โWohl steht das Haus gezimmert und gefรผgt, doch ach โ es wankt der Grund, auf den wir bauten.โ (Friedrich von Schiller)
Seit dem Aufkommen von Value-at-Risk-Maรen bei Banken zur Messung diverser Marktrisiken haben sich diese auch bei Versicherungen zu einem gewissen Marktstandard entwickelt. Die โKernzahlโ im Kontext der Solvency-II-Richtlinie ist gerade durch den Value-at-Risk des Gesamt-Portfolios (Anlage- und Verpflichtungsseite) zum Niveau 99,5% gegeben, das p-Quantil qp zur Wahrscheinlichkeit p=0,05% wird dabei fรคlschlicherweise auch als โ200-Jahres-Ereignisโ bezeichnet.
Der klassische Value-at-Risk unterschรคtzt das Risiko bei Fat Tails
Der am hรคufigsten geรคuรerte Kritikpunkt bezieht sich darauf, dass der klassische Value-at-Risk bei sogenannten โFat Tailsโ das Risiko unterschรคtzt, d.h. seltene, extrem adverse Ereignisse (von Nassim Nicholas Taleb populรคrwissenschaftlich als โBlack Swansโ tituliert) nicht genรผgend berรผcksichtigt. Wir wollen auf einen weiteren Hemmschuh hinweisen: Die Schรคtzung von p-Quantilen fรผr sehr kleine oder sehr groรe Wahrscheinlichkeiten ist โ ganz im Gegensatz z.B. zum Median mit p=50% โ recht ungenau. Es ist gerade nicht ausreichend, beispielsweise 1.000 Simulationen durchzufรผhren, absteigend zu sortieren und dann einfach das Ergebnis Nr. 995 anzufรผhren. Das klassische Schรคtzverfahren liefert grundsรคtzlich ein Konfidenz-Intervall zu einer vorgegebenen Irrtumswahrscheinlichkeit ฮฑ, d.h. mit Sicherheit 1-ฮฑ liegt das zu schรคtzende p-Quantil im angegebenen Intervall. Selbstverstรคndlich mรถchte man ฮฑ klein wรคhlen. Sind die n Simulationen folgendermaรen sortiert:
dann berechnet man zunรคchst mit dem 1-ฮฑ/2-Quantil u1-ฮฑ/2 der Standardnormalverteilung die Zahlen:
Diese rundet man schlieรlich auf die nรคchstgrรถรeren Zahlen r und s auf und erhรคlt als Konfidenzintervall zum Niveau 1-ฮฑ fรผr qp:
Wir haben diese Berechnung fรผr verschiedene n und ฮฑ durchgefรผhrt. Hierbei gilt es, zwischen hoher Schรคtzgenauigkeit auf der einen und der Anzahl teurer und zeitaufwendiger Simulationen auf der anderen Seite abzuwรคgen. Man wรคhlt ฮฑ also mรถglichst klein, schlieรlich mรถchte man das Risiko genau kennen, darf aber auch nicht โรผbervorsichtigโ sein und zu viel Solvency Capital Requirement zurรผckstellen. Tabelle 1 zeigt eine รbersicht zunรคchst mit einer relativ groรen Irrtumswahrscheinlichkeit von 20%, also 1-ฮฑ=80%. Wir stellen die Anzahl n der durchgefรผhrten Simulationen, die wie oben angegebenen Indices r und s des Konfidenzintervalls sowie dessen Breite (absolut und relativ zu n) gegenรผber. Auffรคllig- und Unstimmigkeiten sind rosa unterlegt. Es fรคllt auf, dass bei niedrigen Anzahlen, d.h. 100 und 500, die Werte fรผr s im ersten Fall (101 > 100) sinnlos und im zweiten Fall (500 = n) redundant sind.
Auf Simulationen mit weniger als 5.000 Runs kann man getrost verzichten
Selbst bei 1.000 Simulationen ist der Konfidenzbereich in der gleichen Grรถรenordnung wie p. Es zeigt sich also, dass man auf Simulationen mit weniger als 5.000 Runs getrost verzichten kann. Wie sieht es jedoch bei hรถherem Konfidenz-Niveau aus? Tabelle 2 liefert โdoppelt so sichereโ Werte wie Tabelle 1, d.h. die Irrtumswahrscheinlichkeit ฮฑ ist nur noch 10%. Hier wird es beim โ in der Statistik durchaus รผblichen โ Konfidenz-Niveau von 90% erst ab 10.000 Runs interessant. Zu guter Letzt zeigen die Tabellen 3 und 4 die Auswertungen zu Niveaus von 95% bzw. 99%. Es ist a priori klar, dass man fรผr eine hรถhere Genauigkeit mehr Simulationen benรถtigt. In beiden Fรคllen sollte schon mindestens 100.000-mal simuliert werden, um รผberhaupt ein verlรคssliches Ergebnis zu erhalten.
Wie bei allen (vereinfachenden) Modellbildungen ist jedoch Vorsicht geboten, in diesem Fall aber nicht nur beim Transfer Realitรคt โ Modell und zurรผck, sondern auch bei der mathematischen Umsetzung.
Dr. habil. Stefan-M. Heinemann leitet nach akademischen Tรคtigkeiten seit nunmehr 10 Jahren die Abteilung RM/SAA/ESG bei der Talanx Asset Mgmt. in Kรถln.






