Die Geldpolitik beeinflusst die Inflationsentwicklung maรgeblich. Die Leitzinserhรถhungen weltweit sorgen derzeit fรผr eine Abkรผhlung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und fรผr fallende Inflationsraten. Jedoch ist die weltweite Verschuldung immer noch sehr hoch, sodass mit jeder Leitzinserhรถhung die Schuldentragfรคhigkeit der Wirtschaftsakteure sinkt โ also der Staaten, der Unternehmen und der privaten Haushalte. Und damit steigen die Risiken fรผr die Finanzmarktstabilitรคt. Jรผngstes Beispiel ist die Bankenkrise in den USA im ersten Quartal dieses Jahres: Die US-Notenbank und die Aufsichtsbehรถrden reagierten sofort mit einer unglaublich groรen geldpolitischen und finanziellen Unterstรผtzung der betroffenen Banken, um ein Szenario wie 2008 auch nicht ansatzweise noch einmal entstehen zu lassen.
In diesem Fall lieร sich eine Ausweitung der Bankenkrise geldpolitisch verhindern โ nur mit Liquiditรคt, ohne dass die US-Zentralbank den Leitzins senken musste. Bislang gab es also keinen direkten Zielkonflikt zwischen Inflationsbekรคmpfung und Finanzmarktstabilitรคt. Denn idealerweise wird der Leitzins nur zur Inflationssteuerung eingesetzt und Liquiditรคtsmaรnahmen nur zur Gewรคhrleistung der Finanzmarktstabilitรคt. Die Trennung funktioniert in der Realitรคt natรผrlich nicht perfekt, was sich derzeit auch beobachten lรคsst. So scheinen die Liquiditรคtsmaรnahmen zur Bankenrettung sogar einen positiven konjunkturellen Impuls in den USA geliefert zu haben.
Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch, dass die groรen Zentralbanken in Zukunft immer wieder in diesen Zielkonflikt geraten kรถnnten. Ihre Aktionen bisher haben gezeigt, dass sie sich im Zweifel immer fรผr die Finanzmarktstabilitรคt entscheiden. Vor diesem Hintergrund rechnen wir mit einer hohen Schwankungsbreite der Inflation in den kommenden Jahren, da die Zentralbanken an ihren Inflationszielen festhalten und diese in Phasen ohne Finanzmarktturbulenzen auch anstreben werden.
Von der Disinflation zum strukturellen Inflationsdruck
Die Welt hat sich innerhalb kรผrzester Zeit grundsรคtzlich gewandelt. Bis zur Wahl Donald Trumps zum US-Prรคsidenten im Jahr 2016 war sie gekennzeichnet von einer Hyperglobalisierung: Unternehmen bauten allein aus Effizienz- und Profitabilitรคtsgesichtspunkten internationale Produktionsstรคtten auf und organisierten globale Lieferketten. Die Folge war ein stark disinflationรคrer Trend. Seitdem haben, neben dem von Donald Trump initiierten Handelskrieg mit China, auch die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine die Anfรคlligkeiten und Instabilitรคten der globalen Lieferketten offenbart.
Die Marktteilnehmer โ Unternehmen und auch Staaten โ legen nun einen stรคrkeren Fokus auf die nationale Sicherheit und auf besser diversifizierte Lieferketten, was mit hรถheren Kosten und Preisen einhergehen kรถnnte. Darรผber hinaus sorgen die demografischen Trends fรผr eine anhaltende Knappheit an Arbeitskrรคften โ mit dem Risiko eines immer wieder aufflackernden Lohndrucks. Auch zeigte sich in der Vergangenheit, dass Aufrรผstungswettlรคufe und Kriege in der Tendenz inflationรคr wirken. Es gibt also viele strukturelle Faktoren, die fรผr ein grundsรคtzlich verรคndertes Inflationsumfeld sprechen.
Inflationsperspektiven
Zyklisch befindet sich die Inflation also derzeit im Abwรคrtstrend, da sich die Weltwirtschaft infolge der restriktiven Geldpolitik abschwรคcht. Dabei ist es noch offen, ob eine weiche Landung gelingt oder doch eine Rezession die Folge sein wird. Nichtsdestotrotz lรคsst sich konstatieren, dass die groรen Zentralbanken auf der geldpolitischen Bremse stehen. Sollte sich nun die Inflation im kommenden Jahr wieder den Zielwerten der Zentralbanken annรคhern โ sei es in einer weichen Landung oder durch eine Rezession โ besteht fรผr die Zentralbanken wieder Spielraum, die Leitzinsen zu senken.
Die Zentralbanken wรผrden somit von der Bremse gehen und aufs Gaspedal drรผcken. Aufgrund der genannten strukturellen Faktoren kรถnnte dann 2025 die Inflation wieder anspringen und ein neuer Zyklus wรผrde beginnen. Damit stellt sich die entscheidende Frage: Sind Anleger darauf gut vorbereitet?
Eine liquide Asset-Klasse als effektive Inflationsabsicherung
Was aber bietet einen effektiven Schutz vor Inflationsรผberraschungen? Klassischerweise wird eine Beimischung von Rohstoffen wie Gold, inflationsindexierten Anleihen, Value-Aktien oder auch von Geldmarktinvestments empfohlen. 2022 bot die Probe aufs Exempel โ aber die Bilanz fรคllt insgesamt eher ernรผchternd aus: Am ehesten hรคtte eine Portfoliobeimischung von Rohstoffen einen positiven Performancebeitrag leisten und die Verluste bei den klassischen Finanzanlagen zumindest teilweise kompensieren kรถnnen. Inflationsindexierte Staatsanleihen lieferten aufgrund ihrer Anlagendauer sogar einen negativen Ertrag. Im Vergleich zu nicht inflationsindexierten Staatsanleihen performten sie zwar besser, doch der Realzinsanstieg fรผhrte zu Verlusten, die insgesamt grรถรer waren als die Gewinne durch den Inflationsanstieg.
Auch Value-Aktien und Geldmarktinvestments verzeichneten unterm Strich eine negative Performance und konnten damit bei einer Inflation im Hochpunkt von knapp zehn Prozent keinen Beitrag zum Erhalt der Kaufkraft leisten. Eine effektive Mรถglichkeit, sich gegen Inflationsschocks abzusichern, waren kurzlaufende Inflation-Swaps. Mit Hilfe dieser liquiden Derivate lรคsst sich die Entwicklung eines Portfolios direkt an die Inflationsรผberraschungen koppeln, da die Inflation-Swaps schon die allgemeinen Inflationserwartungen eingepreist haben. Neben der Fรคhigkeit, effizient vor Inflationsรผberraschungen zu schรผtzen, zeigen kurzlaufende Inflation-Swaps in vielen Marktphasen zudem vorteilhafte Diversifikationseigenschaften gegenรผber klassischen Asset-Klassen wie Aktien und Renten.
Ein weiterer Vorteil ist, dass Anleger ihre strategische Asset-Allokation und die damit verbundenen Ertragschancen beibehalten kรถnnen. Anleger kรถnnten zusรคtzlich ein Inflation-Swap-Overlay umsetzen โ mit verbesserten Eigenschaften fรผr das Gesamtportfolio. Inflation wirkt im Kern wie eine Steuer auf Ersparnisse. Daher ist es fรผr Anleger naturgemรคร sehr schwierig, sich der kalten Enteignung zu entziehen. Aufgrund der insgesamt hohen Verschuldung und anderer struktureller Faktoren besteht ein Risiko, dass die Inflation in den kommenden Jahren wieder ein Comeback feiert. Die Erfahrungen mit Inflation-Swaps beim Managen groรer Portfolios fรผr die betriebliche Altersvorsorge zeigen, dass diese durchaus eine effiziente Mรถglichkeit sein kรถnnten, sich gegen Inflationsrisiken zu schรผtzen.
Tipp: Sie mรถchten gerne weitere Marktkommentare lesen? Dann erfahren Sie hier warum Zentralbankverluste doch eine Rolle spielen kรถnnten oder weshalb auch schwierige Zeiten Chancen fรผr Anleger bieten.
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Edgar Walk ist Chefvolkswirt im Bankhaus Metzler Asset Management.


