Rudolf Linsenbarth
Senior Consultant
COCUS Consulting GmbH
In den sozialen Medien gibt es heiรe Diskussionen, ob paydirekt nun ein Erfolg oder Rohrkrepierer wird. Vielleicht hilft zur Beantwortung dieser Frage ein Blick auf die weniger erfolgreichen Projekte der Deutschen Kreditwirtschaft: Girogo und Giropay. Im Unterschied zu denen hat man auf die kleine Vorsilbe โGiro-โ im Produktnamen verzichtet. Besonders wichtig aber ist: diesmal sind vor allem alle Banken dabei.
Die Sparkassen haben sich zu Beginn geziert und am Anfang auch wesentlich zu einer Kakophonie beigetragen. Nun, nach dem Holperstart ist das Produkt fertig, erste Hรคndler sind angeschlossen und eine Bank nach der anderen geht live. Wird jetzt alles gut?
Die Banken werden auf jeden Fall weitere groรe Onlinehรคndler gewinnen. Entweder รผber einen attraktiven Preis, Werbekostenzuschรผsse oder beides. Entscheidend fรผr paydirekt ist es aber, ein relevantes Zahlverfahren zu werden. Der Handel nominiert und steuert, womit der Kunde bezahlt. Wie im Fall PayPal muss das nicht immer die billigste Bezahlvariante sein. Fรผr den Onlinehรคndler zรคhlt nur, ob das Bezahlverfahren zu mehr und schnelleren Kaufabschlรผssen fรผhrt.
Es darf bezweifelt werden, ob die Banken die Probleme des E-Commerce wirklich verstanden haben. Der erste Mehrwert, den Niklas Bartelt, Geschรคftsfรผhrer von paydirekt, in einem Interview genannt hatte, war die Kreditvergabe an paydirekt-Nutzer. Das ist kein Mehrwert fรผr den Hรคndler und auch nicht fรผr den Bankkunden. Das ist die Bankendenke aus dem letzten Jahrhundert.
Die Probleme des OnlineHandels sind offensichtlich und heiรen Amazon und Google. Es gilt: Google = Suchen und Amazon = Kaufen. Der Handel muss entweder in die รคuรerst ungeliebte Partnerschaft mit Amazon gehen oder Unsummen an Geldern an Google zahlen, um vom Kunden gefunden zu werden. Hier liegen die wirklichen Mehrwerte, die ein neues Zahlverfahren mitbringen muss!
Sven Korschinowski
Financial Services
KPMG AG
Banken sind nicht innovativ. Sagt man. Banken haben Mobile Payment verschlafen. Hรถrt man. Banken werden mit Paypal nicht konkurrieren kรถnnen. Liest man. Dann lasst es doch gleich ganz! Kann bzw. sollte das die Devise sein? Meiner Meinung nach nicht.
Ich finde es gut, dass heimische Finanzindustrie รผber alle Befindlichkeiten hinweg die Kraft gefunden hat, das Vorhaben und Produkt paydirekt auf den Weg zu bringen. Schlieรlich stellt der Zahlungsverkehr einen zentralen Pfeiler in der digitalen Transformation der Finanz-รkosysteme dar.
Die Frage sollte freilich erlaubt sein, warum die Banken beim Mobile Payment mit Internet-Bezahlen starten und nicht im stationรคren Geschรคft, wie Apple und Samsung. Aber auch die Banken in Groรbritannien mit pay:m oder die Danske Bank in Dรคnemark mit MobilePay. eCommerce verspreche sich hier die hรถheren Wachstumsraten. Aber der gewรคhlte Weg ist eine unternehmerische Entscheidung, die zu respektieren ist.
Kann das neue Gemeinschaftsprodukt paydirekt Paypal das Wasser reichen? Der Gigant aus San Josรฉ hat einen vieljรคhrigen Vorsprung, der sich in Produktreife, Akzeptanz und in erheblichem Marktanteil ausdrรผckt. paydirekt fokussiert sich (zunรคchst) nur auf Deutschland und bietet keine fรผr den Kunden sichtbaren, sich unterscheidenden Features. Der Aspekt โSicherheit und Vertrauen durch eine deutsche Bankenlรถsungโ dรผrfte fรผr Kunden eher eine untergeordnete Rolle spielen und alleine kaum dafรผr sorgen kรถnnen, dass sich eCommerce-Shopper kaum in groรer Zahl vom Nutzen dieser Bezahlmethode รผberzeugen lassen. Andererseits haben die Banken Zugang und v.a. Geschรคftsbeziehungen zu allen relevanten eCommerce-Hรคndlern und natรผrlich die Kunden- und Kontenbasis. Ihnen sollte es deshalb durchaus gemeinsam gelingen kรถnnen, eine Marke mit hohem Bekanntheitsgrad zu schaffen. Kritische Stimmen sollte paydirekt Lรผgen strafen, indem es durch ein sinnvolles und sicheres Angebot รผberzeugt. Am Ende entscheidet einzig und allein der Kunde, indem er mit paydirekt bezahlt oder nicht.
Steffen v. Blumrรถder
Bereichsleiter Banking
Bitkom e.V.
Ich freue mich, dass paydirekt nun endlich an den Markt geht und all die hypothetischen Diskussionen ein Ende haben. Viel wurde diskutiert, wahre Shitstorms ergossen sich in den sozialen Medien. Einiges davon war sicherlich nicht in der Art und Weise gerechtfertigt, aber die Auรendarstellung war auch nicht immer gelungen.
Ist der Markteintritt von paydirekt im Vergleich zu den anderen Bezahlvarianten zu spรคt? Fรผr mich stellt sich die Frage nicht mehr. paydirekt ist jetzt am Markt – fertig! Jetzt heiรt es fรผr paydirekt, Gas zu geben, denn die angestrebten Kundenzahlen, die aktuell kursieren, sind recht ambitioniert. Schade nur, dass die Sparkassen nicht von Anfang an mit dabei sind. Setzt man hier doch eher auf Giropay? Natรผrlich bin ich sehr auf den Marketingapproach gespannt. Der Markt an Online Bezahlmethoden in Deutschland ist so vielfรคltig wie in keinem anderen Land und viele Anbieter haben Ihr Segment/Nische bereits gefunden. Dennoch denke ich, dass das Wachstum im E-Commerce noch Raum fรผr einen weiteren Player lรคsst. Ich gehe auch davon aus, dass nicht so sehr die anderen Zahlungsdienstanbieter Marktanteile abgeben werden, sondern eher der Bereich der Rechnungszahlung zurรผckgeht. Von der Anzahl der Konten in Deutschland hat paydirekt ein enormes Potenzial, aber schaffen es die Banken auch, fรผr sich und Ihre Hรคndlerpartner eine entsprechende Conversion-Rate zu generieren?
Ich persรถnlich hรคtte mir gewรผnscht, dass paydirekt sofort als Multikanalverfahren an den Markt geht. Das wรคre mutig gewesen und hรคtte auch ein Zeichen an die etablierten Player am Markt gesetzt.
Es bleiben also ein paar Fragen offen und ich freue mich schon in ein paar Monaten eine Zwischenbilanz ziehen zu kรถnnen. Erst dann kรถnnen wir wieder kontrovers diskutieren.
Bis dahin โ viel Erfolg paydirekt!
Bildnachweis des Vorschaubildes: paydirekt via paydirekt.de
Rudolf Linsenbarth ist Fachbeirat des BANKINCLUB und beschรคftigt sich seit รผber 15 Jahren mit digitaler Identitรคt, Kryptografie und Mobile Payment.

