Doppelter Druck zur Digitalisierung
Autobanken bzw. Captives richten sich an den Entwicklungen in zwei Industrien gleichzeitig aus: der Automobil- und der Finanzbranche. In beiden Branchen erleben wir die grรถรte Transformation seit ihrem Bestehen, berichtet die Mercedes-Benz Bank. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die Digitalisierung ein. Neue und flexible Mobilitรคtslรถsungen kรถnnen nur mit digitalen Lรถsungen verwirklicht werden, da sind sich alle Autobanken einig. Intuitiv, schnell und bequem soll es sein. โAls digitale Captive stehen wir kรผnftig fรผr ein datengetriebenes Geschรคftsmodell, in dem wir Kunden und Fahrzeuge รผber den Lebenszyklus hinweg als Mobilitรคtsdienstleister miteinander verbindenโ, zeichnet Stefan Imme, Chief Digital Officer der Volkswagen Financial Services AG, das Zukunftsbild.
Entgegen kommen den Captives dabei die angestrebten Geschรคftsmodelle der Autobauer. Denn sie wollen kรผnftig mehr Erlรถse รผber den Lebenszyklus eines Fahrzeugs erzielen als nur den Kaufpreis. Servicethemen sind eine Stรคrke der Autobanken, die lรคngst erste Pakete im Angebot haben. Lang- und Kurzfristmiete, Sharing und Autoabo, die Autobanken sind schon in der Umsetzung. Aber auch die klassischen Vertrรคge sind betroffen: โWir sehen einen steigenden Bedarf an kรผrzeren Laufzeiten beispielsweise bei zwei- bis dreijรคhrigen Leasingvertrรคgenโ, bestรคtigt Stefan Imme. Er sieht einen klaren Trend zu flexibler Fahrzeugnutzung, den auch die Mercedes-Benz Bank bestรคtigt. Die Stuttgarter verweisen in diesem Zusammenhang auf den Erfolg ihrer Vermietungs-und Abomodelle. Nichtsdestotrotz beobachtet aber die BMW Group in den vergangenen Monaten der Pandemie eine weitere Entwicklung: โDer Trend zum eigenen PKW und individueller Mobilitรคt ist klar gewachsenโ, so eine Sprecherin aus Mรผnchen.
Kรผnstliche Intelligenz im Einsatz
Kรผnstliche Intelligenz (KI) ist fรผr die datengetriebenen Autobanken eine Quelle neuer Services. Sie unterstรผtzt mit Chatbots im Service oder automatisiert Kreditentscheidungen. Weitere Anwendungen sind in Arbeit: โWir ersetzen derzeit regelbasierte oder manuelle Entscheidungsprozesse systematisch durch KI-Verfahren. Beispiele dafรผr liegen im Bereich Pricing, Restwertmanagement oder in unseren Mobilitรคtsangeboten bei der Vorhersage freier Parkplรคtzeโ, zรคhlt Stefan Imme von VWFS auf. Die BMW Bank will den Einsatz von KI und Machine Learning ebenfalls weiter ausdehnen und auch mit bereits etablierten Technologien wie Robotics Process Automation (RPA) verzahnen. Ziel sei es, die Digitalisierung noch weiter voranzutreiben und den Service fรผr
die Kunden zu optimieren.
Die VW-Tochter setzt im Bereich KI auch auf Kooperationen. โWir kooperieren sehr gezielt mit Fintech-Unternehmen, beispielsweise der รถsterreichischen Credi2 zur Fahrradfinanzierungโ, berichtet Stefan Imme. โIm Bereich digitaler Identitรคten โ einem ganz wesentlichen โEnablerโ der Digitalisierung โ sind wir an der Verimi GmbH beteiligt und freuen uns auf eine Reihe von Innovationen in den nรคchsten Monaten.โ Auรerdem kooperiert VWFS mit Universitรคten, um aktuelle Forschungsergebnisse einflieรen lassen zu kรถnnen. Derzeit ersetzen die Braunschweiger regelbasierte oder manuelle Entscheidungsprozesse systematisch durch KI-Verfahren. Damit erhalten sie Einlass in so unterschiedliche Bereiche wie Pricing, Restwertmanagement oder in den Mobilitรคtsangeboten bei der Vorhersage freier Parkplรคtze.
Trend Elektromobilitรคt
Der Trend zur E-Mobilitรคt spielt den Autobanken in die Karten. Da Hybrid- und Elektroautos vornehmlich geleast wรผrden, meldet die Mercedes-Benz Bank einen Wachstumsschub. Mobilitรคtsangebote gegen Reichweitenangst sowie spezielle Versicherungen gegen E-Risiken (Batterie, รberspannung, Wallbox u.v.m.) sind zusรคtzliche Verkaufsargumente. VWFS bietet seit einigen Jahren Tank- und Ladekarten und setzt stark auf die Beratung von Groรkunden. Wollen diese ihre Fahrzeugflotte elektrifizieren, erstellt die Bank eine Infrastrukturanalyse, beschafft die Fahrzeuge, finanziert diese sowie die Ladeinfrastruktur und beantragt die BAFA-Fรถrderung. Dabei handelt es sich um Leistungen, die weit รผber bankรผbliche Services hinaus gehen.
Captives kรถnnten zum Rundumanbieter fรผr Mobilitรคtskunden werden, prognostiziert Sebastian Pfeifle, Global Auto Finance Lead bei Deloitte. Er geht davon aus, dass ein Groรteil der zukรผnftigen Mobilitรคtsmodelle auf herstellerรผbergreifenden Flotten basieren wird. Fรผr Captives sieht er groรe Chancen, diese Flotten zu finanzieren und zu betreiben. Auch sieht er das servicebasierte Geschรคft im Aufwind, womit Subscription- und nutzungsbasierte Bezahlmodelle an Bedeutung gewรคnnen. Vรถllig neue, datengetriebene Services kann er sich auch vorstellen: โAls Beispiel seien hier nutzungsabhรคngige Finanzprodukte fรผr Privatkunden oder Telematik-Lรถsungen zur Kostensenkung fรผr gewerbliche Kunden genannt.โ
Fรผr die Kunden geht es beim Autokauf schon lange nicht mehr nur um die Marke. Nach einer Umfrage des bitkom liegen bei den traditionellen Kaufkriterien Sicherheit (98 Prozent), allgemeiner Komfort (92 Prozent) und der Anschaffungspreis (90 Prozent) weit vorne bei der Kaufentscheidung. Dazu kommen aber neue digitale Kriterien: Hier entscheiden Dienste auf der Grundlage von Fahrzeugdaten schon bei 76 Prozent der Kรคufer bei der Entscheidung fรผr ein Auto eine Rolle, fรผr jeweils 63 Prozent sind es Dienste mit Car-to-car-Kommunikation oder Online-Updates ohne Werkstattbesuch. Hier bieten sich noch viele Ansatzpunkte fรผr Serviceleistungen. Captives haben die besten Voraussetzungen, davon zu profitieren.
Ronja Wildberger ist ehemalige Chefredakteurin beim BANKINGCLUB.

