โIch bin zur รberzeugung gelangt, dass mehr als 10 Jahre ein gutes Zeitmaร sind, um ein neues Kapitel aufzuschlagen โ fรผr die Bundesbank, aber auch fรผr mich persรถnlichโ, formuliert Weidmann in einem internen Brief an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bank. Es heiรt die Entscheidung seines Abgangs sei schon seit geraumer Zeit getroffen worden, mit der Verรถffentlichung habe er jedoch absichtlich bis nach den Bundestagswahlen gewartet. Bis zum Jahresende verweilt Weidmann noch in seinem Amt, ab Januar erwartet ihn dann eine zweijรคhrige Cooling-off-Periode, die eine Annahme von Jobangeboten in der Finanzwirtschaft ausschlieรt. Er wird somit wie ein politischer Beamter in den Ruhestand gehen.
In seinem Brief lรคsst er auรerdem die letzten Ereignisse seiner Amtszeit Revue passieren: โDie Finanzkrise, die Staatsschuldenkrise und zuletzt die Pandemie haben in Politik und Geldpolitik zu Entscheidungen gefรผhrt, die lange nachwirken werden. Mir war es dabei immer wichtig, dass die klare, stabilitรคtsorientierte Stimme der Bundesbank deutlich hรถrbar bleibt.โ Diese klare, stabilitรคtsorientierte Stimme war in den Augen vor allem ihm zu verdanken.
Zu lockere Geldpolitik der EZB
Der promovierte Volkswirt bewegte sich viele Jahre im Bereich der Geldpolitik bevor er Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik im Bundeskanzleramt, und damit Wirtschaftsberater von Angela Merkel wurde. Daraufhin lรถste er Axel Weber als Prรคsident der Deutschen Bundesbank ab und besetzte damit den Posten als Jรผngster im Alter von nur 43 Jahren.
Seither galt er als Befรผrworter einer strengen Geldpolitik. Im Zuge dessen stand er der Europรคischen Zentralbank (EZB) durchweg kritisch gegenรผber, so bemรคngelte er deren eher lockere Strategie. โWie locker soll die Geldpolitik der EZB sein?โ war die Frage, die sich konstant durch Weidmanns Amtszeit zog. Aus diesem Grund wurde unter seiner Fรผhrung der geldpolitische Konflikt zwischen โalter Bundesbankschuleโ und โneuem EZB-Paradigmaโ konstruktiver bewรคltigt als unter Axel Weber.
Vernachlรคssigte Inflationsgefahr
Weidmann schreckte nicht davor zurรผck, auch mal gegen den Strom zu schwimmen: des รfteren kam es schon zu Differenzen mit dem inzwischen Ex-EZB-Prรคsidenten Mario Draghi bei einigen geldpolitischen Grundsatzentscheidungen. Weidmann sehnte sich klar und deutlich nach einer Distanzierung von der Nullzinspolitik und dem starken Anleiheankauf, in Befรผrchtung die Finanzmรคrkte und die Euro-Staaten wรผrden sich an das billige Geld gewรถhnen und รผber die Inflationsgefahr hinwegsehen.
Trotz der Begrรผndung seiner Entscheidung wird รผber die Hintergrรผnde seines รผberraschenden Rรผckzuges spekuliert. Unter anderem ahnen einige, dass Weidmann Mitstreiter und Gleichgesinnte in Bezug auf die lockere Geldpolitik gemisst haben kรถnnte, die ihm im Ernstfall zur Seite hรคtten stehen kรถnnen. Weidmann รคuรerte sich in seinem Abschied mit einem Ausblick: โDabei wird es entscheidend sein, nicht einseitig auf Deflationsrisiken zu schauen, sondern auch perspektivische Inflationsgefahren nicht aus dem Blick zu verlierenโ.
Seit Bekanntgabe des Rรผcktritts รคuรerten sich bereits mehrere Stimmen, die ihr tiefstes Bedauern kundgaben. Darunter auch Friedrich Heinemann vom Zentrum fรผr Europรคische Wirtschaftsforschung (ZEW). Er erklรคrt 2022 als das entscheidende Jahr, in dem sich herauskristallisieren wird, ob die EZB die Inflationsbekรคmpfung auch ohne Weidemann in Angriff nehmen wird. Fest steht, dass die Neubesetzung der Position eine groรe Herausforderung fรผr die neue Bundesregierung darstellen wird.
Fiona Gleim absolvierte von August 2021 bis Dezember 2022 ihr redaktionelles Volontariat bei der BANKINGCLUB Plattform GmbH und ist seitdem auch als festes Redaktionsmitglied beschรคftigt. Davor schloss sie ihren Bachelor of Arts an der Universitรคt Kassel ab.

