In den letzten Monaten konnte man als Interessierter unzรคhlige Berichte รผber die Zukunft des Bezahlens lesen. Unweigerlich kam man in diesem Zusammenhang mit den Ideen junger Fintech-Unternehmen in Berรผhrung. Doch haben diese kreativen Kรถpfe mehr zu bieten als die รผblichen plakativen Ausrufe wie โBargeld gehรถrt der Vergangenheit anโ oder โDas Smartphone ersetzt die Filialeโ? Die Antwort ist ein klares โJaโ! Denn die Branchenstรผrmer kommen mit teils sehr unterschiedlichen Geschรคftsmodellen daher.
Eigentlich ist der Begriff โNext Generation Paymentโ unglรผcklich gewรคhlt. Denn im Grunde sprechen wir in diesem Zusammenhang nicht mehr รผber die Zukunft, sondern รผber die Gegenwart. Anders formuliert: Bei vielen hat die Zukunft bereits gestern begonnen, wie verschiedene Geschรคftsmodelle von Fintech-Unternehmen eindrucksvoll unter Beweis stellen.
Optimierung von Banken
Die lendstar GmbH versucht nach eigener Aussage die existierenden Infrastrukturen von Banken zu optimieren, indem sie einen alternativen mobilen Kanal fรผr ein Kreditinstitut anbietet. Diese Finanznetzwerke erlauben dem Kunden, Geld fรผr Events zu teilen. Eine weitere innovative Idee zum Zahlungsverkehr stellt das von ementexx konzipierte System der โDynamic Bank Account Numberโ, kurz DBAN, dar. Dies ist ein Click-and-Pay-Zahlungsverfahren, bei welchem die รผblichen IBAN- und BIC-Daten nicht mehr nรถtig sind. Denn jegliche Kontoinformationen sind in einer an E-Mail-Adressen erinnernde Kombination enthalten sind. Traditionalisten sei an dieser Stelle gesagt, dass DBAN nicht die alten Methoden ersetzt, sondern den klassischen Zahlungsinstrumenten wie der รberweisung oder der Lastschrift neue Attraktivitรคt verleiht. Die Ausfรผhrung der Zahlungen ist weiterhin den Banken รผberlassen, so dass es sich hier um ein kooperatives Konzept handelt.
Das Smartphone als Werkzeug fรผr den Alltag
Viele Fintechs verschreiben sich dem Potenzial, dass in den Smartphones schlummert, so auch die Gini Gmbh aus Mรผnchen. Sie schreiben Omni-Channel-Payment groร und wรผnschen sich fรผr ihre Kunden eine Reduzierung des Papierkrams. Die entwickelte App โGiniโ kann abfotografierte Rechnungen und Dokumente lesen, erkennen und ggf. Zahlungsauftrรคge unmittelbar einleiten. Wem das zu innovativ ist, kann es beim mobilen Scan belassen und anschlieรend im Webbrowser seine Rechnung begleichen. Fรผr das Banking der Zukunft will das Fintech eine Art PFM 2.0 entwickeln, d.h. einen persรถnlichen Finanzmanager, der die Dokumentinhalte fรผr eine prรคzise Ausgabenplanung speichert.
Die Firma open tabs widmet sich dagegen einem anderen Schwerpunkt: Im Fokus ihrer Arbeit steht die Frage nach einer Optimierung von Bestellvorgรคngen in der Gastronomie. Um das Warten in langen Schlangen zu vermeiden, kann der User per App die Bestellung in Auftrag geben, die sofort an das Restaurant รผbermittelt wird. Nach der Zahlungsbestรคtigung ist die Bestellung abholbereit. Wer nun Angst vor kalten Pommes Frites hat, der sei beruhigt. Als Kunde erhรคlt man eine Angabe, wie viel Zeit die Zubereitung ungefรคhr in Anspruch nimmt.
Schnell, einfach und sicher
Bei den genannten Beispielen handelt es sich nur um eine kleine Auswahl aus dem fast schon unerschรถpflichen Pool an jungen Fintech-Unternehmen, die sich im Bereich Payment versuchen am Markt zu etablieren oder sich bereits etabliert haben. Doch was sagt diese Entwicklung รผber die Zukunft des Bezahlens aus? Nun, fรผr IT-Entwickler gilt die Doktrin: Der Kunde will es schnell, einfach und sicher. Oder etwa nicht? Steffen Reitz von der Gini GmbH ist der Meinung, dass โhรคufig eine radikale Verbesserung in einer der drei Kategorien ausreicht.โ Als passendes Beispiel fรผr dieses Phรคnomen nennt er das erste iPhone, welches trotz einer massiv schlechteren Akkulaufzeit und unpraktischen Tippens ein Kassenschlager wurde, weil die sonstigen Vorteile so gewaltig waren. Das wird die Payment-Industrie definitiv revolutionieren. Dabei reiche laut Reitz bereits eine drastische in einer der drei oben genannten Dimensionen.
Nur 33 Prozent der Deutschen besitzen Kreditkarte
Im Bereich Payment spielt das Smartphone sowieso mittlerweile eine essentielle Rolle bei der Nutzung der verschiedenen Bezahlideen. Das mutet sehr futuristisch an, wenn man รผberlegt, dass nur 33 Prozent der Deutschen eine Kreditkarte besitzen. Diese Tatsache bringt unausweichlich folgende Frage mit sich: Ist eine zeitnahe Etablierung von โNext-Generation-Payment-Methodenโ realistisch, wenn รผber die Hรคlfte der Bรผrger die โLast-Generation-Payment-Methodenโ noch nicht angenommen haben? Steffen Reitz weiร: โDie Deutschen sind ein relativ risikoaverses Volk und sind mit Debit-Karten offensichtlich absolut zufrieden.โ Kreditkarten brรคchten ihnen nur einen bedingten Mehrwert. Trotzdem sieht der CEO der Gini GmbH fรผr die nahe Zukunft eine deutliche Verรคnderung kommen. Vorausgesetzt: โNeue Technologien und Anwendungen versprechen nicht nur auf einander aufbauende, sondern auch radikale Verbesserungen.โ Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass gerade diese gewaltige Verbesserung in einer Dimension, neue Zeitalter eingelรคutet hat. Der Medienkonzern Sony erstรผrmte mit seiner ersten Playstation Mitte der 1990er Jahre den Thron der Videospielkonsolen. Im Gegensatz zum damaligen Branchenprimus Nintendo nutzte man CDs als Datentrรคger, was etwa aufgrund der deutlich hochwertigeren Soundleistungen zu einer cineastischeren Darstellung fรผhrte. Nintendo konnte die damalige Schlafmรผtzigkeit nicht wieder gut machen und leidet heute noch unter den Folgen.
Die Zukunft des Bezahlens hat bereits begonnen
Natรผrlich haben sich junge Menschen in vielen Dingen eine gewisse Grundskepsis bewahrt. Was sie von รคlteren Generationen unterscheidet, ist die Bereitschaft, Dinge einfach mal auszuprobieren. Mit dem passenden Geschรคftsmodell sollte es mรถglich sein, diese User von der neuen Technik zu รผberzeugen, denn das ist auch nรถtig. Schlieรlich geht es um das eigene hart verdiente Geld.
So lassen Sie uns nicht lรคnger รผber die Zukunft des Bezahlens sprechen. Sie hat nรคmlich lรคngst begonnen. Wer das noch nicht verstanden hat, lebt nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit.
Bildnachweis: alengo via istockphoto.de
Christian Grosshardt war zwischen 2014 und 2018 Redakteur im BANKINGCLUB und fungierte von Januar bis April 2018 als Chefredakteur von BANKINGNEWS. Wรคhrend seines Studiums der Germanistik, das er mit dem Master of Arts abschloss, sammelte er bereits umfangreiche redaktionelle Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der Kรถlnischen Rundschau.

