehรถrt: Die Verantwortung dafรผr, dass das passiert, liegt bei Bankvorstรคnden, Aufsichtsrรคten, Eigentรผmern.

Langfristig hat jede Bank genau die Mitarbeiter, die sie verdient. Verhalten sich Ihre Mitarbeiter, Kollegen, Chefs wie Esel?

Niels Pflรคging ist Speaker bei BetaCodex Network.

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