Im 16. Jahrhundert hรคtten die Manager von heute weniger ruhig auf der Anklagebank gesessen, wenn sie sich in einem Prozess wegen Betrugs hรคtten verantworten mรผssen. Bei einer Verurteilung hรคtte dann nรคmlich nicht ein Griff in den eigens fรผr mรถgliche Prozesskosten mit Milliarden gefรผllten Fonds genรผgt. Die Strafen fรผr Betrรผger konnten sich mitunter auf das Abhacken der Hรคnde oder das Durchbohren der Wange mit einem heiรen Schรผrhaken belaufen. Ganz allgemein genossen Geldverleiher, die abschรคtzig auch als Wucherer bezeichnet wurden, nicht den hรถchsten Respekt. Besonders die Kirche verurteilte diesen Berufsstand, der fรผr Christen geradewegs ins Fegefeuer fรผhre.
Jakob Fugger (1459-1525) behielt seine Hรคnde und entwickelte sich zum einflussreichsten Kaufmann und Bankier seiner Zeit. Sein Ruhm als europaweit tรคtiger Montanunternehmer sowie als Finanzier von Monarchen wie Maximilian I. und Karl V. bleibt bis heute ungebrochen. Verschiedene Prozesse, die heute in Banken und anderen Unternehmen selbstverstรคndlich sind, etablierte er als einer der ersten bzw. entwickelte einige davon selbst: doppelte Buchfรผhrung, eine umfassende Firmenbilanz, interne Revision und ein eigener Nachrichtendienst.
Das Zรผnglein an der Waage?
Dem amerikanischen Journalisten Greg Steinmetz ist eine unterhaltsame Biographie Jakob Fuggers gelungen, deren Lektรผre einen fesselnden Einblick in das Leben und Wirken dieses Mannes und seiner Zeit ermรถglicht. Dabei sollte sich der Leser allerdings bewusst machen, das sein Anspruch vorrangig die Unterhaltung und nur nebensรคchlich diejenige der historischen Bildung sein darf. Von einer Darstellung, die wissenschaftlichen Kriterien umfรคnglich standhalten kann, ist Steinmetz nรคmlich weit entfernt. Wenn bereits in der Einleitung im Zusammenhang mit dem Bauernkrieg vom ersten โZusammenprall zwischen Kapitalismus und Kommunismusโ gesprochen wird, stellt sich schon die Frage, ob nicht auch in journalistischen Texten eine gewisse Sorgfalt in der Verwendung der Begriffe stattfinden oder zumindest auf die absichtliche Vermeidung derer hingewiesen werden sollte. So zeigen sich auch im weiteren Verlauf รbertreibungen und dramatisierende Wรผrdigungen Fuggers als Zรผnglein an der Waage historischer Wendepunkte sowie einige zumindest fragwรผrdige Analogien, die zwischen bestimmten Ereignissen gezogen werden.
Dennoch, wer sich zwischen der tรคglichen Beschรคftigung mit MaRisk, BPMN, Blockchain und Fraud Detection zur Abwechslung einmal mit einem weiter zurรผckliegenden, รคuรerst spannenden Thema der รkonomie beschรคftigen mรถchte, wird es nicht bereuen, von Greg Steinmetz mit Jakob Fugger nรคher bekannt gemacht zu werden โ einem der reichsten und einflussreichten Vertreter der Finanzbranche.
P.S.:
Sollte unserer Redaktion Jakob Fugger einmal in runder, geprรคgter Form รผber den Weg laufen, wissen wir, dass wir etwas richtig gemacht haben. Mit der Jakob Fugger-Medaille werden vom Verband der Zeitschriftenverlage in Bayern in unregelmรครigen Abstรคnden auรerordentliche Leistungen in der Zeitschriftenpresse ausgezeichnet.
Philipp Scherber war von Januar 2016 bis Oktober 2019 Redakteur bei BANKINGNEWS und bekleidete anderthalb Jahre die Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Wรคhrend seines Studiums der Geschichte und Medienwissenschaft sammelte er praktische Erfahrungen im TV- und Online-Journalismus. An der Universitรคt zu Kรถln verantwortete er von 2012 bis 2016 das Online-Rezensionsjournal www.lesepunkte.de.

