Sprechen wir von Kรผnstlicher Intelligenz in der Bankenwelt, handelt es sich in der Regel um eine KI, die auf dem Ansatz des Maschinellen Lernens beruht โ einem selbstadaptiven Algorithmus. Die Maschine bekommt hier keine Regeln beigebracht, sondern wird mit Trainingsdaten gefรผttert und erschlieรt sich auf dieser Basis die Regeln selbst, um dann eigenstรคndig Entscheidungen zu treffen.
Der heutige Erfolg der KI ist der Mรถglichkeit zuzuschreiben, groรe Datenmengen in schnellster Zeit zu verarbeiten. Eine Faustregel lautet: Je mehr Daten ich habe, umso besser ist meine KI. Das fรผhrt nicht nur zu datenethischen Fragen, sondern betrifft unsere Gesellschaft so elementar, dass sich gleich auch die Grundfrage โWie wollen wir leben?โ stellt. Wenn in China ein KI-basierter Gesichtserkennungsalgorithmus ein Verbrechen voraussagen kann, bevor es begangen wird, berรผhrt dies fundamentale Fragen zu Macht, Freiheit, Sicherheit und Demokratie.
Die Generierung, Speicherung und Nutzung von Daten ist per se nichts Schlechtes. Ein reflektierter Umgang mit Daten und technologischer Fortschritt schlieรen sich nicht aus. Im Gegenteil: Das erรถffnet Unternehmen die Mรถglichkeit, weltweit eine Vorreiterrolle einnehmen zu kรถnnen. Methoden wie Ethical Design oder Social Experience Design helfen Unternehmen bei der Ausrichtung ihrer Algorithmen.
Der Mensch wird sich daran gewรถhnen mรผssen, dass ihn die Maschine in vielen Bereichen รผbertrifft.
Auch die Zunahme autonomer Systeme stellt eine groรe Herausforderung dar. Wenn wir den Maschinen Verantwortung รผbergeben, sind wir in vielen Fรคllen gezwungen, die Maschine vorab in den Kategorien โRichtigโ und โFalschโ (im ethischen Sinn) zu trainieren. Unabhรคngig von der Frage, wer diese Entscheidungen festlegen sollte, wird das spรคtestens dann zu einem Problem, wenn ethische Dilemmata auftreten, in Situationen also, in denen es kein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt.
Mit der Zunahme der autonomen Systeme wird auch die Arbeitswelt, wie wir sie bisher kennen, infrage gestellt. Der Mensch wird sich daran gewรถhnen mรผssen, dass ihn die Maschine in vielen Bereichen รผbertrifft. Das gilt nicht nur fรผr Routinetรคtigkeiten, sondern zunehmend auch fรผr komplexe Fachaufgaben โ Tendenz steigend.
Der Schlรผssel zum Erfolg liegt in der Kooperation zwischen Mensch und Maschine. Dies erfordert ein Umdenken. Beginnen sollte es bereits in der Bildung. Hier sollte der Mensch gerade jene Fรคhigkeiten fรถrdern und ausbauen, durch die er sich von der Maschine elementar unterscheidet. Dazu gehรถren Kreativitรคt, Empathie, Querdenken, Reflexion und die Bereitschaft, von anderen zu lernen โ Fรคhigkeiten, die in der deutschen Arbeitswelt maximal als Soft Skills eine Wรผrdigung erfahren.
KI hat durchaus ihre Grenzen.
An der Universitรคt Stanford, der Ideenschmiede des Silicon Valley, besuchen viele Informatik- Studenten Vorlesungen zu Philosophie und Literatur. Das schult den menschlichen Geist im Denken. Und โtiefer denkenโ bedeutet, grรถรere Dinge zu erschaffen. Das hilft, auch unter schwierigen Bedingungen Geschรคftsmodelle weiterzuentwickeln und Neues entstehen zu lassen โ gerade auch in der Bankenbranche.
KI hat durchaus ihre Grenzen. Sie ist nicht in der Lage, Gelerntes in einen anderen Kontext zu รผbertragen oder รผber sich selbst zu reflektieren. Erst wenn sie dazu in der Lage ist, sprechen wir von einer โstarken KIโ. Um sie zu entwickeln, schlagen Forscher andere Wege ein, zum Beispiel die Nachbildung des menschlichen Gehirns. Sollte dies gelingen, ist nicht klar, ob tatsรคchlich die โmagische Wand zwischen Geist und Materieโ รผberwunden werden kann, wie es der Neurobiologe Christoph von der Malsburg umschreibt. Wenn wir sie รผberwinden, kรถnnten wir den Geist als eine Art Software begreifen und das Gehirn wรคre die Hardware, auf der sie lรคuft. Dann wรคren wir Menschen den von uns geschaffenen Maschinen gar nicht so unรคhnlich. Und dies wรผrde uns in unserem Selbstverstรคndnis und unserer Einzigartigkeit erschรผttern.
Es gibt genug Geschรคftsmodelle fรผr Banken – man muss sie nur suchen.
In einer Zukunfts-Dystopie wรคre die Erschaffung einer starken KI die letzte Erfindung, welche die Menschheit hervorgebracht hat, weil sie den Menschen รผberflรผssig machen wรผrde. In einer utopischen Zukunft nutzt der Mensch diese Errungenschaft zur Selbstoptimierung und zur รberwindung seiner kรถrperlichen Grenzen. Trans- und Posthumanismus sind hier gรคngige Schlagwรถrter.
Wissenschaftler wie Stephen Hawking und Ray Kurzweil warnten und warnen vor ihrer Unterschรคtzung und ihren Gefahren. Fรผr den Fall des Eintretens des Trans- und Posthumanismus‘, fรผr die bereits jetzt einige technologische Voraussetzungen existieren, gibt es genug Geschรคftsmodelle fรผr Banken. Man muss sie nur suchen. Vielleicht im bankeigenen Innovation Lab.
Tipp: Mehr zum Thema KI finden Sie in der BANKINGNEWS 276. Zum Beispiel die Artikel „KI ist wie Statistik auf Speed“ oder „Wir haben dem Bot beigebracht sich selbst zu verbessern„.
Dr. Marie-Luise Sessler leitet das innovationLab der Frankfurter Sparkasse. Die promovierte Philosophin wurde 2017 mit dem Digital Female Leader Award ausgezeichnet.

