Jetzt Mitglied werden

„Wir möchten einen Kulturwandel anstoßen“

Marie-Luise Sessler und Michael Koßmehl haben sich bei einem „Seminar für Sonderlinge“ kennengelernt und erkannten ihre geteilte Begeisterung für Digitalisierung, Innovation und Kulturwandel. Seit zwei Jahren leiten die promovierte Philosophin und der Wirtschaftsinformatiker das innovationLab der Frankfurter Sparkasse.

Von Philipp Scherber - 27. November 2018

Das Gründungsteam des innovationLab: Michael Koßmehl und Dr. Marie-Luise Sessler.

BANKINGNEWS: Wie kam es zur Gründung des innovationLab?

Michael Koßmehl (MK): Es gab vonseiten des Vorstands schon länger Bestrebungen, die Themen Digitalisierung und Innovation stärker zu forcieren. Vor allem unserem Vorstandsvorsitzenden Robert Restani sind diese Themen sehr wichtig. Frau Sessler und ich haben für ein halbes Jahr in einem Strategieprojekt der Helaba zum Thema Digitalisierung mitgewirkt. Die Ansätze, die wir dort gesehen haben, wollten wir nach unserer Rückkehr in die Frankfurter Sparkasse einbringen. Wir haben ein Konzept in Form eines Comics und Videos erarbeitet und vorgelegt, dem der Vorstand zugestimmt hat.

Wie viele Personen arbeiten heute im Lab?

Marie-Luise Sessler (MS): Außer uns beiden sind es vier Teilzeitkräfte. Für jedes Projekt rekrutieren wir zudem Mitarbeiter aus der Organisation. So haben viele Mitarbeiter die Möglichkeit, sich einzubringen. Aktuell arbeiten vier Teams mit insgesamt 25 Mitarbeitern parallel an ihren Projekten. Sie sind in dieser Zeit für eine gewisse Anzahl an Stunden von ihren eigentlichen Tätigkeiten für die Projektarbeit freigestellt. Wir setzen auf einen Multiplikatoreneffekt, da wir einen Kulturwandel anstoßen und die Methoden aus dem Lab in die gesamte Organisation hineintragen möchten. Daher arbeiten wir eng mit unserer Personalabteilung zusammen, die ihrerseits Konzepte entwickelt, um die Mitarbeiter fit für die Zukunft zu machen. Zudem haben wir beispielsweise 2017 einen hausinternen Hackathon veranstaltet und einen Fintech-Stammtisch eingerichtet, bei dem sich Führungskräfte aus unserem Haus regelmäßig mit Fintechs treffen, die dort ihre Ideen präsentieren. Außerdem unterhalten wir einen Standort im Frankfurter TechQuartier, in das wir ganze Filialteams oder Abteilungen einladen, um ihnen die Arbeitsweisen näherzubringen.

MK: Das sind keine reinen Spaßveranstaltungen. Wir möchten aufzeigen, wie Arbeitswelten heute aussehen können und wie die Digitalisierung Arbeitsplätze verändert. Es ist gut, wenn unsere Kolleginnen und Kollegen digitale Fitness besitzen und Freude daran haben, neue Services gegenüber unseren Kunden zu kommunizieren. Die Sparkassen können digital unglaublich viel, aber wir haben ein Wahrnehmungsproblem. Wenn die Mitarbeiter selbst die Banking-App oder mobile Zahlverfahren nicht nutzen, fällt es ihnen schwer, diese Dinge an den Kunden weiterzugeben. Wir möchten durch diese Veranstaltungen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie sich Berufsbilder entwickeln können.

„Wir engagieren keine Unternehmensberater“

Werden externe Personen in die Projektteams aufgenommen?

MK: Wir haben festgestellt, dass es bei uns im Haus viele Menschen gibt, die sehr innovativ denken. Deswegen besteht die Notwendigkeit nur sehr selten. Die „wilden Ideen“ kommen von uns beiden, und damit animieren wir die anderen, noch mehr über den Tellerrand hinauszudenken. Etwa 95 Prozent bilden wir in-house ab. Wenn wir Fachwissen benötigen, das bei uns nicht vorhanden ist, ziehen wir externe Partner hinzu. Das waren beispielsweise ein Partnervermittlungsunternehmen, Wirtschaftsmediatoren oder Studenten. Wir engagieren jedoch keine Innovationsagenturen oder Unternehmensberater.

Binden Sie auch Kunden ein?

MK: Manchmal werden Kunden und Nicht-Kunden schon einbezogen, bevor die Mitarbeiter etwas von dem Projekt wissen. Dann stellen wir uns als Leitung des Labs in ein Einkaufszentrum oder eine Filiale und sprechen die Leute an. Das wiederholen wir in der frühen Projektphase immer wieder. Alle Informationen, die älter sind als ein halbes Jahr, evaluieren wir neu.

MS: Nach dem Vorbild von Google Ventures halten wir die Kundengruppen bewusst klein, das heißt fünf bis zehn Personen. Bei größeren Gruppen ist der zusätzliche Erkenntnisgewinn sehr gering. Das Feedback fließt dann direkt in die nächsten Schritte ein.

Wie priorisieren Sie die Projekte?

MK: Die Priorisierung erfolgt in Absprache mit dem Vorstand. Teilweise erhalten wir einen Auftrag bzw. eine Herausforderung, die zu lösen ist. Wir sind sehr früh in die Zielbildung eingebunden.

MS: Wir arbeiten immer an vier bis fünf Projekten gleichzeitig, die einen unterschiedlichen Fortschrittsgrad haben. Zu Anfang sind wir beide sehr nah am Team und schulen es in Methoden. Nach einer gewissen Zeit ziehen wir uns immer mehr zurück und übergeben das Projekt letztlich wieder.

MK: Wir haben aber auch besondere Herzensprojekte, bei denen wir dabeibleiben möchten, bis das Baby laufen gelernt hat.

Marie-Luise Sessler und Michael Koßmehl

Frankfurter Sparkasse

Dr. Marie-Luise Sessler leitet das innovationLab der Frankfurter Sparkasse. Die promovierte Philosophin wurde 2017 mit dem Digital Female Leader Award ausgezeichnet.

Michael Koßmehl ist Gründer und Leiter des innovationLab der Frankfurter Sparkasse. Der Wirtschaftsinformatiker lehrt zudem als Dozent an der Hochschule Worms.

Lesen Sie auch

Fintechs im Spannungsfeld der Regulatorik

Nicht nur Banken, sondern auch Fintechs müssen sich[…]

Tim Klippstein

Die nächste Generation von Robotic Process Automation

Customer-Due-Diligence- und Know-Your-Customer-Prozesse sind nicht nur zeitaufwändig, sondern[…]

Daniel Fernandez

Ideen dürfen nicht an der Finanzierung scheitern

Neue Ideen und Geschäftsmodelle lassen sich nur dann[…]

Eckhard Forst

Signaturtag 2018

Vorbericht zu unserem Fachkongress Signaturtag 2018 am 19.[…]

Daniel Fernandez

„Okay Google, ich würde gerne zahlen!“

Der Internet-Riese Google startet mit seiner eigenen Mobile[…]

Tobias Schenkel

„Früher war alles besser – oder?“

Das Quartier 110 in Berlin Mitte verbindet Vergangenheit[…]

Philipp Scherber

Beschleunigte Innovation durch Kooperation

Das Retail Banking sieht sich mit einer Reihe[…]

Patrick Düpmann

Brauchen Banken eine eigene Wallet-App für das mobile Bezahlen?

Gerade die jüngere Kundengeneration bevorzugt bei mobilen Bezahlvorgängen[…]

Volker Koppe

Rezension: Digital Work Design

Der Begriff der „Digitalisierung“ ist heutzutage nicht mehr[…]

Dalia El Gowhary

Tech-Unternehmen haben spezielle Anforderungen

Start-ups aus dem Technologiebereich haben besondere Anforderungen, wie[…]

Patrick Lindstädt

Der Computer analysiert, der Mensch entscheidet

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz hat das Potenzial,[…]

Thomas Belker

Erklärvideos: effektive Kommunikation für erfolgreiche Unternehmen

Schlechte Kommunikation kommt Unternehmen weltweit teuer zu stehen.[…]

Ellen Hildebrand

„Die kulturellen Unterschiede können enorm sein“

Wie unterscheiden sich die Digitalisierungsstrategien von Banken in[…]

Philipp Scherber

„Nicht nur bunte Zettel und Workshops“

Eine Erkenntnis stand im Zentrum des zweitägigen Fachkongresses[…]

Redaktion

Das gute Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben

Klingt nach einer klassischen Fintech-Idee, kommt aber von[…]

Nils Brinkhoff

Die digitale Renaissance der Bancassurance – neue Geschäftsmodelle für alte Ideen

Eine Verknüpfung von Bank- und Versicherungsleistungen kann sowohl[…]

Tim Kunde

Das Blockchain Lab der Commerzbank

Vor zwei Jahren startete die Commerzbank zusammen mit[…]

Sören Hartung

„There is no such thing as a killer feature“

Auf dem Ein-Tages-Kongress "Digitale Transformation" am 10. April[…]

Philipp Scherber

„Technologie lässt Barrieren fallen“

An zwei Abenden in Köln und Berlin stellten[…]

Philipp Scherber

Digital Wealth Management im Drehstuhl

Am 18. Mai 2018 widmeten wir uns gemeinsam[…]

Philipp Scherber

Das Ende der Banken

Autor: Jonathan McMillan Preis: 29,80 € 304 Seiten, gebunden ISBN: 978-3-593-50841-2 Campus[…]

Philipp Scherber

„Auf dem Weg zu einem vernetzteren Finanzökosystem“

Im Oktober 2017 startete der Bundesverband deutscher Banken[…]

Philipp Scherber

„Die Macht von Spiel und Spaß“

Mit CryptoKitties startete im November 2017 das weltweit[…]

Daniel Fernandez

Making-of: BauFi-App

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie spazieren[…]

Christian Grosshardt

„Mit offenen Plattformen können Banken ihren Kunden Innovation bieten“

Neue Ideen braucht das Land. In einer von[…]

Christian Grosshardt

„Ein guter Berater spricht kein Bankchinesisch“

Hansjörg Weber von der Volksbank in der Ortenau[…]

Philipp Scherber

Fintech-Beteiligungen der Berliner Volksbank Ventures

Seit 2015 unterstützt die Berliner Volksbank Ventures Unternehmensgründer[…]

Anne Klesse

Klarheit – Kreativität – Realismus

Wie können Partnerschaften zwischen Banken und Fintechs zum[…]

Philipp Scherber

Kunst und Wissenschaft: Fintech und Instinkt im Investitionsprozess

Der Ausdruck „das Beste aus beiden Welten“ kann[…]

Furio Pietribiasi

Falsche Freunde

David Marcus, ehemals Präsident von PayPal, ist seit[…]

Redaktion

Kooperation statt Konfrontation: Wie Fintechs Factoring bereichern

Fintechs haben das B2B-Geschäft für sich entdeckt: Mehr[…]

Joachim Secker

KI – Hollywood zeigt uns den Weg

Künstliche Intelligenz (KI) ist eines der heiß diskutierten[…]

Thomas F. Dapp

Kooperation „WeltSparen“ – wie alles anfing

Als Tamaz Georgadze im Sommer 2012 mit seinem[…]

Reiner Guthier

„Es bedarf schlankerer Strukturen für Start-ups“

Die Deutsche Börse hat eine Studie zur deutschen[…]

Philipp Scherber

„Banken, seid nicht wie der Frosch, der die steigende Wassertemperatur erträgt, bis er stirbt“

Die Fintechs Contovista und GIROMATCH gewinnen das Fintech[…]

Philipp Scherber

So funktioniert das Open Banking der Hypothekarbank Lenzburg

Die Hypothekarbank Lenzburg AG hat ihr Kernbankensystem mit[…]

Marc Fischer

360-Grad-Blick auf die Digitalisierung im Gesundheitsmarkt

Es gehört inzwischen zur Routine bei der Patientenbehandlung,[…]

Stefan Seyler

„Realtimebasierte Kampagnen über alle Kanäle“

Kennt der Berater seinen Kunden, weiß er auch[…]

Christian Grosshardt

Ich digitalisiere, also bin ich?

Ist die Digitale Transformation ein lästiges oder ein[…]

Christian Grosshardt

Unausweichliche Kollateralschäden?

Die Generation Y abholen, eine Customer Journey generieren[…]

Christian Grosshardt

„Eine globale Plattform der Interkonnektivität“

Im Rahmen des Kongresses „Digitale Transformation“ in Frankfurt[…]

Philipp Scherber

Einkaufen ohne Portemonnaie

Jetzt können Kunden der Deutschen Bank im Supermarkt,[…]

Michael Koch

Digitalisierung – Pflicht oder Kür?

Dass an der Digitalisierung im Bankensektor kein Weg[…]

Ates Demir