An den Finanzmรคrkten zeigt sich die EZB als ein starker Hengst. Jede Finanz-, Banken- oder Staatsanleihekrise wird in billiger Liquiditรคt regelrecht ertrรคnkt. Dagegen ist die EZB in der Realwirtschaft leider nur ein schรผchterner Wallach. Denn je mehr billige Liquiditรคt von der EZB in die Finanzmรคrkte flieรt, desto mehr scheint Deflation die Folge zu sein. Und die wirtschaftliche Ladehemmung in der Eurozone hรคlt sich รคhnlich hartnรคckig wie ein am Schuh klebendes Kaugummi.
Die Abschaffung des Kapitalismus
Die Notenbank zeigt sich nun bockig wie ein Esel und versucht, mit noch mehr billigem Geld die Konjunkturerholung endlich kaltzustarten. Zuletzt hat die EZB mit ihrer Leitzinssenkung auf 0,00 sogar den Kapitalismus abgeschafft, zu dem eigentlich zwingend Zinsen gehรถren. Doch die Banken, denen es ohnehin aus bankaufsichtsrechtlichen Grรผnden an Eigenkapital und damit an Kreditlust mangelt, treffen erschwerend auch noch auf eine Privatnachfrage, auf Konsumenten und Unternehmen, die sich angesichts รผppiger Verunsicherungen verรคngstigt in Angstsparen und Investitionszurรผckhaltung รผben. Es ist absurd: Die eurozonale Konjunktur verdurstet in der grรถรten Sintflut billigen Geldes aller Zeiten!
Nachfrage- statt Angebotsproblem
Insgesamt hat die Eurozone also รผberhaupt kein geldpolitisches Angebots-, sondern ein ernstes Nachfrageproblem. Jetzt allein noch an das Konjunkturwunder von EZBs Gnaden zu glauben, ist genauso erfolgversprechend, wie auf einen mรผckenstichfreien Sommer zu hoffen.
Ist die Privatnachfrage zu schwach, muss die Staatsnachfrage Stรคrke zeigen. Und genau fรผr sie bieten sich dank der Politik der EZB geradezu schlaraffenlandรคhnliche Zustรคnde: Deutschland verdient zurzeit mit Schuldenaufnahme Geld. Und da die EZB auch noch deutsche Staatspapiere monatlich aufkauft, gibt es weder ein Finanzierungs- noch ein Absatzproblem.
Investitionen in die Infrastruktur
Bei der staatlichen Schuldenaufnahme muss jedoch eine ganz klare Einschrรคnkung gelten: Der Staat darf nicht in wahlpopulistischen Schnickschnack, sondern nur massiv in Infrastruktur investieren. So wird der deutsche Wirtschaftsstandort zwischen Flensburg und Passau bzw. zwischen Aachen und Cottbus wieder auf ein global wettbewerbsfรคhiges Niveau gehoben. Unser Standort muss Weltspitze werden. Konkret geht es um die Sanierung von Brรผcken und Straรen, die nachhaltige Energiewende, den konsequenten Netzausbau, die Digitalisierung und natรผrlich Bildung, Bildung, Bildung. Im Grunde genommen mรผssen wir nur das machen, was wir schon in den 50er- und 60er-Jahren gemacht haben. Schon damals haben staatliche Basisinvestitionen und damit ein wirtschaftsfreundlicher Nรคhrboden schlieรlich zu privatwirtschaftlichen Folgeinvestitionen gefรผhrt. Der Staat muss im wahrsten Sinne des Wortes erneut zum Brรผckenbauer werden. Dann kommt es schlieรlich zum eigentlichen volkswirtschaftlichen Lustgewinn: Arbeitsplรคtze, Konsum, Steuereinnahmen, sozialer Frieden.
Bei dieser Infrastrukturoffensive sollte man unbedingt die groรen Kapitalsammelstellen als Investitionspartner gewinnen. Dann fรคnden sie endlich aus der Diaspora ihres niedrigzinsbedingten Anlagenotstands heraus und kรคmen wieder in den Genuss von renditeattraktiven und substanzstarken Investmentobjekten. Die Kunden hรคtten allen Grund, Versicherungspolicen abzuschlieรen.
Die heilende Sintflut
Verbreitete sich diese Infrastrukturidee auch in anderen Euro-Lรคndern, wรผrde die Sintflut der EZB nicht mehr einseitig nur in รผberhitzte Anlageblasen flieรen, die damit immer mehr Gefahr laufen, zu platzen. Nein, die Realwirtschaft und das Wirtschaftswachstum der Eurozone profitierten, was schlieรlich auch eine Therapie gegen die um sich greifende Eurosklerose, die Zersetzung Europas ist. Nicht zuletzt bekรคmen die Aktienmรคrkte endlich wieder fundamentales Fleisch an den abgenagten Knochen der reinen Liquiditรคtshausse.
Vor diesem Hintergrund ist die schwarze Null im Bundeshaushalt dagegen nur ein Fetisch, der groรe volkswirtschaftliche Chancen รคhnlich ungenutzt vorbeiziehen lรคsst wie ein Lรถwe in der Savanne, der einem Gnu noch einen guten Tag wรผnscht.
Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank in Frankfurt.

