Donnerstag, 05. Mรคrz 2026
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WEF im Zeichen der De-Globalisierung

Zwischen dem 22. und 26. Mai tagte das alljรคhrliche World Economic Forum (WEF) in Davos. Nach einer pandemiebedingten Unterbrechung wurde erstmals seit 2019 wieder zu einer Prรคsenzveranstaltung geladen. Doch auch das Ende zwei entbehrungsreicher Jahre kann die Stimmung nicht aufhellen. Der Krieg in der Ukraine und die anhaltenden Komplikationen bei denย internationalen Lieferketten bestimmen den Ton der Veranstaltung.ย 

Im Kern bleibt sich das Forum 2022 treu: Die Gรคsteliste ist wie gewohnt lang und die Podien sind hochkarรคtig besetzt. Wenn WEF-Grรผnder Klaus Schwab ruft, dann folgt die internationale Polit- und Wirtschaftsprominenz. Insgesamt 2500 Teilnehmer fasst der diesjรคhrige Gipfel, die Hรคlfte davon Topmanager. Hinzu kommen 50 Regierungschefs sowie 310 weitere Regierungs- und Behรถrdenvertreter, zu denen etwa die Prรคsidentin der Europรคischen Zentralbank Christine Lagarde zรคhlt. ย ย 

Weit entfernt vom Normalzustand

Die drei wichtigsten Funktionรคre bleiben der Veranstaltung allerdings fern. Weder der amerikanische noch der chinesische oder russische Prรคsident sind vor Ort. Wladimir Putin wird anders als seine beiden Amtskollegen nicht vor die Wahl gestellt. Sein Erscheinen infolge des Einmarschs in die Ukraine ist unerwรผnscht. 2019 hielt er noch einen 40-minรผtigen Redebeitrag. Das Russia House, das fรผr seine Vodka- und Kaviartheke bekannt war, weicht dem Russian Warcrime House, in dem russische Kriegsverbrechen dokumentiert werden. ย 

Das Forum, das im Normalzustand fรผr grenzรผberschreitende, รผbergeordnete und kollektive Ziele steht, wird damit zur Demarkationslinie im Konflikt mit Russland. Unterstrichen wird dies durch die Videoรผbertragung von Wolodymyr Selenskyj, der den Platz seines russischen Widersachers einnimmt. In seiner Rede bittet der ukrainische Prรคsident um Solidaritรคt und fordert maximale Sanktionen gegen Russland. Angesichts seiner Lage erscheint das mehr als nachvollziehbar โ€“ nur ist dies wirklich der richtige Ort?

Unsicherheit im Gepรคck

Der demonstrativen Zurschaustellung der Ablehnungshaltung steht eine fast greifbare Verunsicherung gegenรผber. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie und hoher staatlicher Neuverschuldung kommen die Moskauer Expansionsbemรผhungen zur Unzeit. Die Folgen sind beim WEF omniprรคsent: Die Gefรคhrdung der globalen Nahrungsmittelversorgung, der Rรผckgang des internationalen Handels, zusรคtzliche Folgen fรผr das Klima und die Unwuchten im internationalen Zahlungsverkehr.ย 

Dass die Situation so verfahren ist, hat natรผrlich auch mit der Rolle Chinas zu tun. Neben der politischen Nรคhe zu Russland und seiner Bereitschaft, den Nachbarn zu unterstรผtzen, wirken sich die andauernden Lockdown-MaรŸnahmen zusehends negativ auf die Konjunkturprognosen aus. Frachtschiffe stecken im Stau, Containerpreise steigen und Zwischenerzeugnisse gelangen nicht an den Ort ihrer Weiterverarbeitung, kurzum: internationale Lieferketten sind weit vom Regelbetrieb entfernt. In der Folge liegt die Inflation wie ein Schleier รผber den wirtschaftlichen Erwartungen.ย 

In der westlichen Staatengemeinschaft lรถst all das eine Rรผckbesinnung auf vitale Interessen aus. โ€žAbhรคngigkeiten reduzierenโ€œย lautet das Stichwort, das im Kern eine Regionalisierung beschreibt. Bereits vor dem Krieg war diese Entwicklung im Bereich der Halbleiterproduktion zu beobachten. Unternehmer und Investoren folgen der politischen Weichenstellung. Sie suchen Standorte in der Nรคhe und ziehen ihre Gelder aus der Ferne ab.ย 

Wรคhrend das WEF viele der Probleme zu adressieren weiรŸ, kann es dennoch keine Lรถsung anbieten. Der Grundkonflikt ist politischer Natur. Im Ergebnis wird das diesjรคhrige Forum zum Sinnbild einer รผberwunden geglaubten Zeit. Es steht im Zeichen der De-Globalisierung.

Milan Herrmann ist ehemaliger Redakteur beim BANKINGCLUB.

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