Die Richtlinie (EU) 2023/2225 über Verbraucherkreditverträge (Consumer Credit Directive 2, CCD2) ist weit mehr als eine punktuelle regulatorische Anpassung – es handelt sich um die weitreichendste Reform des europäischen Verbraucherkreditrechts seit 2008. Sie adressiert fundamentale Marktveränderungen wie die Digitalisierung der Kreditprozesse und das Aufkommen neuer Plattformmodelle. Die Kernziele der Richtlinie umfassen ein höheres Verbraucherschutzniveau, die Harmonisierung des EU-Binnenmarktes, die Einbeziehung neuer Geschäftsmodelle in den regulatorischen Rahmen sowie Beiträge zu den UN-Nachhaltigkeitszielen.
Die CCD2 schließt wesentliche Schutzlücken der Vergangenheit, indem sie bisher ausgenommene Finanzierungsformen vollumfänglich reguliert. „Buy Now, Pay Later“-Angebote (BNPL), Kleinkredite unter 200 Euro, kostenlose sowie zinsfreie Kredite, Kredite mit Kurzlaufzeiten von bis zu drei Monaten und das Agility-Leasing fallen unter diese neuen, strengeren Verbraucherschutzvorschriften.
Neue Formvorschriften und Informationspflichten
Ein zentraler Aspekt der Reform ist die Anhebung des Prüfstandards auf das Niveau der Wohnimmobilienkreditrichtlinie. Eine Kreditvergabe ist fortan nur noch zulässig, wenn die Rückzahlung als „wahrscheinlich“ eingestuft wird. Hierfür sind genaue Informationen zu Einkommen, Ausgaben und finanziellen Umständen notwendig. Zwar dürfen Banken externe Datenquellen nutzen, die Auswertung sozialer Netzwerke ist jedoch explizit verboten.
Für Allgemein-Verbraucherdarlehen reicht künftig die Textform aus, was digitale Vertragsabschlüsse ohne qualifizierte elektronische Signatur deutlich erleichtert. Wichtig ist jedoch, dass Verbraucher ihre Zustimmung aktiv und eindeutig erteilen; passive Zustimmungen bleiben unzulässig. Parallel werden die vorvertraglichen Pflichtangaben massiv erweitert. Dies umfasst digitale Darstellungsanforderungen, Informationen zu Koppelungsprodukten und explizite Hinweise auf Überschuldungsrisiken.
Die CCD2 begrenzt das Widerrufsrecht – während es bei einer fehlerhaften Belehrung bisher faktisch unbefristet war, gilt nun eine Erlöschensfrist von maximal 12 Monaten und 14 Tagen nach Vertragsschluss. Auch Dispokredite werden strenger reguliert. Hier gilt künftig eine 30-tägige Kündigungsfrist. Zudem haben Verbraucher das Recht, in Anspruch genommene Beträge in 12 Monatsraten zurückzuzahlen. Mitgliedstaaten sind außerdem verpflichtet, Verbraucher durch Zinsobergrenzen oder ähnliche Maßnahmen vor extremen Kosten zu schützen.
Neue Gesetze und Pflichten in Deutschland
In Deutschland führt die Umsetzung der CCD2 zum neuen Absatzfinanzierungsaufsichtsgesetz (AbsFinAG), das BNPL-Anbieter und Absatzfinanzierer unter die Aufsicht der BaFin stellt. Für Kreditvermittler greift eine neue Erlaubnispflicht (§ 34k GewO). Zudem müssen Banken künftig bei Zahlungsschwierigkeiten proaktiv Nachsichtsmaßnahmen wie Umschuldungen, Zinsstundungen oder Ratenpausen anbieten.
Für Kreditinstitute, die BNPL-Lösungen direkt anbieten oder als Kooperationsbanken für Händler und Fintech-Plattformen fungieren, entstehen besonders umfangreiche Anpassungsbedarfe. Neben der zivilrechtlichen Einbeziehung in das Verbraucherdarlehensrecht unterliegen diese Geschäftsmodelle der neuen aufsichtsrechtlichen Regulierung durch das AbsFinAG. Dies erfordert eine grundlegende Überprüfung bestehender Kooperationsverträge, Prozessverantwortlichkeiten und Compliance-Strukturen.
Die Richtlinie ist am 20. November 2023 in Kraft getreten und musste von den Mitgliedstaaten eigentlich bis zum 20. November 2025 in nationales Recht umgesetzt werden. In Deutschland wurde die Umsetzung am 17. April 2026 durch den Bundestag verabschiedet und führt zum neuen Absatzfinanzierungsaufsichtsgesetz (AbsFinAG), das BNPL-Anbieter und Absatzfinanzierer unter die Aufsicht der BaFin stellt. Die neuen Vorschriften müssen von Kreditgebern ab dem 20. November 2026 zwingend angewendet werden. Da den Kreditinstituten somit nur eine sehr knappe Übergangsfrist nach dem nationalen Inkrafttreten verbleibt, stehen sie vor gewaltigen operativen Herausforderungen. Kreditvergabesysteme, CRM-Plattformen und Scoringmodelle müssen umfassend angepasst werden und entsprechende Umsetzungsprogramme zeitnah gestartet werden, um bis zum verpflichtenden Anwendungsdatum eine strukturierte und vollständige Umsetzung zu gewährleisten. Die CCD2 eröffnet aber auch Möglichkeiten zur Digitalisierung von Kreditprozessen, zur Modernisierung des Produktportfolios und zur Stärkung des Kundenvertrauens durch transparentere und faire Kreditpraktiken.
Ralf Temporale ist Country Lead Deutschland bei der Projective Group.



