Montag, 23. Mรคrz 2026
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Der Akademisierungswahn

Autor: Julian Nida-Rรผmelin

Euro: 16,00

256 Seiten, Taschenbuch

ISBN: 978-3-89684-161-2

edition Kรถrber-Stiftung

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Julian Nida-Rรผmelin ist kein Unbekannter. Er war Kulturstaatssekretรคr im Kabinett Gerhard Schrรถder I und ist zudem noch Professor der Philosophie in Mรผnchen. Die Vorwรผrfe, er schรผtze bloรŸ sein eigenes Klientel, neige zu sozialer Hรคrte und wolle sich bloรŸ nach unten abgrenzen, verwundern hier nicht. Wenn Akademiker mehr verdienen, lรคnger und gesรผnder leben sowie weniger von Arbeitslosigkeit betroffen sind, warum sollte man diesen Kreis dann klein halten? Wer so argumentiert, hat Nida-Rรผmelins Botschaft nicht verstanden.

โ€žVerhรคngnisvoller bildungsรถkonomischer Irrtumโ€œ

Nida-Rรผmelin bezeichnet diesen Einwand als einenย  โ€žverhรคngnisvollen bildungsรถkonomischen Irrtumโ€œ. Nur auf den ersten Blick sei dies richtig. Eigentlich muss man nur die Statistik richtig lesen, um diesen Einwand zu entkrรคften. Das Realeinkommen der Akademiker stagniert oder sinkt sogar. Soviel zum Thema, ein Hochschulabschluss ist eine Gelddruckmaschine. Das Einkommen von Meistern und Technikern liegt sogar ein wenig hรถher als das von Akademikern. Nach dieser Logik mรผssten also alle einen Meisterabschluss anstreben. Diese nicht-studierte Berufsgruppe ist auch nicht von einer hohen Arbeitslosigkeit betroffen. Dieses harte Schicksal trifft in erster Linie Leute ohne Berufsbildungs- oder sogar ohne Schulabschluss. Dass eine fehlende Schulbildung und/ oder Ausbildung keine guten Voraussetzung ist, ist nun wirklich nichts Neues.

Hรถhere Jugenarbeitslosenquote trotz hรถheren Akademikeranteils

All diese Zahlen belegen, dass die Argumente fรผr eine allumfassende Akademisierung in erster Linie Wunschdenken sind. Deutschland hat ein duales Ausbildungssystem, auf das die ganze Welt neidisch schaut. Warum sollen Auszubildende schlechter behandelt werden als Studierte? Gerade in angelsรคchsischen Lรคndern gehen junge Menschen aufs College, um einen Studiengang zu belegen, der als ร„quivalent zu einer Lehre gesehen werden kann. Von der Statistik werden sie aber als eingeschriebene Studenten erfasst. Wen wundertโ€˜s, dass GB oder die USA einen hรถheren Akademikeranteil aufweisen als Deutschland? Dabei haben sie eine hรถhere Jugenarbeitslosenquote als hierzulande. Allein dieses Argument sollte zum Denken anregen.

Auch in den Universitรคten lรคuft einiges schief

Natรผrlich darf bei einem solchen Werk, gerade wenn es von einem Professor geschrieben wird, eine Kritik an den Bolognaprozess nicht fehlen. Dies behandelt er im dritten Teil, die den Titel trรคgt โ€žZur Krise akademischer Bildungโ€œ. Nida-Rรผmeling kritisiert, dass durch die Bolognareform viele wichtige Grundgedanken europรคischer Universitรคtskultur und -verstรคndnisses einfach aufgegeben wurden, um sich international auszurichten. Dieses Ziel, damit steht Nida-Rรผmelin nicht alleine, ist gescheitert. Als Beispiel nennt er einige durch Bologna hervorgerufene Fehlentwicklungen. Diese sind eine Unterscheidung zwischen berufsfeld- und wissenschaftsorientierten Studiengรคngen, die Verschulung der Bachelorstudiengรคnge, die Einrichtung eines Ein-Fach-Bachelors und die zwangslรคufige Konventionalisierung der Lerninhalte durch detaillierte Modulbeschreibungen.

Manche Probleme รคndern sich nie

Dass Nida-Rรผmelin Professor ist, merkt man bei der Lektรผre. Teilweise liest es sich wie ein philosophischer Essay. Wer Probleme hat, solchen Ausfรผhrungen zu folgen oder gar automatisch abschaltet, sobald nach dem tieferen Sinn von Wissen gefragt wird, sollte dieses Werk lieber nicht kaufen. Gleiches gilt fรผr Fremdwรถrter und Fachbegriffe.
Wenn Nida-Rรผmelin nach dem Wissen fragt, geht er nicht oberflรคchlich auf das Thema ein. Vielmehr fragt er nach dem tieferen Grund und was Wissen eigentlich ist. Ganz im Stil eines Philosophen geht er hierbei auf Aristoteles und Platon zurรผck und erlรคutert an deren Ausfรผhrungen das Problem. Wer aber denkt, hier werde nur auf tote Klassiker verwiesen und ein Professor versucht mit seiner humanistischen Bildung zu brillieren, der irrt. Nida-Rรผmelin zeigt รผberzeugend, dass manche Probleme zeitunabhรคngig sind. Manchmal mรผsse man alte Klassiker lesen, um Probleme von heute zu verstehen.
Ein Vorteil ist die Dreiteilung des Inhalts. Im ersten Teil behandelt Nida-Rรผmelin Grundlegendes, im zweiten geht er auf die Krise der beruflichen Ausbildung und im letzten Kapitel auf die der akademischen Bildung ein.
Eine Lektรผre des Buches ist durchaus empfehlenswert, denn es wirft einen anderen, einen philosphischen Blick auf die Debatte, ohne aber den Bezug zur Realitรคt aus den Augen zu verlieren.

Julian Achleitner war von 2014 bis 2016 Redakteur bei BANKINGNEWS.

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