Montag, 01. Juni 2026

Digitaler Euro: „Die öffentliche Hand muss ein echtes europäisches System entwickeln“

Der digitale Euro kommt. Im Interview mit BANKINGNEWS spricht Burkhard Balz, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bundesbank, über neue Infrastrukturen für den Finanzmarkt, das vieldiskutierte Haltelimit und den Mehrwert des digitalen Zentralbankgeldes.

BANKINGNEWS: Herr Balz, die EU hat kürzlich ein Pilotprogramm für den digitalen Euro gestartet, an dem sich Zahlungsdienstleister beteiligen können. Wann wird der digitale Euro Realität?

Burkhard Balz: Wenn bis Ende 2026 der Gesetzgebungsprozess in Brüssel finalisiert wird – wovon ich ausgehe –, wird der digitale Euro in der Retail-Version im Jahr 2029 ausgegeben werden können. Aber wir arbeiten im Eurosystem gerade gleichzeitig an zwei Strängen: Es geht einmal um die Retail-Variante, das ist der digitale Euro für die täglichen Bezahlvorgänge der Bürgerinnen und Bürger. Außerdem wird es eine Wholesale-Variante für Großbetragszahlungen zwischen Geschäftsbanken auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie (DLT) geben. Was die Wholesale-Variante betrifft, bin ich vorsichtig optimistisch, dass das Eurosystem Ende des dritten Quartals 2026 eine erste Lösung liveschalten wird.  

Mit Initiativen wie Pontes und Appia wird in Europa an neuen Infrastrukturen für den Finanzmarkt gearbeitet. Wie nah sind wir aus Ihrer Sicht an einem produktiven Einsatz? 

Das Projekt „Pontes“, „Brücke“ im Deutschen, führt den bestehenden Zahlungsverkehr schrittweise an die tokenisierte Welt heran. Es verbindet das heutige Großbezahlungssystem des Eurosystems, das TARGET-System, mit tokenisierten Plattformen, um Transaktionen in Zentralbankgeld abzuwickeln. Wir beginnen Ende des dritten Quartals 2026 mit einer initialen Version, die wir innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre um zusätzliche Funktionalitäten weiterentwickeln werden. Mit dem zweiten Projekt „Appia“ nehmen wir die Zeit danach in den Blick. Appia zielt auf einen größeren, langfristigen Wurf: ein neues, umfassendes Finanzökosystem auf Basis von tokenisiertem Zentralbankgeld.  

„Der private Sektor hat mindestens vier Jahrzehnte in dieser Beziehung nicht geliefert.“

Aktuell werden hier zwei Zahlungsschemes gebaut – einer für den digitalen Euro und einer für Wero. Noch sind wir in Europa aber von internationalen Schemes wie Mastercard oder Visa abhängig.  

Genau, für die Zahlungsabwicklung in Europa sind wir häufig von den großen amerikanischen Anbietern abhängig, ohne die funktioniert es bis heute in vielen Bereichen eben nicht. Auch in den Euroländern, wo es bereits nationale Bezahlverfahren gibt, funktionieren diese in der Regel nur innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Das ist auch das große Problem der Girocard: ein, wie ich finde, erfolgreiches, gutes Produkt, das aber technologisch gesehen nur in Deutschland funktioniert. Für Zahlungen mit der Girocard sind Sie bereits in anderen Ländern des Euroraums auf Kooperationen mit Visa oder Mastercard angewiesen. Sie fragen nach Wero, weil viele Zahlungsdienstleister in Deutschland bei Wero mitmachen. Aber wenn Sie in Spanien, Italien oder Skandinavien sind, findet Wero dort bisher nicht statt, stattdessen gibt es andere nationale digitale Bezahlverfahren. Insgesamt haben wir in Europa einen ziemlichen Flickenteppich an nationalen Bezahlverfahren, aber nichts, was länderübergreifend funktioniert. 

Wäre eine andere Arbeitsteilung nicht sinnvoller gewesen? Dass etwa die EZB, die Bundesbank und Europa die Autobahn bauen – also den Scheme für grenzüberschreitenden europäischen Zahlungsverkehr – und die private Wirtschaft die Autos, die über diese Autobahn fahren sollen, also die Zahlungssysteme, bereitstellt? 

Im Grunde wird das genauso sein. Mit dem Projekt Digitaler Euro stellen wir eine Infrastruktur bereit. Die kann von Banken und anderen Zahlungsdienstleistern genutzt werden, um europaweit und in allen Bezahlsituationen Zahlungen für Kunden abzuwickeln. Allerdings werden wir den Bürgerinnen und Bürgern über diese Infrastruktur auch den Euro als Zentralbankgeld zugänglich machen. Ähnlich funktioniert es heute schon beim Bargeld. Wenn Sie fragen, ob es unbedingt die Zentralbanken des Eurosystems sein müssen, die ein Zahlungsangebot bereitstellen. Hier muss ich leider feststellen: Der private Sektor hat in dieser Hinsicht seit mindestens vier Jahrzehnten nicht geliefert. Wir hatten durchaus gute Ansätze, zum Beispiel die Eurocard. Das war schon echt europäisch gedacht. Doch dann haben die Banken die Technologie dahinter an Mastercard verkauft und die Markenrechte nach Schweden. Man hat diesen echten gesamteuropäischen Ansatz nicht weiterverfolgt – schade. Als ich im Jahr 2018 bei der Bundesbank begonnen habe, habe ich in meinem ersten Interview klar gesagt: Wir brauchen ein echtes europäisches Bezahlverfahren. Damals wurde man zum Teil noch belächelt, wenn man über Souveränitäts- und Resilienzfragen gesprochen hat. Für mich war aber immer klar, dass wir hier zu einem echten europäischen System kommen müssen. Deswegen waren die Bundesbank und ich persönlich auch von Anfang an Unterstützer von Wero. 

Wie schätzen Sie die Erfolgschancen von Wero und anderen privaten Initiativen ein? 

Wero und andere Initiativen entwickeln sich noch. Ich wünsche mir, dass sie Erfolg haben werden. Aber von unserer heutigen Perspektive aus können wir nicht sagen, dass es am Ende auch so kommen wird. Und wir brauchen vor allem ein Verfahren, das sicher überall in Europa funktioniert. Deswegen sage ich Ihnen ganz klar: Die öffentliche Hand muss hier ein echtes europäisches System entwickeln. Das tun wir gerade mit dem digitalen Euro.  

„Wir müssen uns so positionieren, dass wir ein unabhängiges, auf europäischer Infrastruktur laufendes System haben.“

Wie wird sichergestellt, dass der digitale Euro nicht zur Konkurrenz, sondern zur Ergänzung des bestehenden Bankensystems wird? Insbesondere auch mit Blick auf Initiativen wie zum Beispiel Wero. 

Die Frage ist, ob wir wirklich konkurrieren oder ob wir uns am Ende nicht als Partner verstehen. Von staatlicher Seite, und das sind eben die Zentralbanken, müssen wir uns so positionieren, dass wir ein unabhängiges, auf europäischer Infrastruktur laufendes System haben. So wie wir heute das Fundament der Bargeldinfrastruktur bereitstellen, werden wir auch die Infrastruktur für den digitalen Euro bereitstellen. Banken und andere Zahlungsdienstleister stellen dann den direkten Kontakt zu den Kundinnen und Kunden her. Sie bleiben also die zentrale Anlaufstelle für Privatpersonen, Unternehmen und den Handel und bieten die dazugehörigen Zahlungsdienste an. Dazu gehören zunächst grundlegende, gebührenfreie Basisdienste wie Zahlungen im Handel, online oder zwischen Privatpersonen. Darüber hinaus können Banken und Zahlungsdienstleister eigene Mehrwertdienste entwickeln. So bleibt ausdrücklich Raum für Wettbewerb und Innovation im privaten Sektor. Auch wirtschaftlich ist das System so angelegt, dass Zahlungsdienstleister Anreize haben, sich zu beteiligen. Die Finanzierung erfolgt – ähnlich wie bei heutigen digitalen Zahlungsmitteln – über Händlerentgelte, deren Höhe allerdings reguliert wird. Gleichzeitig wurden im Gesetzgebungsprozess Bedenken der Kreditwirtschaft aufgegriffen, etwa durch ein differenziertes Vergütungsmodell und mehr Flexibilität bei der Ausgestaltung von Dienstleistungen. 

Ein weiterer Diskussionspunkt beim digitalen Euro ist die Finanzstabilität, insbesondere die Frage möglicher Haltelimits. In den Diskussionen geht es immer wieder um ein mögliches Haltelimit von 3.000 Euro. 

Eine Sache möchte ich klarstellen: Diese 3.000 Euro sind in keiner Weise in Stein gemeißelt. Über das Haltelimit wird erst entschieden, wenn das Verordnungspaket in Brüssel verabschiedet wurde und der EZB-Rat die formale Entscheidung für die Einführung eines digitalen Euro getroffen hat. Ich verstehe, wie wichtig das Thema für die Banken ist, weil man natürlich übermäßigen Liquiditätsabfluss vermeiden will. 

Heißt das, ein Haltelimit von 3.000 Euro ist inzwischen eher unwahrscheinlich? 

Mittlerweile diskutieren wir eher über ganz andere, niedrigere Beträge. Wir haben uns das alles angeschaut. Für das deutsche Bankensystem wäre selbst das Haltelimit von 3.000 Euro am Ende überhaupt kein Problem, die Kreditvergabe würde dadurch nicht beeinflusst werden. In Deutschland haben wir die Situation, dass es sich knapp die Hälfte der Bevölkerung überhaupt nicht leisten kann, 3.000 Euro in eine Wallet für den digitalen Euro einzuzahlen. Wir als Zentralbanken des Eurosystems sind für die Überwachung der Finanzstabilität unseres jeweiligen Landes zuständig und wir werden eine faire Regelung finden. Am Ende wird sicherlich ein Haltelimit stehen, mit dem auch die Banken und Sparkassen leben können.  

Viele Bürgerinnen und Bürger sehen beim digitalen Euro bislang keinen klaren Mehrwert gegenüber bestehenden Zahlungsmethoden. Welchen Mehrwert hat denn ein digitaler Euro für die Bundesbürger und wie schlägt sich das in Kommunikation und Marketing nieder? 

Ich bin tatsächlich sogar der Meinung, dass die Umfragewerte gar nicht so schlecht sind und viele Menschen vom digitalen Euro oder dem Projekt gehört haben – da sind wir schon bei rund 50 Prozent. Und wie gesagt, wir stehen noch etwa drei Jahre vor dem wahrscheinlichen Go-Live. Natürlich muss da noch eine Menge an Marketing gemacht werden. Was den Mehrwert für die Bürgerinnen und Bürger angeht, hat der digitale Euro einiges zu bieten: Er würde mehr Wahlfreiheit, Sicherheit und europäische Souveränität im Zahlungsverkehr mit sich bringen. Er könnte für Zahlungen im Ladengeschäft, im Onlinehandel und von Person zu Person im gesamten Euroraum verwendet werden, und das auch offline, sprich ohne Internetverbindung. Außerdem wird der digitale Euro so konzipiert, dass er ein Höchstmaß an Privatsphäre gewährleistet – insbesondere bei Offline-Zahlungen, die weitgehend anonym wie Bargeld erfolgen könnten. 

„In Schweden gibt es eine Bargeldnutzung von acht bis neun Prozent. Ist dann damit das Bargeld abgeschafft?“

Besteht Ihrer Ansicht nach die Gefahr, dass die Einführung des digitalen Euros zum Brandbeschleuniger bei der Abschaffung von Bargeld wird? 

Die Fakten sprechen dagegen. In Schweden etwa gibt es eine Bargeldnutzung von nur acht bis neun Prozent. Ist dann damit das Bargeld abgeschafft? Die Frage ist eher: Wird Bargeld weiterhin flächenmäßig und in der Breite akzeptiert bleiben? Für mich ist es am Ende kein Thema, ob wir jetzt 20 Prozent Bargeldnutzung haben oder 35 Prozent. Für mich ist es ein Thema, dass die Menschen weiterhin die Wahlfreiheit haben, mit Bargeld zu bezahlen. Deswegen finde ich persönlich auch die Adressierung dieses Themas in dem Gesetzesvorschlag, dem sogenannten „Single Currency Package“, der Europäischen Kommission gut. Hier soll auch die Rolle des Bargelds gestärkt werden, beispielsweise durch eine Annahmepflicht für den Handel. Und ich glaube, es muss sichergestellt werden, dass eine Bargeldakzeptanz weiterhin in Fläche und Breite gegeben sowie gewährleistet wird. Wir als Bundesbank haben ein Mandat, die Bargeldversorgung in Deutschland sicherzustellen. Diesen Sorgeauftrag nehmen wir sehr ernst und so werden wir weiterhin in das Bargeld investieren.

Können Sie hier konkrete Beispiele nennen? 

Wir haben beschlossen, neue Filialen zu errichten. Die Filialen der Bundesbank sind das Rückgrat der Bargeldversorgung. Auf der Eurosystem-Ebene arbeiten wir gerade an der Einführung der dritten Banknotenserie. Wenn es hierzu Ende dieses Jahres eine positive Entscheidung des EZB-Rates geben wird – wovon ich ausgehe –, werden wir Anfang der 2030er Jahre die ersten neuen Banknoten der dritten Serie sehen. Das machen Sie nicht, wenn Sie nicht vollumfänglich an die Zukunft des Bargelds glauben. Die Menschen wollen weiterhin mit Bargeld zahlen. Dass die Nutzung in einer zunehmend digitalisierten Welt abnimmt, ist für mich ganz normal. Aber bei uns steht eben am Ende nicht irgendwo eine harte Zahl oder ein Prozentsatz. Wichtig ist Akzeptanz auf der einen Seite und, das ist wirklich auch für die Bundesbank das wichtigste Thema, dass Menschen auch in Zukunft Wahlfreiheit haben, wie und womit sie bezahlen möchten. 

Stablecoins gewinnen international zunehmend an Bedeutung, gerade im Kontext von schnellen und kostengünstigen Transaktionen. Welche Rolle spielen sie aus Ihrer Sicht künftig im globalen Zahlungsverkehr? 

Stablecoins werden vor allem im Bereich des Krypto-Universums für Zahlungen genutzt. In den USA setzt man zunehmend gezielt auf Stablecoins. Im Eurosystem sind wir dabei, für uns die Situation zu analysieren und Entscheidungen zu treffen, wie wir damit auch in der Praxis umgehen. Ich bin da selbst pragmatisch unterwegs. Wir haben einige Initiativen in Europa mit, aus meiner Sicht, großen, auch sehr vertrauenswürdigen Anbietern, die bei diesen Initiativen mitmachen wollen. Ich denke, wir sollten dabei auch ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein mitbringen – natürlich immer vor dem Hintergrund, dass wir die Risiken analysiert haben, aber eben, dass wir dann auch einen größeren Anteil von Euro-denominierten Stablecoins bekommen. Momentan ist das ein Geschäft, was fast komplett USD-denominiert ist.  

Grenzüberschreitende Zahlungen gelten nach wie vor als langsam, teuer und wenig transparent. Sehen Sie da am Horizont eine deutliche Verbesserung? 

Eindeutig ja. Das Thema grenzüberschreitender Zahlungen ist in der Welt der Zentralbanken ganz weit oben angesiedelt. Regulatorisch, also im Komitee für Zahlungsverkehr und Marktinfrastrukturen bei der BIZ, ist das die Top-Priorität. Wie kann man die einzelnen Systeme und zukünftig auch die neuen Zahlungsverkehrssysteme natürlich miteinander verknüpfen? Diese Interoperabilität ist bereits da, muss aber weiter ausgebaut werden. Das ist ein entscheidender Punkt. Ich bin relativ optimistisch, Punkt. dass es gelingen wird. Zum Beispiel arbeiten wir als Eurosystem daran, unser Echtzeitzahlungssystem TIPS – TARGET Instant Payment Settlement – mit anderen Ländern zu verknüpfen. Verbindungen mit Indien und der Schweiz sind in Arbeit, andere Länder werden folgen. Perspektivisch wird auch weiterhin die Verknüpfung mit unseren direkten Nachbaren und globalen Partnern Priorität haben. 

Burkhard Balz, Deutsche Bundesbank 

Burkhard Balz ist seit 2018 Vorstandsmitglied bei der Deutschen Bundesbank und verantwortet dort die Ressorts Bargeld, Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme, Digitaler Euro sowie das Zentrum für internationalen Zentralbankdialog. Aktuell ist er neben weiteren Funktionen auch Mitglied der High Level Taskforce des Eurosystems zu digitalen Zentralbankwährungen und stellvertretendes Mitglied des Verwaltungsrats der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Zuvor war Burkhard Balz unter anderem Mitglied des Europäischen Parlaments. 

Deutsche Bundesbank

Gründung: 1957
Bilanzsumme: 2.348.978 Mio. €
Mitarbeiter: 10.333
Währungsreserven: 481,8 Mrd. €
(Stand: 2025)

Foto: Deutsche Bundesbank / © Walter Vorjohann

Thorsten Hahn, Jahrgang 1967, ist Herausgeber der BANKINGNEWS und Gründer des BANKINGCLUB. In seinem Editorial „Quer durch die Bank“ bezieht er regelmäßig zu den Themen Stellung, die die Welt der Finanzen bewegen.

Der Profinetzwerker zählt auf Plattformen wie XING und Linkedin zu den Nutzern mit der besten Vernetzung in die Finanzbranche. Wie kein Zweiter versteht er dieses Netzwerk zu nutzen und auch anderen zugänglich zu machen.

Außerdem ist der erfahrene Banker und Diplom-Kaufmann Autor verschiedener Fachbücher und Buchbeiträge.

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