Freitag, 17. April 2026
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Alles bleibt anders

Wer erinnert sich nicht an das Aktienjahr 2015? Nach fulminanten Start, der den DAX in weniger als vier Monaten um 25 Prozent in die Hรถhe katapultierte, stellte sich kurze Zeit spรคter der groรŸe Katzenjammer ein. Erst der Crash am Rentenmarkt, dann das Ringen um den โ€žGrexitโ€œ, danach Bรถrsencrash und Konjunkturunsicherheiten in China, der VW-โ€žDieselgateโ€œ-Skandal und die Terroranschlรคge in Paris: Immer neue Negativschlagzeilen machten den Bรถrsen zu schaffen. Dabei waren doch die meisten Kapitalmarktteilnehmer davon ausgegangen, dass nach dem guten Auftakt alles so bleiben wรผrde. DAX-Prognosen von 13.000 Punkten und mehr machten schon die Runde, bevor es wieder ungemรผtlich wurde und die Kurse zeitweise deutlich unter die 10.000-Punkte-Marke rutschten.

Andere Vorzeichen als im letzten Jahr

2016 steht dagegen unter ganz anderen Vorzeichen als 2015, denn fรผr die meisten Aktienanleger ist der Start in das Jahr mehr als unbefriedigend ausgefallen. Das Ungemach deutete sich bereits am ersten Handelstag im Januar an, als die chinesische Bรถrse um sieben Prozent einbrach und andere Handelsplรคtze mit in die Tiefe riss. Bis Mitte Februar setzten sich die Kursverluste ungebremst fort, da schlechte Wirtschaftsdaten und der anhaltende Verfall des ร–lpreises die Befรผrchtung aufkommen lieรŸen, dass die Weltwirtschaft auf eine neue Rezession zusteuern kรถnnte. Insbesondere in den beiden grรถรŸten Volkswirtschaften der Welt, in den USA und in China, gab es eine Vielzahl von enttรคuschenden Konjunkturdaten, aber auch Japan und Europa konnten sich von diesem Trend nicht abkoppeln.
Viele Aktienbรถrsen verzeichneten den schlechtesten Jahresbeginn seit vielen Jahrzehnten, und wenig รผberraschend wurden die Erwartungen an das Aktienjahr 2016 deutlich nach unten revidiert. Viele Analysten trauen dem Aktienmarkt fรผr den Rest des Jahres nur noch wenig Positives zu. Zu Recht? Oder liegen die Marktteilnehmer wieder genauso falsch wie im vergangenen Jahr, als man nach dem Verlauf der ersten drei Monate so zuversichtlich auf die weitere Entwicklung des restlichen Jahres schaute?

Unklares Bild bezรผglich Kurserholung

In den vergangenen Wochen konnten die Aktienmรคrkte ihre zuvor erlittenen Verluste zumindest teilweise wieder wettmachen. Die Kurserholung ist in erster Linie darauf zurรผckzufรผhren, dass sich viele Konjunkturdaten zuletzt stabilisiert haben. Allerdings ist das Bild keineswegs eindeutig: Wรคhrend der im Januar und Februar zu beobachtende Abwรคrtstrend gestoppt zu sein scheint, gibt es bislang noch wenig belastbare Hinweise, die fรผr eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung sprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Verfassung der Weltwirtschaft im 1. Quartal 2016 ihren Tiefpunkt erreicht haben kรถnnte, schรคtzen wir dennoch als vergleichsweise hoch ein. Jedoch gilt auch hier die alte Binsenweisheit, dass ein einzelner Monat noch nicht unbedingt einen neuen Trend definiert. Von daher kommt den nรคchsten Daten eine besondere Bedeutung zu, um die Frage beantworten zu kรถnnen, ob der untere Wendepunkt beim globalen Konjunkturzyklus erreicht ist.

Entwicklung auch von Unternehmensgewinnen abhรคngig

Ob sich die Erholung an den internationalen Aktienmรคrkten fortsetzt, wird daneben auch von den Unternehmensgewinnen abhรคngen. Denn deren Entwicklung ist zumindest mittel- bis langfristig der wohl wichtigste singulรคre Einflussfaktor fรผr die Kurse bรถrsennotierter Unternehmen. Dass sich die Weltleitbรถrse, der US-amerikanische S&P 500, seit gut einem Jahr seitwรคrts bewegt und die Marke von 2.000 Punkten bislang nicht nachhaltig รผberwinden konnte, hat sehr viel damit zu tun, dass die Unternehmensgewinne seitdem auf der Stelle treten. Der Blick auf die Gewinnerwartungen des Jahres 2016 verheiรŸt zunรคchst wenig Gutes. Nach dem Minus von einem Prozent im letzten Jahr wird fรผr dieses Jahr ein Plus von knapp zwei Prozent erwartet โ€“ immerhin. Dabei wird fรผr das erste Quartal fรผr den S&P 500 ein Gewinnrรผckgang von mehr als acht Prozent gegenรผber dem Vorjahr prognostiziert. Dies liegt vor allem an den deutlich reduzierten Ertragserwartungen fรผr die Unternehmen aus dem Energiesektor. Aber selbst wenn man diese Branche aus der Betrachtung ausklammert, bleibt es bei einem erwarteten Gewinnrรผckgang von rund zwei Prozent fรผr den S&P 500 ex. Energy.

Allerdings haben wir im Moment den Eindruck, dass sowohl die Verbesserung des makroรถkonomischen Umfelds, wie er in den jรผngst besseren Frรผhindikatoren zum Ausdruck kommt, als auch die hรถheren Rohstoffpreise noch nicht in den Schรคtzungen der Mikroanalysten berรผcksichtigt wurden. Besonders augenscheinlich ist dies bei den Gewinnprognosen der Energieunternehmen. So zeigt sich, dass ein sehr enger Zusammenhang zwischen der Hรถhe des ร–lpreises und den Gewinnen der ร–lunternehmen besteht. Doch wรคhrend sich der ร–lpreis seit Mitte Februar um mehr als 50 Prozent erholt hat, wurden die Gewinnprognosen Woche fรผr Woche weiter nach unten revidiert. Von daher halten wir es fรผr sehr wahrscheinlich, dass viele ร–lunternehmen die Ertragserwartungen รผbertreffen werden. Aber nicht nur die hรถheren ร–lpreise und die besseren Frรผhindikatoren erhรถhen die Wahrscheinlichkeit, dass die Gewinnerwartungen mittlerweile zu pessimistisch geworden sind. Auch der US-Dollar gehรถrt zu den Faktoren, der bei den US-Unternehmen zu einem geringeren Gegenwind, vielleicht sogar zu Rรผckenwind bei den zukรผnftigen Ergebnissen fรผhren kann.

Skepsis ist รผberzogen

Alles in allem sind wir von daher optimistisch, dass sich die derzeit zu beobachtende รคuรŸerst skeptische Erwartungshaltung hinsichtlich der Unternehmensergebnisse als รผbertrieben negativ herausstellen wird. Sollte sich diese Einschรคtzung bestรคtigen, wรคre dies ein positives Signal fรผr die weitere Kursentwicklung und kรถnnte dazu beitragen, dass der S&P 500 endlich aus seiner Seitwรคrtsbewegung nach oben ausbricht โ€“ und andere Indizes, wie den DAX, mit nach oben zieht. Dann kรถnnte sich die derzeitige Skepsis gegenรผber Aktien als genauso falsch erweisen wie die Euphorie im Frรผhjahr und Sommer 2015.

Carsten Klude ist seit dem Jahr 2000 Chefvolkswirt von M.M.Warburg & Co. und verantwortlich fรผr Konjunktur- und Kapitalmarktprognosen sowie fรผr alle Fragen rund um das Thema Asset Allocation. Seit 2009 ist Klude Mitglied im neu gegrรผndeten Investmentrat der Bank und verantwortet seit dem Sommer 2013 auch deren Portfoliomanagement. Seit 2015 ist Klude auรŸerdem Vorsitzender des Ausschusses fรผr Wirtschafts- und Wรคhrungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V. Fรผr seine Prognosen hat er eine Reihe von Auszeichnungen erhalten und regelmรครŸig Spitzenplรคtze im Langfristranking der Financial Times Deutschland erzielt.

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