Die Digitalisierung hat die Banken verstรผmmelt. Geldautomaten und Online-Banking haben den persรถnlichen Zugang zum Kunden gekappt. Die Verbindung von Online-Banking mit cleverem Dokumentenmanagement ist der einzige Ausweg, wie Retail-Banking gerettet werden kann.
โRetail-Banking wird aussterben. Die einzige Frage ist, wie lange wir es noch hinauszรถgern kรถnnenโ, diese pessimistische Schilderung hรถre ich zuletzt vermehrt in vertrauensvollen Gesprรคchen. Das Brisante: nicht aggressiv auftretende und laut tรถnende FinTech-Grรผnder, sondern ausgerechnet Banken-Executives schildern mir diese dรผsteren Einblicke in ihre Welt, die scheinbar unaufhaltsam von Google und Facebook attackiert wird. Zweifelsohne hat die Digitalisierung den Banken das Wertvollste geraubt, was sie je hatten: Kundenwissen. Doch ist der Kampf schon verloren?
Der Kunde war glรคserner, als Google es je zu trรคumen wagt
Blicken wir einmal 20 Jahre zurรผck. In der schรถnen alten Welt wusste mein Bankberater alles รผber mich, meine Familie und meine Nachwuchsplรคne. รber meinen Job, meine finanziellen Anschaffungen und meine wohnliche Situation. Wann ich eine Ausbildung begann, wann ein Autokauf anstand und wann die Immobilie zu klein wurde. Der Kunde war glรคserner, als Google es je zu trรคumen wagt. Doch weil mir ein Mensch gegenรผberstand, fรผhlte ich mich gut aufgehoben. So gut, dass die Bank mir maรgeschneidert die perfekten Produkte fรผr mein gesamtes finanzielles Leben aus einer Hand anbieten konnte und ich ihr dankbar dafรผr war: Ausbildungskredit, Leasing-Angebot oder Baufinanzierung waren nur einen Anruf entfernt. Sprudelnde Umsรคtze und hohe Margen fรผr meine Bank waren das Resultat, und ich gรถnnte sie ihr โ sie stillte schlieรlich meine Bedรผrfnisse und beriet mich professionell. Die Bank war mein Freund.
Dumm gelaufen, liebe Bank
Heute regieren stattdessen Portale wie finanzcheck, Check24 oder Interhyp, die mich mit massivem Marketing wirksam zu sich locken. Von meiner Bank fรผhle ich mich aufgrund รผberteuerter Produkte abgezockt und ich vertraue lieber den โunabhรคngigenโ Aggregatoren und Vergleichsrechnern. Die Bank bekommt all das mit, wenn es lรคngst zu spรคt ist, nรคmlich dann, wenn das Darlehen auf dem Girokonto eintrifft. Auf jenem Girokonto, fรผr das ich nicht einmal mehr Gebรผhren zahle. Dumm gelaufen, liebe Bank.
Noch ist nicht alles verloren
Banken kรถnnten, wenn sie clever wรคren, den Spieร umdrehen. Sie kรถnnten das Buzzword Digitalisierung nicht bloร als Kostensenkungspotenzial, sondern als gigantischen Umsatzreiber auffassen. Sie kรถnnten den perfekten virtuellen Finanzberater erschaffen, der mich in jeder Lebenslage optimal berรคt und mit den perfekten Produkten ausstattet und besser informiert ist sowie neutraler als ein Mensch es je sein kann. Sie kรถnnten wieder krรคftig mitverdienen.
Alles, was es dazu braucht: Einblick in mein finanzielles Leben, digital zugรคnglich und intelligent auswertbar. Welche Vertrรคge und Dauerschuldverhรคltnisse ich habe, wo und wie teuer ich einkaufe, wie oft ich meine Provider wechsle, was fรผr ein Auto ich fahre und wie ich versichert bin. Diese Goldschรคtze liegen schon heute nur einen Steinwurf entfernt, nรคmlich in meinen Rechnungen und Vertrรคgen, die alle brav im E-Mail Account oder Leitz-Ordner schlummern. Die Bank mรผsste die Finanzwelt lediglich mit meiner Dokumentenwelt verbinden โ und ich wรคre ihr auch noch dankbar dafรผr. Wenn ich mich im Onlinebanking รผber die hohe Abbuchung meines Stromanbieters oder die รผberteuerte Kfz-Versicherung รคrgere, mir im selben Moment aber eine besseren Alternative vorgeschlagen wird und ich nahtlos wechseln kann, dann ist die Bank wieder mein Freund. Wenn ich neben jedem Kontoposten das entsprechende Dokument unmittelbar einsehen und die Rechnungspositionen nachvollziehen kann, ohne ein beinahe nie frequentiertes Kundenportal aufzusuchen, wenn ich von diesem Ort aus mรผhelos Kontakt mit dem Online-Shop oder Mobilfunk-Provider aufnehmen und mein Anliegen sofort klรคren kann, dann, ja dann ist die Bank besser als jemals zuvor.
Mut zur Verรคnderung mรผssen Banken selber aufbringen
Google und Facebook blieben drauรen, weil sie an die privaten und sensiblen Informationen nicht herankรคmen. Und selbst die Banken-Executives wรคren wieder glรผcklich. Die wichtigsten Zutaten, die sie dazu brauchen, kรถnnen sie sich heute schon einkaufen: Technologien fรผr intelligentes Dokumentenmanagement, mobile Fotoaufnahme und Informations-Extraktion, รผber APIs vernetzte Backends sowie das Wissen, wie man mittels bezaubernder User Experience begeisternde Endkunden-Applikationen baut. Aber den Mut, diesen Schritt zu gehen und zu erkennen, dass Digitalisierung mehr ist als das Anschaffen von iPads fรผr die Filialmitarbeiter, mรผssen Banken schon selber aufbringen.
Bildnachweis: Steffen Reitz von Gini GmbH
Steffen Reitz ist Grรผnder und CEO der Gini GmbH.

