Europa modernisiert seine digitale Identitätslandschaft in einem Tempo, das vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Mit der Anti-Money-Laundering Regulation (AMLR), der eIDAS‑Verordnung 2.0 und der European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet) entsteht ein regulatorischer Rahmen, der Sicherheit, Interoperabilität und digitale Souveränität neu definiert. Diese „Regulierungstrilogie“ soll den digitalen Binnenmarkt stärken und Vertrauen in digitale Prozesse schaffen. Doch ihr Erfolg hängt von einem Faktor ab, der in der aktuellen Debatte häufig unterschätzt wird: Wahlfreiheit.
Nur wenn Finanzinstitute und Nutzerinnen und Nutzer zwischen mehreren vertrauenswürdigen Ident-Verfahren wählen können, entsteht ein Ökosystem, das Innovation ermöglicht, Compliance stärkt und technologische Abhängigkeiten vermeidet. Ein pluralistischer Ansatz ist damit nicht nur eine technische Option, sondern eine strategische Notwendigkeit für den Finanzsektor.
AMLR: Digitalisierung braucht technologische Vielfalt
Die AMLR harmonisiert erstmals europaweit die Anforderungen an Geldwäscheprävention und stärkt die zentrale Aufsicht durch die neue Anti-Money Laundering Authority (AMLA). Gleichzeitig verankert sie ein Digitalisierungsprinzip, das auf interoperable, datengetriebene Prozesse setzt. KI‑gestützte Mustererkennung, automatisierte Risikoanalysen und durchgängige Datenflüsse sollen künftig Standard werden.
Doch Digitalisierung funktioniert nur, wenn sie flexibel bleibt. Ein regulatorisches Umfeld, das ein einziges Ident-Verfahren privilegiert, würde Innovation eher bremsen als fördern. Standardisierung darf nicht mit Monopolisierung verwechselt werden.
Ein Ökosystem, das mehrere zertifizierte Ident-Verfahren zulässt – von nationalen eIDs über Wallet-basierte Identitäten bis hin zum TÜVIT‑zertifizierten Video-Ident‑Verfahren via Agent-basiertem Live-Video-Call – schafft die notwendige Resilienz. Vielfalt ist damit kein Störfaktor, sondern ein zentraler Bestandteil wirksamer AMLR-Compliance. Sie ermöglicht es Banken, unterschiedliche Risikoprofile abzubilden, Zielgruppen passgenau anzusprechen und technologische Entwicklungen flexibel zu integrieren.
eIDAS 2.0: Einheitliche Standards, aber kein Einheitsweg
Mit eIDAS 2.0 definiert die Europäische Union (EU) klare Qualitätsmaßstäbe für vertrauenswürdige Identitätsdienste. Zugelassen sind künftig:
- national notifizierte Ident-Verfahren (eID)
- die EUDI-Wallet
- Identifikationslösungen auf Basis qualifizierter elektronischer Signaturen (QES)
- durch Konformitätsbewertungsstellen zertifizierte Ident-Verfahren, darunter das TÜVIT‑zertifizierte humanbasierte Video-Ident‑Verfahren via Live-Video-Call
Diese Vielfalt ist kein Übergangsphänomen, sondern bewusst angelegt. eIDAS 2.0 schafft einheitliche Standards, aber keinen einheitlichen Weg. Banken profitieren, wenn sie mehrere konforme KYC- und KYB-Verfahren anbieten: höhere Conversion, geringere Abhängigkeiten, bessere Nutzerorientierung und eine deutlich robustere Compliance‑Architektur.
Ein pluralistisches Identitätsökosystem ist damit nicht nur zulässig, sondern regulatorisch gewollt. Es verhindert, dass einzelne Technologien zu kritischen Abhängigkeiten führen, und ermöglicht es, Innovationen schneller in bestehende Prozesse zu integrieren.
EUDI-Wallet: Stark als Option, riskant als Monopol
Die EUDI-Wallet soll die digitale Identität europaweit erlebbar machen – sicher, nutzerfreundlich und interoperabel. Sie wird zweifellos ein zentraler Baustein der digitalen Transformation. Doch ihr Potenzial entfaltet sich nur, wenn sie Teil eines offenen Ökosystems bleibt.
Eine Wallet, die zur einzigen Identitätsquelle wird, würde:
- technologische Abhängigkeiten schaffen
- Innovationswettbewerb reduzieren
- Conversion‑Risiken erhöhen
- alternative, bewährte Verfahren verdrängen
Erfolgreich wird die Wallet dann, wenn sie eine Option unter mehreren bleibt – nicht der alleinige Zugangspunkt. Offenheit ist damit keine technische Detailfrage, sondern eine Voraussetzung für Vertrauen und Akzeptanz. Nutzerinnen und Nutzer akzeptieren digitale Identitäten nur dann, wenn sie die Kontrolle behalten und zwischen verschiedenen Verfahren wählen können.
Warum Wahlfreiheit Vertrauen schafft
Die Kombination aus AMLR, eIDAS 2.0 und EUDI-Wallet zeigt: Regulierung, Technologie und Nutzererlebnis sind untrennbar miteinander verbunden. Vertrauen entsteht dort, wo Finanzinstitute mehrere sichere, zertifizierte Ident-Verfahren anbieten – nicht dort, wo ein einziges Verfahren vorgeschrieben wird.
Wahlfreiheit:
- reduziert Reibungsverluste
- erhöht Akzeptanz bei Kund:innen
- stärkt die Resilienz gegenüber technologischen Veränderungen
- verhindert Lock‑in‑Effekte
- ermöglicht eine bessere Risikodifferenzierung
Ein pluralistisches Identitätsökosystem ist damit nicht nur ein Komfortmerkmal, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor für Banken. Es schafft die Grundlage für nachhaltige Compliance, stabile Prozesse und eine hohe Nutzerzufriedenheit.
Was Banken jetzt tun sollten – 5 Maßnahmen
Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, wie sich digitale Identitäten im Finanzsektor etablieren. Banken sollten daher:
- Mehrere konforme Ident-Verfahren parallel anbieten, um Conversion, Sicherheit und Nutzerorientierung auszubalancieren.
- Wallet‑Readiness aufbauen, ohne sich ausschließlich auf Wallet‑basierte Identitäten zu verlassen.
- Zertifizierte, humanbasierte Live-Video-Ident‑Verfahren als stabile Säule der KYC‑Strategie nutzen – insbesondere für Zielgruppen, die keine Wallet verwenden.
- Interoperabilität als Wettbewerbsvorteil begreifen und Systeme so gestalten, dass neue Verfahren flexibel integrierbar bleiben.
- Technologische Abhängigkeiten vermeiden, indem Identitätsprozesse bewusst diversifiziert werden.
So entsteht ein Ökosystem, das regulatorisch konform, technologisch zukunftsfähig und nutzerorientiert zugleich ist.
Fazit: Vielfalt ist die neue Compliance‑Strategie
Die europäische Regulierungslandschaft bietet die Chance, digitale Identitäten sicher, interoperabel und skalierbar zu gestalten. Entscheidend wird sein, dass Banken nicht auf Einheitslösungen setzen, sondern auf ein pluralistisches Identitätsökosystem.
Einheitliche Regeln, aber vielfältige Wege – das ist der Schlüssel zu Vertrauen, Innovationskraft und nachhaltiger AMLR‑Compliance.
Wahlfreiheit ist kein Nebenaspekt, sondern die Grundlage eines stabilen digitalen Binnenmarkts. Vertrauen entsteht dort, wo Menschen wählen können – und wo Banken diese Wahl ermöglichen.
Frank S. Jorga ist Gründer und Co‑CEO von WebID und zählt zu den Wegbereitern digitaler Identitätsverfahren in Deutschland. Bereits 2011 initiierte er die gesetzliche Anerkennung des Agent-basierten Live-Video-Ident‑Verfahrens. Sein Schwerpunkt liegt heute auf der Weiterentwicklung regulatorisch konformer Identitätslösungen im europäischen Kontext.


