Die Schwellenländer sind überraschenderweise in einer „guten Verfassung“, bis dato wirken sie robuster als in früheren Phasen geopolitischer Erschütterungen. Doch ihre Aktien- und Anleihemärkte bleiben in hohem Maße von einem globalen Faktor abhängig, der seit Jahrzehnten über Aufschwung und Krise entscheidet: dem US-Dollar-Zyklus. In dieser Sichtweise ist der Dollar also nicht nur eine Währung, sondern der globale Preis für Sicherheit und Liquidität. Steigt der handelsgewichtete Dollarkurs wie von 2011 bis 2024, verschärfen sich weltweit die Finanzierungsbedingungen: Kapital fließt in sichere Anlagen, Risikoprämien steigen und Schwellenländer geraten dadurch unter Druck. Eine IWF-Analyse zum globalen Dollar-Zyklus zeigt, dass ein stärkerer US-Dollar die Schwellenländer deutlich härter trifft als die Industrieländer: Wertet der Dollar um 10 Prozent auf, liegt die reale Wirtschaftsleistung in den Emerging Markets nach einem Jahr im Durchschnitt um 1,9 Prozent niedriger. In fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist der Effekt deutlich kleiner und zudem wesentlich schneller wieder verschwunden. Jedes Schwellenland kann aber mithilfe von flexibleren Wechselkursen, besser verankerten Inflationserwartungen und Verschuldung überwiegend in eigener Währung die negativen Folgen einer US-Dollar-Aufwertung grundsätzlich abmildern.
Gerade hier liegt die wichtigste Veränderung gegenüber früheren Schwellenländerzyklen. Historisch wurden Phasen einer US-Dollar-Stärke oft durch eine straffere US-Geldpolitik eingeleitet, was der Auftakt für Kapitalabflüsse, Währungsabwertungen und Finanzkrisen in den Schwellenländern war. Die Erfahrungen der frühen 1980er Jahre, der Asienkrise oder des „Taper Tantrum“ von 2013 haben sich tief ins institutionelle Gedächtnis eingegraben. Doch im jüngsten Straffungszyklus 2022 bis 2023 blieb die befürchtete Krisenwelle aus. Das lag vor allem an drei Verbesserungen: teilweise flexiblere Währungen, glaubwürdigere geldpolitische Regime und eine deutlich geringere Abhängigkeit von Fremdwährungsschulden. Das ist vielleicht die wichtigste strukturelle Nachricht überhaupt für Schwellenländerinvestoren. Die Anlageklasse ist nicht immun gegen Dollarschocks geworden, aber sie ist weniger fragil als früher. Zudem hat US-Präsident Donald Trump mit seiner teilweise erratischen Wirtschaftspolitik – vielleicht unfreiwillig – eine Trendwende zu einem strukturell schwächeren US-Dollar eingeleitet. Für die Schwellenländer bedeutet das: verbesserte globale Finanzbedingungen, eine niedrigere Risikoaversion internationaler Anleger und günstigere Refinanzierung.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist vor diesem Hintergrund in seinem aktuellen globalen Wirtschaftsausblick optimistisch und prognostiziert für die Schwellenländer für 2026 ein Wachstum von 3,9 Prozent und für 2027 von 4,2 Prozent – obwohl die Weltkonjunktur von einer ganzen Kette von Belastungen geprägt ist: höheren Energiepreisen infolge des Kriegs im Nahen Osten, weiterhin erhöhtem geopolitischem Risiko und einer zunehmend fragmentierten Handelsordnung.
Asien bleibt das makroökonomische Kraftzentrum der Schwellenländer
Für Asien insgesamt erwartet der IWF 2026 ein Wachstum von 4,9 Prozent und 2027 von 4,8 Prozent. Besonders auffällig sind dabei die Differenzierungen innerhalb der Region: China wächst 2026 demnach voraussichtlich um 4,4 Prozent, Indien um 6,5 Prozent und Vietnam sogar um 7,1 Prozent.
Der derzeit wichtigste Impuls für das Wachstum kommt aus dem Technologiesektor. Der globale Boom rund um künstliche Intelligenz zieht den Halbleiter- und Elektronikkomplex in Nordasien mit voller Wucht nach oben. Der IWF hebt den kräftigen Anstieg technologiebezogener Exporte ausdrücklich als ein zentrales Merkmal der jüngsten Welthandelsdynamik hervor. Davon profitieren vor allem jene asiatischen Volkswirtschaften, die Schlüsselkomponenten für die weltweite Investitionswelle in digitale Infrastruktur, Rechenzentren und KI-Anwendungen liefern. China bleibt dabei ein Sonderfall. Die schwache Binnenkonjunktur und strukturelle Nachwirkungen der Immobilienkrise bremsen das Land spürbar. Damit fällt China als breit angelegter Wachstumsmotor für die Region weniger kraftvoll aus als in früheren Zyklen. Dafür übernehmen Länder wie Indien, Indonesien und Vietnam das Zepter als Wachstumsmotoren der Region.
Für Anleiheinvestoren bietet Lateinamerika gute Perspektiven
Lateinamerika wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, ist aber womöglich die interessanteste Region für Anleiheinvestoren. Der IWF erwartet für Lateinamerika 2026 ein Wachstum von 2,3 Prozent und 2027 von 2,7 Prozent. Das ist zwar mäßig, entscheidend ist aber die Kombination aus relativ orthodoxer Geldpolitik, flexibleren Wechselkursen und – in einigen Fällen – günstiger Rohstoffpositionierung. Brasilien profitiert kurzfristig sogar leicht vom Energieschock, weil das Land Nettoenergieexporteur ist; für 2026 werden 1,9 Prozent Wachstum erwartet, für 2027 2,0 Prozent. Mexiko bleibt enger gebunden an die US-Konjunktur und die Handelsbeziehungen nach Norden, mit 1,6 Prozent Wachstum 2026 und 2,2 Prozent 2027.
Perspektiven für Investoren in Aktien und Anleihen
Die Argumente für eine Investition in die Aktienmärkte der Schwellenländer lauteten bisher: niedrige Bewertungen, junge Bevölkerungen, überdurchschnittliches Wachstum. 2026 reicht das nicht mehr. Wer heute in Schwellenländeraktien investiert, kauft keine homogene Makrostory, sondern eine sehr selektive Mischung aus KI-Lieferketten, Reformgeschichten, Rohstoffexponierung und Währungsregimen. Im MSCI Emerging Markets Index hat Asien mit Abstand den größten Anteil (allein China, Taiwan und Südkorea machen knapp 65 Prozent des Indexes aus) und ist damit für dessen Wertentwicklung bestimmend. Die hohe Wachstumsdynamik Asiens plus die Stärke in der Hochtechnologie, wie im Halbleiter- und Tech-Hardware-Komplex, machen Asien zum Gewinner im globalen KI-Investitionszyklus. Entscheidend für die Outperformance des Schwellenländerindex von MSCI gegenüber dem MSCI World ist aber der US-Dollar-Zyklus.
Aber auch für Anleiheinvestoren ist die Region interessant: Gerade weil viele Schwellenländer heute über glaubwürdigere Zentralbanken, flexiblere Wechselkurse und niedrigere Fremdwährungsverschuldung verfügen, ist der Anleihemarkt attraktiver geworden. Wo die Inflation unter Kontrolle bleibt und reale Zinsen hoch sind, können sinkende Leitzinsen wieder Kursgewinne für Anleihen in lokaler Währung erzeugen. Fremdwährungsanleihen bleiben dagegen stärker abhängig von globalen Einflussfaktoren wie der Geopolitik.
Entscheidend für die Performance der einzelnen Anleihemärkte könnte dabei die ökonomische Nähe zum geopolitischen Schock werden. Wer Kriege finanziert, Energieknappheit importiert und zugleich höhere Verteidigungsausgaben schultern muss, sieht sich mit anderen Risiken für seine Staatsanleihen konfrontiert als Länder, die politisch auf Abstand bleiben und fiskalisch weniger direkt betroffen sind. Viele Schwellenländer stehen dagegen heute robuster da als in früheren Schockphasen und könnten von einer Art strategischer Distanzdividende profitieren. Doch diese Dividende ist selektiv. Sie gilt für Länder mit Rohstoffpuffer, glaubwürdiger Politik und geringer externer Verwundbarkeit.
Die eigentliche Schlussfolgerung für Schwellenländerinvestoren ist deshalb ernüchternd und ermutigend zugleich. Ernüchternd, weil es den Emerging-Market-Bullenmarkt nicht gibt. Die alte Vorstellung eines synchronen Aufschwungs von São Paulo bis Seoul passt nicht mehr in eine Welt, die durch Geopolitik, Lieferkettenumbau und KI-getriebene Konzentration geprägt ist. Ermutigend, weil die Schwellenländer heute weniger von externer Gnade leben als noch vor zwanzig Jahren. Ihre Resilienz ist nicht Zufall, sondern das Ergebnis besserer Politik: glaubwürdigere Zentralbanken, geringere Währungsinkongruenzen, höhere Reserven, größere Wechselkursflexibilität.
Edgar Walk ist Chefvolkswirt im Bankhaus Metzler Asset Management.


