Beginnen wir im Herbst 2025: Mit den Insolvenzanmeldungen des texanischen Autokredit-Anbieters Tricolor Holdings und des Autozulieferers First Brands schien sich ein branchenweites Déjà-Vu breitzumachen. Haben nicht auch vergangene Finanzkrisen mit scheinbar isolierten Problemfällen begonnen? Die Konzerne scheiterten an gestiegenen Zinsen, zunehmenden Kreditausfällen in ihren Portfolios, aber auch an komplexen und intransparenten Strukturen. Die Signalwirkung war erheblich, denn die Unternehmen waren in Private-Credit-Geschäfte verstrickt, und mit ihnen waren auch mehrere Banken wie etwa J.P. Morgan, Jefferies oder die Schweizer UBS betroffen und sahen sich nun dazu gezwungen, signifikante Abschreibungen vorzunehmen. Ein unglücklicher Einzelfall oder doch ein Warnsignal für ein prekäres Systemproblem und damit die nächste Finanzkrise?
Private Credit: Einordnung
Um sich der Antwort auf diese Frage nähern zu können, braucht es eine Einordnung des Private-Credit-Phänomens. In erster Linie handelt es sich hierbei um die Kreditvergabe von Akteuren außerhalb des Bankensektors, konkret spezialisierte Asset Manager und Private-Equity-nahe Kreditplattformen. Auch Kapital von institutionellen Investoren wie Pensionsfonds, Staatsfonds und Versicherungen fließt in entsprechende Fondsstrukturen. Gleichzeitig bleiben Banken Teil dieses Geflechts: Sie finanzieren Private-Credit-Strukturen oder treten als Partner in Finanzierungen auf. Für Banken kann es sich hier um ein attraktives Geschäft handeln, da für diese Engagements im Vergleich zur direkten Kreditvergabe an Unternehmen häufig geringere oder anders gewichtete Eigenkapitalanforderungen gestellt werden. Dies ermöglicht eine effizientere Nutzung des regulatorischen Kapitals. Mittlerweile hat sich der Marktwert seit 2009 verfünffacht und liegt heute bei schätzungsweise zwei Billionen US-Dollar weltweit – mit einem anhaltenden Wachstumspotenzial.
Der Platz für Private Credit wurde rund um die Finanzkrise 2008 gefestigt, als für die Kreditvergabe von Banken strengere Regeln eingeführt wurden, um Zahlungsausfälle zu vermeiden. Regulatorische Anforderungen an Banken wurden deutlich verschärft – insbesondere durch höhere Eigenkapital- und Liquiditätsvorgaben, was Bankkredite für risikoreichere oder kapitalintensive Finanzierungen weniger attraktiv machte. Diese Lücke konnten Investoren und andere Finanzgesellschaften perfekt füllen und mit erheblichen Vorteilen für sich werben: mehr Flexibilität, schnellere Entscheidungsfindung, personalisierte Geschäfte und das alles häufig sogar ohne aufwendige Syndizierung. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch weniger standardisierte Risikoabsicherung und geringere Transparenz. Entsprechend warnen Aufseher vor möglichen Risiken, wie etwa Joachim Nagel, Präsident der Deutsche Bundesbank. Er betonte in einem SPIEGEL-Interview, dass dieser Markt „undurchsichtig“ sei und das Potenzial habe, Unruhe an den Finanzmärkten auszulösen.
Die geringeren Transparenzanforderungen der Nicht-Banken als Kreditgeber – im Vergleich zu börsennotierten Märkten – gelten als einer der größten Kritikpunkte an Private Credit. Zum einen sind die Kredite und viele Kreditnehmer nicht öffentlich gehandelt, die Bewertungen also nur schwer nachvollziehbar und die Vernetzung privater Kredite innerhalb des Systems undurchschaubar. Das erschwert die Risikoeinschätzung immens. Weitere kritische Einflussfaktoren auf den Private-Credit-Markt stellen aber auch geopolitische Spannungen dar, wie etwa der Krieg zwischen den USA und dem Iran. In der Berichterstattung wird dabei häufig vor einer möglichen Kausalkette gewarnt: Denn höhere Energiekosten durch den Krieg führen zu höherer Inflation, sinkender Kaufkraft und schwächerem Wachstum. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen geraten folglich ins Schleudern, was das Risiko birgt, dass weitere Akteure in den Abwärtsstrudel gezogen werden und systemische Probleme entstehen.
Rolle von KI
Komplexer wird das Geflecht durch die Rolle von Künstlicher Intelligenz. Politische Initiativen, primär in den USA, lenken Kapital in KI- und verteidigungsnahe Infrastruktur – wovon auch Private Credit profitiert. Gleichzeitig entstehen neue Risiken: Während KI als technologische Disruption den Boom antreibt, setzt sie Geschäftsmodelle der bisherigen Softwarelandschaft unter Druck. Sowohl KI-Unternehmen als auch klassische Softwareanbieter wurden aus demselben Kapitalpool finanziert – doch KI entwickelt sich zunehmend zum Gewinner, während traditionelle Modelle verlieren. Private Credit hat damit viele Tech-Unternehmen finanziert, während KI nun neu sortiert, welche davon überhaupt überlebensfähig sind. Diese Verschiebung verunsichert Investoren und die Konsequenz kann eine erhöhte Rücknahmeaktivität sein. Einige große Anbieter wie Ares Management oder Apollo Global Management haben darauf reagiert, indem sie bestehende Rücknahmebeschränkungen verstärkt einsetzen. Eine geschwächte Wirtschaft wirkt sich allerdings auch auf die KI-Expansion aus, denn der Ausbau von KI-Infrastruktur ist energieintensiv und damit abhängig von stabilen und bezahlbaren Energiequellen.
Nichtsdestotrotz entschärfen Expertinnen und Experten hierzulande auch die Panikwelle. Bislang sind Insolvenzen wie Tricolor und First Brands eher Einzelfälle mit spezifischen strukturellen Schwächen, die zunächst keine Evidenz für einen Systemzusammenbruch liefern. Trotzdem erweist es sich als schwierig, den Private-Credit-Markt und dessen Stabilität in Krisenzeiten einzuschätzen, wenn Transparenz unzureichend gegeben ist.
Prof. Dr. Carsten Wesselmann, Chefvolkswirt bei der Kreissparkasse Köln, fasst das Phänomen zusammen: „Private Credit ist vom Nischenprodukt zum Makro‑kritischen Baustein in einem Schattenbankensystem geworden, das Kredite zunehmend in illiquide, intransparente Fonds- und Verbriefungsstrukturen auslagert. Hohe Illiquiditäts- und Intransparenzprämien treffen auf eine kleinere, höher verschuldete und zinssensitivere Schuldnerbasis – in einem Abschwung kann dieses Gefüge wie ein Verstärker wirken und Stress aus einem Marktsegment rasch in das weitere Finanzsystem weiterreichen.“ Ein Schlusswort: Entscheidend wird sein, wie sich der Markt in einem anhaltend angespannten makroökonomischen Umfeld bewährt – erst dann wird sich zeigen, wie robust die Strukturen tatsächlich sind.
Fiona Gleim absolvierte ihr redaktionelles Volontariat beim BANKINGCLUB und war bis Sommer 2026 festes Redaktionsmitglied.
