BANKINGNEWS: Bezogen auf die genannte Studie: Gerรคt Financial Planning aus der Mode?
Schott: Meine praktischen Erfahrungen zeigen mir gerade das Gegenteil. Vor allem in den letzten drei bis vier Jahren gerรคt Financial Planning wieder mehr in Mode. Das liegt vor allem daran, dass das Vertrauen in die Banken grundsรคtzlich gelitten hat. Mittlerweile gehen viele Kunden ein bisschen weg von der Bankenbranche und suchen das Thema Financial Planning ganz bewusst bei uns.
โDas Vertrauen hat gelittenโ
Laufen Ihnen und dem Berater in der Filialbank in Zukunft immer mehr Menschen in Richtung Robo-Advisor, Online-Finanzforen und FinTechs davon?
Auch dieser Trend ist im Moment nicht zu erkennen. Wir haben bei uns im Haus die Erfahrung gemacht, dass die Kundenfluktuation bei unter zwei Prozent liegt. Man muss da auch unterscheiden. Produkte, die leicht erklรคrbar sind, werden sicher auch รผber Robo Advisor laufen. Es wird viele Angebote im Web geben, die Kunden gewinnen werden. Das ist nicht aufzuhalten. Komplexe Prozesse werden auch in Zukunft schwer รผber Robo Advisory abzuwickeln sein. Es kommt auรerdem auf die Zielgruppe an. Junge Menschen, die damit aufgewachsen sind, werden sich diesem Thema immer mehr zuwenden. รltere Menschen, die noch die klassischen Formen der Finanzberatung kennengelernt haben, werden dem im Wesentlichen treu bleiben, weil sie der Technik unter Umstรคnden skeptisch gegenรผber stehen. Es wird Sinn machen, beides miteinander zu vernetzen: die Technik, die dem Mandanten Zugriff auf alle seine Daten und Dokumente ermรถglicht, und der professionelle Berater.
Also geht die Zukunft der Finanzberatung in Richtung Multi- und Omnikanallรถsungen?
Ja, das wรผrde ich so sehen. Diejenigen Finanzdienstleister, die es nicht schaffen, in allen Bereichen โ Asset-, Risk-Management, Versicherungswesen etc. โ zu beraten, werden sicherlich verlieren. Financial Planning muss so aufgesetzt werden, dass der Kunde vollumfรคnglich und kompetent sowohl in der Breite als auch in der Tiefe beraten werden kann.
Wie garantieren Sie die Beratungsqualitรคt fรผr Ihre Kunden?
Wir haben Spezialistenteams aufgebaut, die komplett unabhรคngig von Gesellschaften Research betreiben kรถnnen. Das Research fรผr unsere Mandanten erfolgt nicht nur stichpunktbezogen, sondern ganzjรคhrig als rollierender Prozess. Das ist natรผrlich sehr aufwendig und kostenintensiv, hat sich aber bewรคhrt. Wir sind darรผber hinaus permanent imย Gesprรคch mit Gesellschaften, bestimmten Medien, Indizes und anderen Researchunternehmen. Damit bauen wir ein Gesamtkonstrukt, nach dem wir unsere Entscheidungen treffen. Bei uns kommt es recht hรคufig vor, dass wir Gesellschaften und Produktgattungen austauschen, wenn uns die Beratungsqualitรคt hinsichtlich Soliditรคt, Verwaltungsqualitรคt, Abwicklung oder Regulierung im Stich lรคsst.
โNachhaltigkeit als Lebenseinstellungโ
Sie haben einmal gesagt: โNachhaltigkeit ist fรผr mich kein Werbeslogan, sondern eine Lebenseinstellung!โ
Die Branche hat sehr stark gelitten, weil Leute nicht nachhaltig gearbeitet haben. Die Vergรผtung des Beraters stand sehr stark im Vordergrund, und das hat sich auf vielen Ebenen niedergeschlagen. Eine Auswirkung davon ist die heutige regulatorische รbertreibungswut des Gesetzgebers. Wenn wir uns heute an die Weisheiten unserer Groรeltern erinnern โ sei ehrlich, redlich und betrรผge niemanden โ ist das die Basis fรผr Nachhaltigkeit. Das bedeutet gerade im Financial Planning, dem Kunden nicht zu erzรคhlen, dass alles rosarot und wunderbar ist, sondern mit ihm gemeinsam Dinge zu erarbeiten und ihn als Partner zu sehen. Dazu muss man vor allen Dingen auch dann da sein, wenn Dinge einmal nicht funktionieren, die Mรคrkte nach unten gehen oder im schlimmsten Fall Kapitalanlagen ausfallen. Nachhaltigkeit bedeutet aber auch, dass wir uns als mittelstรคndisches Unternehmen immer neu erfinden und die Produkte fรผr unsere Kunden aktuell halten.
Welche Auswirkungen wird MiFID II โ Stichwort Beratungsdokumentation โ auf die Finanzberatung in Deutschland haben?
Wir haben immer sehr groรen Wert darauf gelegt, alles zu dokumentieren, um den Willen des Kunden und den Berater auf eine Ebene zu bringen. Wir sind heute bereits so weit, dass wir MiFID II konform dokumentieren. Wir haben mittlerweile IT-Systeme integriert, die entsprechend in der Lage sind, komplexe Strukturen zu dokumentieren und den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden. Gerade fรผr kleinere Einheiten dรผrfte es immer schwieriger werden. Allein die regulatorischen Compliance- und Governancevorschriften werden im kleinen Stil nicht mehr durchsetzbar sein, weil sie so viel Zeit benรถtigen, dass sie am Ende des Tages gar keine Beratung mehr seriรถs vorbereiten und durchfรผhren kรถnnen.
Markus Schott ist seit 2003 CEO der B-Group AG Financial Planning. Frรผhere Stationen des Diplom-Betriebswirts sind eine fรผnfjรคhrige Tรคtigkeit als Handelsvertreter Finanzen sowie eine Anstellung als Leiter Marketing & Vertrieb bei der Raiffeisen-Volksbank Lichtenfels-Itzgrund.
Philipp Scherber war von Januar 2016 bis Oktober 2019 Redakteur bei BANKINGNEWS und bekleidete anderthalb Jahre die Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Wรคhrend seines Studiums der Geschichte und Medienwissenschaft sammelte er praktische Erfahrungen im TV- und Online-Journalismus. An der Universitรคt zu Kรถln verantwortete er von 2012 bis 2016 das Online-Rezensionsjournal www.lesepunkte.de.

