Betrug gehört zu den dynamischsten Risiken im Banking. Die rasante Professionalisierung der Täter trifft auf weiterhin komplexe interne Prozesse, fragmentierte Systemlandschaften und vielfältige organisatorische Abhängigkeiten in den Instituten. Zugleich erwarten Kundinnen und Kunden einfache, schlanke Customer Journeys – bei gleichzeitig höchstmöglicher Sicherheit.
Dieses Spannungsfeld verändert die Rolle der Betrugsprävention grundlegend. Ein integriertes Fraud Management, das frühzeitig ansetzt, bereichsübergreifend wirkt und konsequent präventiv ausgerichtet ist, entwickelt sich damit vom reinen Kontrollinstrument zu einem strategischen Erfolgsfaktor für nachhaltiges Banking.
Globale Schadensdimension und steigender Handlungsdruck
Betrug im Finanzsektor ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ein globales Risiko mit erheblichem ökonomischem Ausmaß. Aktuelle Analysen zeigen, dass der durch Betrug verursachte Gesamtschaden weltweit über eine Billion US-Dollar beträgt. Nahezu jeder zweite Verbraucher wird regelmäßig mit Betrugsversuchen konfrontiert.
Auch auf Institutsebene sind die Auswirkungen deutlich spürbar. Benchmark-Studien belegen, dass viele Finanzinstitute jährlich signifikante Betrugsverluste verzeichnen. Im Global State of Scams Report aus dem Jahr 2024 gaben 57 Prozent der Institute an, allein im vergangenen Jahr Verluste von mehr als 500.000 USDollar erlitten zu haben. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Betrug nicht auf einzelne Produkte oder Kanäle beschränkt ist. Er betrifft den gesamten Kundenlebenszyklus – von Identitätsbetrug im Onboarding über Account Takeover bis hin zu Scam-Szenarien im Zahlungs- und Kreditumfeld.
Der wirtschaftliche Druck steigt somit nicht nur durch direkte Verluste, sondern auch durch steigende operative Aufwände, regulatorische Anforderungen und Reputationsrisiken.
Der blinde Fleck im Fraud Management
Trotz der steigenden Bedeutung von Betrugsprävention zeigt sich in vielen Instituten eine ähnliche Realität. Fraud-Funktionen agieren häufig als isolierte Einheiten. Maßnahmen bleiben reaktiv, Investitionen in Daten und Technologie sind nicht immer priorisiert, und die tatsächlichen Folgekosten von Betrug – etwa im Customer Care – sind für Entscheidungsträger nicht durchgängig transparent.
Dabei liegen gute Vernetzung und Informationsaustausch eigentlich in der DNA der Betrugsprävention. In keiner anderen Risikoart ist der Austausch über Instituts- und Wettbewerbsgrenzen hinweg so eng und etabliert. Informationen zu Betrugsmustern, Angriffsszenarien und aktuellen Entwicklungen werden regelmäßig zwischen Banken, Zahlungsdienstleistern und weiteren Akteuren geteilt. Dieser Austausch wird von allen Beteiligten als wesentlicher Erfolgsfaktor bewertet.
Doch genau diese Vernetzung und Informationsweitergabe bleibt in der eigenen Organisation häufig aus. Und genau hier liegt eine wesentliche Aufgabe für die Fraud-Einheiten. Aktuelle Erkenntnisse müssen systematisch in interne Prozesse, Produktentscheidungen, IT-Architektur und Steuerungsmechanismen überführt werden. Effektive Betrugsprävention bedeutet daher nicht nur Austausch zu ermöglichen, sondern ihn verbindlich in der eigenen Organisation zu verankern.
Ganzheitlicher Ansatz statt punktueller Kontrolle
Die Komplexität interner Prozesse und regulatorischer Anforderungen nimmt kontinuierlich zu. Parallel entwickeln sich die technischen Möglichkeiten der Betrüger exponentiell weiter. Social Engineering, automatisierte Angriffsmuster und Identitätsmanipulationen verschieben die Risikolandschaft stetig.
Betrug lässt sich daher nicht mehr isoliert an einzelnen Kontrollpunkten oder ausschließlich reaktiv bekämpfen. Notwendig ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Betrugsrisiken entlang der gesamten Prozesskette betrachtet – vom Onboarding über Produktnutzung und Transaktion bis zur Nachbearbeitung. Wirksame Prävention entsteht dort, wo Organisation, Daten und Technologie systematisch zusammenspielen.
Positionierung und Zusammenarbeit als Erfolgsfaktoren
Ein integriertes Fraud Management beginnt mit einer klaren Positionierung. Die Fraud-Funktion darf als Enabler für ein stabiles, sicheres und zugleich kundenorientiertes Geschäft verstanden werden. Statt pauschaler Regeln sind risikoadäquate Kontrollen erforderlich, die sich am Geschäftsmodell und den Produkten orientieren und dabei die Customer Journey klar im Blick haben.
Zentrale Voraussetzung ist Transparenz über die eigene Fraud Landscape: Welche Betrugsarten treten auf? Wo entstehen finanzielle Schäden und operative Aufwände? Welche Kanäle sind besonders betroffen? Erst belastbare Kennzahlen über alle Betrugsarten und Prozesse hinweg schaffen Steuerungsfähigkeit und ein gemeinsames Verständnis im Unternehmen.
Gleichzeitig ist Betrugsprävention keine Aufgabe einzelner Spezialisten. Effektivität entsteht nur im Zusammenspiel mit Produktmanagement-, Vertriebs- und Backoffice-Einheiten sowie der IT, Legal und Compliance. Betrug muss vom Anfang bis zum Ende der Prozesskette gedacht werden. Ein gemeinsames Verständnis der Fraud Landscape, regelmäßiger Austausch über Betrugsmuster und aktuelle Entwicklungen bilden die Grundlage für proaktive Präventionsmaßnahmen.
Kundennutzen als zentraler Wertbeitrag
Betrugsprävention schützt nicht nur Banken vor finanziellen Verlusten, sondern zunehmend auch die Kundinnen und Kunden selbst. Gerade bei Social-Engineering-Scams sind es häufig Privatpersonen, die manipuliert werden, selbst Zahlungen auszulösen oder sensible Informationen preiszugeben. In vielen dieser Fälle bleibt der finanzielle Schaden ganz oder teilweise bei der Kundin oder dem Kunden.
Branchenstudien zeigen, dass steigende Betrugsschäden im digitalen Finanzumfeld nicht
nur wirtschaftliche Risiken darstellen, sondern das Vertrauen in das Finanzsystem insgesamt beeinträchtigen können. Die PwC Payment Fraud Studie aus dem Jahr 2025 belegt, dass Kundinnen und Kunden wirksame Sicherheitsmechanismen erwarten, um Vertrauen und Sicherheit im Online-Banking zu stärken. Sicherheit ist damit kein Zusatzmerkmal mehr, sondern Kernbestandteil der Kundenerwartung.
Ein integriertes Fraud Management schafft hier einen klaren Mehrwert. Frühzeitige Mustererkennung, intelligente Analysen und abgestimmte Präventionsmechanismen können verhindern, dass Kundinnen und Kunden überhaupt in betrügerische Situationen geraten. Gleichzeitig reduzieren transparente Schutzmaßnahmen den organisatorischen und emotionalen Aufwand im Schadensfall. Betrugsprävention wird so zu einem aktiven Beitrag für Kundenschutz, Vertrauen und langfristige Kundenbindung.
Fazit: Vom Spezialthema zur strategischen Kernfunktion
Betrug bleibt eine der größten Herausforderungen im Banking. Institute, die Fraud Management als integrierte, bereichsübergreifende Aufgabe verstehen, erhöhen nicht nur ihre eigene Resilienz. Sie leisten zugleich einen entscheidenden Beitrag zum Schutz ihrer Kundinnen und Kunden und zur Stabilität ihrer Geschäftsmodelle.
Der Schritt weg vom Inseldasein hin zu gemeinsamer Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette stärkt Prozesse, reduziert Verluste und schafft Vertrauen – eine zentrale Voraussetzung für nachhaltiges digitales Banking.
Als Abteilungsdirektorin verantwortet Susann Gäbler die ganzheitliche Steuerung der Fraud-Funktion bei Santander Deutschland. Ihr Fokus liegt auf der Verhinderung von Antragsbetrug in allen Portfolien sowie auf der Absicherung des Zahlungsverkehrs gegen Betrug für sämtliche Zahlungsmittel und -wege.


