Sonntag, 10. Mai 2026
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Wird Nachhaltigkeit zum Standard?

Nachhaltigkeit ist in Deutschland kein Nischenthema mehr. Diese Entwicklung hat auch die Geldanlage erreicht: Im letzten Jahr hat sich das Volumen der Fonds mit Nachhaltigkeitskriterien mehr als verdoppelt, so der Marktbericht โ€žNachhaltige Geldanlagen 2019โ€œ. Die รผberwiegende Mehrheit der nachhaltigen Investments wird von institutionellen Anlegern getรคtigt: Nur sieben Prozent der grรผnen Investments stammten im letzten Jahr von Privatanlegern. Sind die Deutschen also nur dann von der Idee der Nachhaltigkeit begeistert, wenn es nicht ums eigene Geld geht? Ist die Nachfrage unter Privatanlegern einfach noch nicht da? Oder sind die Anbieter schuld?

Nachhaltigkeit darf nicht Definitionssache bleiben

Die Zeiten, in denen nur ร–kobanken versuchten, Kunden รผber das Thema Nachhaltigkeit zu erreichen, sind lรคngst vorbei. Auch etablierte Banken berichten auf ihren Websites stolz รผber grรผne Projektfinanzierungen und verรถffentlichen Bekenntnisse zur Klimaneutralitรคt. Sie haben den Marketingwert des Themas bereits erkannt โ€“ das Marktpotenzial nachhaltiger Geldanlagen aber scheinbar noch nicht. Eine Studie des Beratungsunternehmens Cofinpro zeigt, dass das Thema besonders von Finanzberatern immer noch vernachlรคssigt wird: 85 Prozent der Bankkunden gaben an, noch nie mit ihrem Berater รผber nachhaltige Geldanlagen gesprochen zu haben. In der Anlageberatung ist Nachhaltigkeit noch weit davon entfernt, zum Standard zu werden. Doch das kรถnnte sich bald รคndern: Die Europรคische Kommission hat die Finanzbranche mit ihrer Hebelwirkung als einen entscheidenden Faktor im Kampf gegen den Klimawandel identifiziert. Im Frรผhjahr 2018 legte sie den EU-Aktionsplan fรผr ein nachhaltiges Finanzwesen vor, der Banken in die Pflicht nehmen soll. Neben einem einheitlichen EU-Klassifikationssystem fรผr Nachhaltigkeit wird dort auch eine bessere Kundenberatung zu diesem Thema gefordert. Der Plan schreibt Wertpapierfirmen und Versicherungsvertreibern vor, in der Beratung die ESG-Ziele fรผr mehr รถkologische und soziale Verantwortung stรคrker zu berรผcksichtigen.

Der Plan soll innerhalb von drei Jahren umgesetzt werden, setzt aber voraus, dass bis dahin eine einheitliche Definition fรผr Nachhaltigkeit geschaffen wird. Denn Nachhaltigkeit ist ein schwammiger Begriff, der unterschiedlich interpretiert wird. Besonders deutlich wird das, wenn man den Blick auf unsere franzรถsischen Nachbarn richtet, wo die nahezu CO2-freie Atomenergie als nachhaltig gilt. Ein Investor, dessen oberste Prioritรคt es ist, sich am Kampf gegen den Klimawandel zu beteiligen, kรถnnte dieser Einschรคtzung zustimmen โ€“ so auch Greta Thunberg in einem kontrovers diskutierten Facebook-Post. Ein Klassifikationssystem kann den unterschiedlichen Ansprรผchen nur schwer gerecht werden. Feste EU-weit anerkannte Kriterien kรถnnten aber erstmals eine Vergleichbarkeit fรผr Nachhaltigkeit schaffen, die โ€žGreenwashingโ€œ verhindert und so bei Anlegern Vertrauen schafft.

Wer in einen nachhaltigen Fonds investieren mรถchte, dem kรถnnen Nachhaltigkeitssiegel eine Orientierung bieten. Im Gegensatz zu dem รœberfluss an Siegeln anderer Produktarten ist das Angebot hier recht รผbersichtlich. Doch auch die Siegel kรถnnen durch ihren unterschiedlichen Informationsgehalt sowie ihre teilweise stark voneinander abweichenden Ausrichtungen beim Anleger Verwirrung stiften. Daher ist auch hier die Offenheit der Herausgeber entscheidend.

Banken, leistet euren Beitrag!

Im Fall des FNG-Siegels vom Forum Nachhaltige Geldanlagen wird zum Beispiel nicht nur das Portfolio selbst auf Kriterien รผberprรผft, sondern auch Aspekte wie der Research- und Investmentprozess der Fondsgesellschaft betrachtet und in einer Sterne-Wertung zusammengefรผhrt. Ein solch ganzheitlicher Ansatz geht weit รผber den bloรŸen Ausschluss bestimmter Unternehmen hinaus. โ€žAuch ein Siegel mit drei Sternen kann dem aufgeklรคrten Investor nicht die Arbeit abnehmen, sich mit den Inhalten der Fonds zu beschรคftigenโ€œ, gibt Roland Kรถlsch, Geschรคftsfรผhrer der Gesellschaft fรผr Qualitรคtssicherung Nachhaltiger Geldanlagen des FNG, zu bedenken.
Die Eigenarbeit des Anlegers mรถglichst gering zu halten, wird die zukรผnftige Herausforderung fรผr die EU und ihre Finanzdienstleister sein. Scheitern sie, werden Privatanleger weiterhin den Weg des geringsten Widerstands und des vermeintlich grรถรŸten Gewinns gehen. Der Verlierer wรคre die Umwelt.

Daniel Fernandez ist seit 2025 Chefredakteur der BANKINGNEWS. Seine journalistische Laufbahn begann er 2017 in der Redaktion als Volontรคr. Er studierte English Studies an der Universitรคt Bonn (B.A. 2016) und vertiefte seine akademische Ausbildung mit einem Master in English Literatures and Cultures, den er ebenfalls in Bonn abschloss. Erste redaktionelle Erfahrungen sammelte er parallel zum Studium als freier Werbetexter.

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