Eindeutig war der krรคftige Anstieg der Leitzinsen ein Game Changer fรผr die Nachfrage. Zwar liegen die langfristigen Kreditzinsen im Immobilienneugeschรคft deutschlandweit bei rund vier Prozent und sind damit historisch nicht ungewรถhnlich hoch. Doch haben sich die Zinskosten fรผr Immobilienkรคufer damit ungefรคhr verdreifacht. In der Niedrigzinsphase hatten sie ein Minimum von 1,22 Prozent erreicht. Regulatorische und geldpolitische Maรnahmen, wie eingeforderte makroprudenzielle Kapitalpuffer und der Wegfall der Verzinsung der Mindestreserve erhรถhen die Finanzierungskosten zusรคtzlich. Die Diskussion รผber eine Ausweitung des makroprudenziellen Instrumentenkoffers und die Diskussion im EZB-Rat รผber eine hรถhere Mindestreserve lassen eher zusรคtzliche Belastungen erwarten. Gleichzeitig fallen zinsdรคmpfende Fรถrderprogramme fรผr Wohnimmobilien weg oder sind, wie zuletzt bei den KfW-Programmen, nicht ausreichend mit Finanzmitteln unterlegt, um die Nachfrage zu decken.
Sinkende Bauaktivitรคt im laufenden Jahr
Die Immobilienpreise bleiben hoch. Der Rรผckgang der Preise seit der Zinswende gleicht deren vorangegangenen Anstieg nicht aus, schon gar nicht in Kombination mit dem Zinsanstieg. Immobilien sind also fรผr breite Bevรถlkerungskreise immer unerschwinglicher geworden. Seit ihrem Hรถhepunkt im dritten Quartal 2022 fielen die Preise je nach Erhebung nur um moderate sechs bis elf Prozent und dรผrften in diesem Jahr die Talsohle erreichen.
Die Preise reagieren vergleichsweise wenig, weil sich das Angebot an neuem Wohneigentum รคhnlich schwach entwickelt wie die โ fundamental hรถhere โ Nachfrage. Im laufenden Jahr dรผrfte die Bauaktivitรคt weiter sinken. Experten wie etwa der Wohnungswirtschaftsverband GdW rechnen fรผr 2024 lediglich mit 214.000 neuen Wohnungen. Parallel ist auch die Zahl der Transaktionen von Wohnimmobilien gefallen, denn auch Bestandseigentรผmer halten sich zurรผck. Den Angebotsmangel mรผssen neben potenziellen Kรคufern auch Mieter bezahlen. Je weniger potenziell Kaufinteressierte tatsรคchlich eine Immobilie erwerben kรถnnen, desto mehr verbleiben im Mietmarkt und konkurrieren dort mit allen anderen Mietern um ein insgesamt zu knappes Angebot. Dies fรผhrt nicht nur zu sehr hohen Mieten bei Wohnungswechseln, sondern auch zu erheblichen Effizienzverlusten. Auch fรผr Arbeitgeber wird der Wohnungsmangel zunehmend ein Problem: Insbesondere bei Bewerbern aus dem Ausland ist die Wohnungslage inzwischen ein erst zunehmendes Hemmnis.
Zielkonflikt zwischen รถkonomischer Effizienz und sozialer Gerechtigkeit
Der sich weiter zuspitzende Wohnungsmangel ist eine groรe Herausforderung fรผr die Wirtschaftspolitik. Selektive Fรถrderprogramm fรผr sozialen Wohnraum oder Familien ohne hohe Einkommen genรผgen nicht, um ausreichend Wohnangebot zu erzeugen. Sie bewegen sich in einem Zielkonflikt zwischen รถkonomischer Effizienz und sozialer Gerechtigkeit. So schlieรt beispielsweise die bestehende Familienerstwohnsitzfรถrderung fรผr Nicht-Hochverdiener mit Kindern, aber nur fรผr Energieeffizienzhรคuser 40, einen so groรen Teil der potenziellen Nachfrager aus, dass nur wenig Neubau daraus folgen kann. Ebenso benรถtigen Wohnungen, die unterhalb des Mietspiegels angeboten, aber gleichzeitig hohen Nachhaltigkeitsstandards genรผgen sollen, naturgemรคร einen deutlich hรถheren Zuschuss als preislich marktkonform angebotene Wohnungen. Daher sollten diese Projekte nicht im Zentrum der Wohnungsstrategie stehen. Stattdessen sollte der Staat einerseits seine regulatorischen Hรผrden verringern. Auflagen und Prรผfverfahren mรผssen verschlankt, Bauordnungen vereinheitlicht und die Verwaltung dadurch entlastet und die Prozesse beschleunigt werden.
Andererseits sollte das Angebot zinsvergรผnstigter Kredite fรผr den Erwerb selbstgenutzten Wohneigentums รผber die KfW ausgeweitet werden. Angesichts des Ausmaรes des Wohnungsmangels sollte die Zahl der Antrรคge trotz enger Haushaltsspielrรคume nicht gedeckelt werden, damit Wohnungsbauer verlรคsslich mit der Fรถrderung planen kรถnnen. Sie sollten mรถglichst viele Wohnraumschaffende abdecken, also weder den Ersterwerb noch eng gesteckte soziale Gesichtspunkte zur Voraussetzung machen. Denn jede neue, selbstgenutzte Wohneinheit fรผhrt dazu, dass eine andere frei und bewohnbar wird. Eine solche breit angelegte Fรถrderung kรถnnte die bestehende Wohnungsknappheit bedeutend vermindern, da sie Mobilitรคt, Transaktionen und Neubau stimulieren wรผrde.
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ist Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR)


