Die Entwicklungsimpulse der Digitalisierung โ von etablierten Banken lange belรคchelt โ kamen vielfach von den Fintechs. Nachdem dort anfรคnglich mehr oder minder gelungene Apps und der inflationรคre Gebrauch des Wortes โdisruptivโ an die Stelle valider Business-Modelle getreten zu sein schienen, wichen diese Fehlentwicklungen schnell einer Professionalisierung.
Wenig รผberraschend nahmen diese Entwicklungen ihren Anfang in Prozessausschnitten des Retailbankings, die leicht zu digitalisieren waren wie Zahlungsverkehr und Payment. Darรผber hinaus war dieser Bereich leicht angreifbar, denn die letzte echte Innovation seitens der Banken in diesem Segment war die EC-Karte, die in den achtzigerย Jahren eingefรผhrt wurde. Die Anfรคnge der Digitalisierung im Wholesale-Segment sind รคhnlich, der Verlauf wird mit einiger Sicherheit aber ein anderer sein. Grรผnde dafรผr sind:
โข Eine hรถhere Komplexitรคt der Produkte
โข Eine hรถhere Komplexitรคt bei Execution und Fulfilment
โข Grenzรผberschreitendes Geschรคft unter verschiedenen Jurisdiktionen
โข Deutlich hรถherer Regulierungsumfang
Das alles bedeutet nicht, dass die Digitalisierung deswegen im Wholesale-Segment nicht voranschreiten wird. Sie wird anders voranschreiten und sie wird auf Basis anderer Kooperationsmodelle stattfinden, als das im Retail-Segment der Fall war.
Bereits jetzt lรคsst sich eine Konvergenz der an sich grundverschiedenen Player beobachten. Banken haben Innovationszentren gegrรผndet oder sich im Rahmen von Kooperationen erschlossen und Fintechs beginnen, sich รผber den Umfang der Regulierung des Bankgeschรคfts zu beklagen.
Disruptiver Urknall
Der von manchen erwartete Ansturm auf Banklizenzen ist ausgeblieben. Kein Wunder, betrugen doch die Kosten fรผr Umsetzung und operativen Betrieb von regulatorischen Anforderungen bei deutschen Banken seit 2010 ca. zwei Milliarden Euro jรคhrlich.ย Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2016 beliefen sich die Investitionen in deutsche Fintechs auf 293 Millionen Euro im Jahr.
Der disruptive Urknall durch die Fintechs wird daher wohl im deutschen Wholesale-Banking nicht stattfinden. Im Gegensatz zu den USA oder China existiert in Europa und speziell in Deutschland eine andere Risikokultur, ein weiterer limitierender Faktor ist die Verfรผgbarkeit von Risikokapital.
Die marktverรคndernden Entwicklungen im Wholesale-Bereich kommen oft in Gestalt von Plattformen daher, etwaย als Devisen- oder Kreditvergabeplattformen. Charakteristisch fรผr diese Plattformen ist, dass sie ohne die klassische Funktion des Intermediรคrs auskommen und daraus oft ableiten, dass sie schneller, besser und kostengรผnstiger sind.
Abgesรคnge werden leiser
Wie gut es den neuen Plattformen gelingt, auch ohne Intermediรคr beispielsweise die Qualitรคt von Kreditforderungen zu bewerten, wird sich zeigen. Spannend dรผrfte auch die Reaktion des Regulierers sein, wenn ein signifikantes Geschรคftsvolumen abseits der umfassend regulierten klassischen Wege stattfindet. Die Abgesรคnge auf das Wholesale-Banking sind schon deutlich leiser geworden, joining forces entwickelt sich zur dominanten Strategie.
Jan Sojka studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universitรคt Hamburg. Nach seinem Wechsel zur HSH Nordbank AG war er in verschiedenen Leitungspositionen im Transaction Banking und auf der Marktseite tรคtig. Derzeit ist er Abteilungsdirektor im Market Management. Seine Marktschwerpunkte sind Unternehmenskunden, Energie & Infrastruktur und Immobilien.

