Der Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517 war der symbolische Startschuss der Reformation und der daraus resultierenden Spaltung der Kirche. In diesen Tagen wird er vielen Menschen dadurch ins Gedรคchtnis gerufen, dass in einigen Bundeslรคndern heute und in den anderen am morgigen 1. November ein Feiertag im Kalender steht. Betrachten wir die historischen Entwicklungen, die unmittelbar und langfristig von der Reformation beeinflusst wurden, greift dies selbstverstรคndlich zu kurz. Die 95 Thesen, die der Augustinermรถnch Martin Luther an die Tรผren der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben soll (der tatsรคchliche Hergang ist umstritten), richteten sich im Kern gegen die Auffassung, dass durch Ablasszahlungen die Erlรถsung von Sรผnden erreicht werden kรถnne. Neben theologischen Fragestellungen รคuรerte sich Martin Luther immer wieder zu Belangen des Wirtschafts- und Finanzwesens. So diskutierte er in den Jahren 1519, 1520 und 1524 in drei Traktaten die mittelalterliche Zinslehre und die Debatte um ein Zinsverbot. Besonders kritisch stand er den Geschรคften der Fugger gegenรผber. Er klagte das in seinen Augen ungerechte und ausbeuterische Vorgehen des Augsburger Kaufmannsgeschlechts an und forderte staatliche Regulierung.
Der Hype im Jubilรคumsjahr 2017
Das Lutherjahr 2017 rief zahlreiche findige Geschรคftsleute auf den Plan, die das 500-jรคhrige Jubilรคum mit allen nur denkbaren Produkten wie Luther-Bonbons und Luther-Frisbeescheiben vermarkteten. Und auch politisch lieร es sich bestens als Aufhรคnger nutzen. So verfassten linke Politiker und Intellektuelle ganz nach lutherischem Vorbild 95 Thesen. Diese richteten sich nicht an bzw. gegen den Papst, sondern gegen den Status quo des Finanzwesens und proklamierten gleich zu Beginn: โWas zu Luthers Zeiten begann, hat heute einen neuen Hรถhepunkt: die Herrschaft des Geldes. Die Demokratie ist in Gefahr. Die Politik ist an den Vorgaben der Finanzmรคrkte und den Interessen des oberen, reichen einen Prozents der Bevรถlkerung ausgerichtet. Eine Umkehr, eine Reformation ist nรถtig.โ Analog zur โKรคuflichkeit des Seelenheilsโ durch den Ablasshandel identifizierten die Initiatoren, darunter u.a. Gregor Gysi, eine โKรคuflichkeit der Politikโ.
Und auch die evangelische Kirche selbst brachte im vergangenen Jahr einen Satz mit 95 Aufklebern heraus, auf denen die positiven Auswirkungen der Reformation gewรผrdigt wurden. Darunter ein Sticker mit der Aufschrift โBanken bรคndigen. Dank Reformation.โ
Die Debatten weiterfรผhren
Die Sinnhaftigkeit, den Reformationstag nun in einigen Bundeslรคndern als gesetzlichen Feiertag zu etablieren, wurde teilweise in Frage gestellt. Mitunter kam der Vorwurf auf, dass ein weiterer Feiertag der Wirtschaft in den betroffenen Bundeslรคndern schaden kรถnne. Eine gewagte These, wenn man die Wirtschaftsleistung Bayerns und Baden-Wรผrttembergs โ Spitzenreiter bei der Anzahl der Feiertage โ betrachtet. Vielleicht sollten stattdessen in einer Zeit, in der umfassende Einblicke in den Cum-Ex-Skandal verรถffentlicht wurden, eher wieder die Diskussionen aus dem Jubilรคumsjahr aufgegriffen werden. Und die Banken sollten sich zu Herzen nehmen, dass eine Reformation aus sich selbst heraus hรคufig der bessere Weg sein wird als derjenige, der durch den Regulator eingeschlagen wird, wenn der รถffentliche und der politische Druck steigen. Noch stehen keine wรผtenden Demonstranten vor den Kreditinstituten der Republik. Bei weiteren Skandalen und ohne sichtbaren Reformwillen der Branche ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, wann jemand 95 Thesen an die Tore der Banken nagelt.
Philipp Scherber war von Januar 2016 bis Oktober 2019 Redakteur bei BANKINGNEWS und bekleidete anderthalb Jahre die Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Wรคhrend seines Studiums der Geschichte und Medienwissenschaft sammelte er praktische Erfahrungen im TV- und Online-Journalismus. An der Universitรคt zu Kรถln verantwortete er von 2012 bis 2016 das Online-Rezensionsjournal www.lesepunkte.de.

