Der Begriff Digitalisierung steht synonym dafรผr, dass bereits heute die Mehrzahl der Kundenkontakte und der zugehรถrigen Prozesse medial und IT-gestรผtzt ablรคuft โ am Terminal, PC oder Smartphone. An diesen Schnittstellen drรคngt sich neue Konkurrenz, von Giganten wie Apple oder PayPal bis hin zu einer Vielzahl von Fintechs. Und viele Kunden sind offen fรผr attraktive Angebote. In unserer Studie โLebenswelt 2020โ zeigte sich darรผber hinaus, dass ein Kunde zum โMoving Chameleonโ wird und in unterschiedlichen Situationen (Lebensphase, Produkt) zum Teil sehr unterschiedliche Vorstellungen davon hat, wann und wie er seine finanziellen Dinge regeln mรถchten, welche Entscheidungskriterien fรผr ihn wichtig sind und was er in einer bestimmten Situation von einem Finanzdienstleiter erwartet (โSituative Erwartungs-Differenzierungโ). So mรผssen sich die Finanzdienstleister nicht nur vielen neuen Konkurrenzangeboten stellen, sondern stehen auch einem unberechenbareren Kunden gegenรผber. Die groรe Aufgabe wird es sein, einem Kunden โ denn โden Kundenโ gibt es nicht โ zur rechten Zeit das zu bieten, was und wie es dieser Kunde in dieser Situation erwartet. Eine primรคr auf Segmentierung und Planung basierende Vertriebsstrategie wird dieser Herausforderung nur schwer gerecht.
Erwartungsprofile und Lebensprojekte
Hier bildet Digitalisierung den zentralen Baustein fรผr die passende Lรถsung. Die Auswertung von Daten (Big Data, Data Analytics) wird wertvolle Hinweise auf die potenzielle Bedarfssituation eines Kunden liefern, d.h. wann, wer, fรผr was angesprochen werden kann. Insbesondere fรผr einfache Produkte, die unmittelbar รผber digitale Kanรคle vertrieben werden kรถnnen, ein echter Gewinn. Aber unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass gerade bei komplexeren Themen, wie Immobilienerwerb oder Altersvorsorge (โLebensprojekteโ), auch komplexe Erwartungsprofile der Kunden bestehen. Dies bezieht sich darauf, welche Kanรคle, Inhalte, Ablรคufe, Konditionen, Gesprรคchspartner, Kompetenzen etc. ein Kunde erwartet. So ist beispielsweise das Lebensprojekt โdauerhaft glรผcklich im eigenen Heim wohnenโ mit mehr verbunden als nur mit den Konditionen der Finanzierung. Eine wichtige Ergรคnzung zur Auswertung von Daten ist demnach das Wissen รผber solche Erwartungsprofile, in denen sich letztendlich auch die Kriterien des Kunden verbergen, sich fรผr oder gegen einen Anbieter zu entscheiden.
Neben dem passenden Zeitpunkt geht es hier um die Qualitรคt und Form der passenden Interaktion. Dieses Hintergrundwissen muss aus anderen Quellen, wie beispielsweise Kunden-Laboren, Berater-Audits etc., gewonnen werden. Solches Wissen bezieht sich hรคufig auf Themenfelder, in denen traditionelle Finanzdienstleister gute Alleinstellungsmerkmale ins Spiel bringen kรถnnen, wie eine vertrauensvolle, kompetente persรถnliche Beratung. Erst die Kombination von ausgewerteten Daten, die gute Hinweise auf einen aktuellen Bedarf liefern, und Hintergrundwissen, das Hinweise auf die erwartete Qualitรคt der Ansprache, des Angebotes und der gesamten Interaktion liefert, sorgt fรผr eine optimale Passung von Kundenerwartungen sowie Angebot und Verhalten des Finanzdienstleisters.
Nicht planen, sondern den Kunden situativ verstehen
Wo sich so viel ereignet und permanent verรคndert, wo es so viel zu berรผcksichtigen gilt, auf das reagiert werden muss, ist langfristige Planung nicht die passende Strategie. Die Antwort auf die wachsende Dynamik des Marktes muss ein dynamisches Konzept sein. Statt Planung geht es um das Erfassen dessen, was gerade beim Kunden passiert und die Fรคhigkeit zur passenden Reaktion auf dieses aktuelle Geschehen. Situatives Banking bedeutet: den Kunden begleiten und beobachten, sein Verhalten analysieren und verstehen sowie situativ passend agieren. Auf dieses Ziel und auf diese Fรคhigkeit muss die Organisation ausgerichtet werden. Digitalisierung bietet hierfรผr die Grundlage und Situatives Banking gibt das Ziel und den Rahmen vor.
Digitalisierung verรคndert das Selbstverstรคndnis
Beides, Situatives Banking und Digitalisierung, werden das Erscheinungsbild und das Selbstverstรคndnis von Banken und Sparkassen verรคndern. Sie werden zukรผnftig nicht mehr in erster Linie als ein Netz aus Filialen erscheinen, in denen der Berater die zentrale Schnittstelle zum Kunden darstellt. Sie agieren vielmehr als ein interaktiv-multikanalig-modulares System, das der Kunde je nach Situation in passender Weise in Anspruch nimmt oder von diesem System in passender Form kontaktiert wird. Die Steuerung und Gestaltung der Interaktionen erfolgt รผber die Auswertung von Daten und die Verknรผpfung mit Wissen. Begleiten, beobachten, analysieren und Prozesse anstoรen werden primรคr die Leistungen datenverarbeitender Maschinen und cleverer Algorithmen sein. Situatives Banking ist die Leitidee, die dabei hilft, die gesamte Organisation darauf auszurichten und Digitalisierung als zentralen Baustein zu integrieren.
Uwe Dรถring-Katerkamp ist Vorstand des iaw-Kรถln und hat mit Prof. Dr. Rohrmeier (Hochschule der Sparkassen) im Projekt โLebenswelt 2020โ rund 1.500 Menschen รผber die Schulter geschaut, wie sie zukรผnftig ihre finanziellen Angelegenheiten regeln werden, insbesondere im Zeichen der Digitalisierung. Jetzt verbreitet er mit dem Konzept des Situativen Banking die neue Leitidee fรผr Finanzdienstleister im Zeitalter der Digitalisierung.

