Werfen wir zunรคchst einen Blick auf die menschliche Komponente der betrรผgerischen Handlung. Donald Ray Cressey war ein US-amerikanischer Soziologe und Kriminologe. Zu Beginn seiner Laufbahn sah er sich jedoch mehr als Sozialpsychologe, der kriminelle Handlungen aus der Sicht der Verhaltenstheorie betrachtete. Im Jahre 1950 verรถffentlichte Cressey sein Buch โOther Peopleโs Moneyโ.
Faktor Mensch
Er untersuchte die Fรคlle von 503 mรคnnlichen Insassen in drei verschiedenen Gefรคngnissen, die aufgrund irgendeiner Form von Unterschlagung verurteilt worden waren. Er selektierte dann die Fรคlle, die durch den Missbrauch einer Vertrauensposition entstanden waren, und erhielt 133 Fรคlle.
Sein Ziel war es, die Motivation aller Tรคter zu erfassen und diese durch eine Hypothese zu begrรผnden. Nach mehreren Ansรคtzen gelangte er zu dem Ansatz: โVertrauenspersonen, die mit finanziellen Sachverhalten betraut sind, werden dann das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen, wenn sie erkennen, dass sie ein finanzielles Problem haben, das sie selbst nicht lรถsen kรถnnen, sie aber erkennen, dass dieses Problem durch einen Vertrauensmissbrauch gelรถst werden kรถnnte.โ
Dieses sogenannte โnon-shareable problemโ existiert genau dann, wenn das finanzielle Problem nicht mit Hilfe von anderen gelรถst werden kann, da der Tรคter Angst hat, dass er seinen gesellschaftlichen Status oder den Respekt vor anderen Personen verlieren kรถnnte.
Fraud Triangle
Diese Hypothese bewahrheitete sich ebenfalls fรผr die 200 von Edwin H. Sutherland gesammelten unverรถffentlichten Fรคlle und fรผhrte Cressey dann zum sogenannten โfraud triangleโ, mit Hilfe dessen er erlรคuterte, welche Voraussetzungen fรผr Betrug im berufsbezogenen Umfeld โ dies wird auch โwhite-collar crimeโ genannt โ vorhanden sein mรผssen. Die drei begรผnstigenden Voraussetzungen fรผr Betrug im berufsbezogenen Umfeld werden wie folgt dargestellt:
โข Gelegenheit: Fehlende oder ineffektive Kontrolle, die Kenntnis des Tรคters von Sicherheitslรผcken.
โข Motivation: Es muss einen Anreiz fรผr die Tat geben, sie muss sich lohnen.
โข Rechtfertigung: Der Tรคter muss die Tat nachtrรคglich vor sich selbst rechtfertigen kรถnnen.
Natรผrlich bedeutet dies nicht, dass im Falle des Vorhandenseins dieser drei Bedingungen automatisch betrรผgerische Handlungen stattfinden. Vielmehr sind dies starke Anzeichen dafรผr, dass ein Betrug mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfinden kรถnnte.
Kritik
รber Jahre hinweg galt dieses โfraud triangleโ als Credo, warum Menschen dolose Handlungen durchfรผhren. Kritikpunkte in der neueren Forschung beziehen sich jedoch darauf, dass sich Cresseys Untersuchung nur auf Menschen bezog, die bereits in einer Organisation beschรคftigt waren, und diejenigen, die die drei oben genannten Voraussetzungen erfรผllten.
Er schloss explizit die Tรคter aus, die nur eine Tรคtigkeit aufgenommen hatten, um einen Betrug zu begehen, oder andere, die auch schon in der Vergangenheit betrรผgerische Tรคtigkeiten durchgefรผhrt hatten.
Im Fokus der Untersuchung von Cressey lagen also nur diese Betrรผger, die nicht schon zum Zeitpunkt des Eintritts in die Organisation eine betrรผgerische Tรคtigkeit geplant hatten.
Heute
Heute weiร man, dass es auch Charaktere gibt, die bereits bei ihrer Einstellung Betrug planen. Dies mag fรผr die Lรคnder gelten, die sowohl andere Kรผndigungsschutzgesetze als auch ein anderes Arbeitsrecht als wir in Europa haben. Es ist hier prinzipiell jedoch nicht auszuschlieรen. Ebenso weiร man aus neueren, weltweit bekannten Finanzskandalen, dass Menschen Betrug begehen bzw. begangen haben, die nicht unmittelbar unter einem persรถnlichen finanziellen Druck standen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass das โfraud triangleโ ein Werkzeug ist, um โpotentiellenโ Betrug zu erlรคutern. Es erklรคrt aber nicht, weshalb beispielsweise neu eingestellte Mitarbeiter ein Unternehmen betrรผgen wollen. Ebenso gibt es auch Fรคlle, in denen es Mitarbeitern einfach Spaร macht, zu betrรผgen, sozusagen den โKickโ zu erleben, โeinfach das System zu schlagenโ.
Dr. Michael-A. Leuthner, CIA, CFE, CPA und CFSA, studierte u.a. in Mรผnchen Betriebswirtschaftslehre. Er ist Partner in einer Unternehmensberatung. Seine Schwerpunkte sind u.a. internationales Restrukturierung, Prozessoptimierung, Organisationsentwicklung und Betrugsuntersuchungen.

