BANKINGNEWS: Herr Wibbe, mit dem Altersvorsorgedepot und der Frühstart-Rente entsteht eine neue Generation der staatlich geförderten Altersvorsorge. Wie bewerten Sie das geschäftliche Potenzial dieser Reform für Banken und andere Anbieter?
Oliver Wibbe: Das Potenzial ist erheblich. Die neuen Vorsorgeprodukte eröffnen Anbietern Zugang zu einem der größten Wachstumsmärkte der kommenden Jahrzehnte. Wir sprechen hier über ein potenzielles Marktvolumen von mehr als einer Billion Euro. Hinzu kommt die erwartete Verschiebung bestehender Vorsorgebestände. Allein im Riester-Bereich gibt es heute rund 16 Millionen Verträge mit einem Volumen von deutlich über 100 Milliarden Euro. Ergänzend wird aktuell mit der Frühstart-Rente ein weiteres Modell diskutiert. Laut aktuellen Schätzungen werden rund sieben Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren nach und nach anspruchsberechtigt sein. Auch ist davon auszugehen, dass die geplante Frühstart-Rente eng an das Altersvorsorgedepot angebunden wird – mit entsprechenden Auswirkungen auf Volumen und Prozesse. Wer zum Start mit einem marktfähigen Angebot präsent ist, kann sich also früh Volumen, Vertrauen und langfristige Kundenbeziehungen sichern.
Was bedeutet das konkret für Banken und Anbieter?
Vor allem Handlungsdruck. Die Reform soll am 1. Januar 2027 in Kraft treten, die Frühstartrente sogar rückwirkend zum 1. Januar 2026. Viel Zeit zum Abwarten bleibt also nicht. Die zentrale Herausforderung liegt dabei nicht nur im Produktkonzept selbst, sondern in den dahinterliegenden Melde- und Zulagenprozessen. Denn Zulagen, steuerliche Bestandsführung, Fristen und Sonderfälle bleiben auch bei den neuen Vorsorgeprodukten anspruchsvoll. Hinzu kommen weitere neue Anforderungen. Neue Anbieter ohne Riester-Erfahrungen oder entsprechende Bestände müssen kurzfristig vollständige Meldeketten aufbauen. Gleichzeitig sind auch Häuser mit bestehenden Riester-Beständen gefordert, ihre Systeme und Prozesse anzupassen sowie Personal entsprechend zu qualifizieren.
Warum werden gerade die Melde- und Zulagenprozesse zum kritischen Faktor?
Weil dort sehr viele Zahnräder ineinandergreifen: unterschiedliche Datensätze, feste Reihenfolgen und klare Fehlerlogiken. Jede Zulage, jede Vertrags- und Statusveränderung muss korrekt gemeldet und verarbeitet werden. Das sind komplexe, mehrstufige Meldeketten mit entsprechend hoher Fehleranfälligkeit. Für einen Vertrag müssen unterschiedliche Meldungen erzeugt werden, die sich gegenseitig referenzieren. Die sogenannte AA01-Meldung, die im Falle einer Kapitalübertragung zu erstellen beziehungsweise zu verarbeiten ist, bildet dabei den Vertragsverlauf ab und muss konsistent zu allen weiteren Meldungen sein. Je älter der Vertrag ist und je mehr Prozesse erfolgt sind, zum Beispiel Versorgungsausgleich, Anbieterwechsel und so weiter, desto komplizierter wird es. Hinzu kommen Fristen, die nicht nur für die Gesamtmeldung gelten, sondern auch zwischen einzelnen Datensätzen eingehalten werden müssen. Werden diese Fristen überschritten, kann es passieren, dass Prozesse abbrechen und Meldungen zurückgewiesen und erneut verarbeitet werden müssen.
Das heißt, Effizienz entsteht vor allem durch Prozessstabilität?
Genau. Wenn Prozesse hier nicht durchgängig sauber laufen, entstehen Nachbearbeitungen, Verzögerungen oder im schlimmsten Fall Prozessabbrüche. Das treibt Kosten und frisst Marge, denn für das Standarddepot ist ein Kostendeckel von einem Prozent pro Jahr definiert worden. So werden die Kostenstrukturen mit dem Start des Produkts sehr früh festgelegt und wirken dann über viele Jahre. Am Ende bestimmen also Prozesse, Betriebsmodelle und Automatisierungsgrad dauerhaft die Verwaltungskosten – und damit die Performance und Erträge der Vertragszyklen. Dass solche Systeme nicht eben von heute auf morgen aufgesetzt werden können, zeigt sich auch in der Praxis. In Gesprächen mit Neo-Brokern haben wir erfahren, dass einige beim Altersvorsorgedepot zunächst nur Neugeschäft planen und bestehende Riester-Verträge bewusst nicht übernehmen wollen. Der Grund ist die hohe Komplexität gewachsener Bestände, etwa durch historische Daten, Korrekturlogiken oder Sonderfälle. Damit reduzieren sie zwar die operative Komplexität zum Start, verzichten aber gleichzeitig auf einen großen Teil des Marktpotenzials.
Was bedeutet das für Institute, die schnell in den Markt wollen, ohne eigene Strukturen auf- oder umzubauen?
Dann braucht es ein Modell, das eine schnelle Time-to-Market und operative Stabilität zusammenbringt. Ein Ansatz ist, das Meldewesen als Komplettservice zu beziehen, also ein Meldewesen-as-a-Service. Institute konzentrieren sich auf Produkt und Vertrieb, während die operative Abwicklung der Meldeprozesse komplett übernommen wird. Wir setzen dabei auf ein modulares Partnermodell, bei dem wir eine hochautomatisierte Plattform mit menschlicher Expertise und Business Process Services kombinieren. Daten aus unterschiedlichen Systemen werden zentral verarbeitet, Meldungen automatisiert erzeugt und über definierte Schnittstellen an Behörden, Backoffice-Systeme oder Dokumentenprozesse übergeben. Eigens entwickelte Orchestratoren übersetzen Datenformate aus Quellsystemen, bereiten Meldungen automatisiert auf und halten Bestandsdaten aktuell. Komplexe Sachverhalte wie etwa fehlerhafte Datensätze oder Sonderfälle werden durch spezialisierte Teams fallabschließend bearbeitet.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Vorteile eines solchen Modells?
Zum einen ganz klar die schnelle Umsetzbarkeit. Für Institute mit historisch gewachsenen Meldelandschaften oder ohne eigene Vorsorgeprozesse bietet ein Meldewesen-as-a-Service eine Alternative zum Erhalt und Umbau oder Aufbau eigener, komplexer Strukturen. Das ist gerade mit Blick auf den engen Zeitrahmen ein entscheidender Faktor. Gleichzeitig reduzieren standardisierte und automatisierte Abläufe den operativen Aufwand und unterstützen Anbieter dabei, Meldeprozesse auch unter regulatorischen Kostendeckeln wirtschaftlich abzubilden. Zudem sind regulatorische Anforderungen strukturell in den Prozessen verankert. Gesetzliche Änderungen und daraus entstehende neue Anforderungen werden fortlaufend implementiert. Und schließlich geht es auch um Skalierbarkeit. Gerade in der Anlaufphase, wenn viele neue Verträge gleichzeitig verarbeitet werden und Bestandsübertragungen stattfinden, müssen die Prozesse stabil laufen. Wer im Meldewesen früh stabile und skalierbare Strukturen aufsetzt, schafft somit die Voraussetzung für Wirtschaftlichkeit und einen schnellen Markteintritt.
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Oliver Wibbe ist Geschäftsführer der SPS Germany GmbH und verantwortet die Business Process Services (BPS) in Kontinentaleuropa. Sein Ziel ist es, mit den Business Process Services die Kunden bei der digitalen Transformation zu unterstützen, die Customer Experience zu erhöhen und die Effizienzen zu steigern. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung in den Bereichen Outsourcing und Shoring sowie in IT-Lösungen und -Dienstleistungen für verschiedene Branchen, insbesondere bei Banken und Versicherungen.

