Samstag, 04. April 2026
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KI ist wie Statistik auf Speed

Es wird mal wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Nachdem bei vielen Banken die notwendige Transformation in den letzten Jahren vor allen Dingen durch die Themen Digitalisierung und agiles Arbeiten geprรคgt war, gibt es nun ein neues Hype-Thema: Kรผnstliche Intelligenz, kurz KI, oder auch Big/Smart Data oder Advanced Analytics genannt. Bitte nicht falsch verstehen: Die Mรถglichkeiten, die KI bietet, sind enorm. Und die potenziellen Auswirkungen auf die Bankenlandschaft damit auch. Der Hype ist also gerechtfertigt.

Aber die Diskussionen in der Bankindustrie und der oftmals damit einhergehende Aktionismus zeigen auch, dass zumeist ein eher rudimentรคres Verstรคndnis darรผber vorherrscht, was KI tatsรคchlich ist. KI ist nichts anderes als ein Werkzeug, mit dem statistische und zum Teil selbstlernende Verfahren auf einer performanten IT-Infrastruktur durchgefรผhrt werden.

Banken haben KI schon immer genutzt

Dabei haben Banken statistische Verfahren โ€“ und somit KI โ€“ schon immer genutzt. Banken waren sogar frรผher Kompetenzfรผhrer in diesem Feld. So werden im Risikomanagement schon seit Jahrzehnten statistische Verfahren zur Berechnung von Kredit- oder Marktpreisrisiken genutzt, zum Beispiel mittels logistischer Regressionen oder Zeitreihenanalysen. So neu ist die Sau im Dorf also gar nicht. Neu ist allerdings das viel grรถรŸere Skalierungspotenzial durch den Fortschritt bei der Hardware. Die heutige KI ist gewissermaรŸen โ€žStatistik auf Speedโ€œ.

Eine weitere Neuerung liegt in den Anwendungsfeldern. KI nimmt im Vertriebsumfeld im Sinne einer ganzheitlichen kundenzentrierten Betreuung eine immer wichtigere Rolle ein, gleichermaรŸen eine 360-Grad-Sicht. So ist eine automatisierte und strukturierte Auswertung der Daten mit Hilfe von KI der Beginn von quantitativer Kundenzentrierung und mรผndet schlieรŸlich in einer individualisierten und somit besseren Beratung fรผr den Kunden.

โ€žBankkunden werden auch heute noch von einigen Instituten mit generischen Kontobeilegern bombadiert.โ€œ

Die relevanten Daten sammeln Banken schon seit Jahrzehnten, allerdings nutzen sie diese bisher nicht strukturiert. Stattdessen werden Bankkunden auch heute noch von einigen Instituten mit generischen Kontobeilegern bombardiert. Wie es besser funktioniert, machen uns die Konzerne aus dem Silicon Valley seit Jahren vor. Bei Amazon heiรŸt es dann etwa: โ€žKunden, die das angesehen haben, haben auch jenes angesehenโ€œ.

Dass diese Anzeigen meist chirurgisch prรคzise sind, ist kein Zufall. Sie sind Ergebnis einer bereits vor Jahren umgesetzten stringenten KI-Strategie, bei der in Millisekunden Millionen von individuell gesammelten Datenpunkten mit Millionen von Datenpunkten aller Nutzer in Echtzeit abgeglichen werden. Das Ganze nennt sich โ€žNext-Best-Actionโ€œ oder โ€žNext-Best-Offerโ€œ. Die Zielgruppe ist tot, es lebe das Individuum.

KI kann Kosten senken und Ertrรคge steigern

Den Einsatzfeldern, auch im Bankgeschรคft, sind dabei keine Grenzen gesetzt: Wie wรคre es mit einer Lebenspartnersuche auf Basis der Kontoumsatzdaten, der passenden Zuordnung von Berater und Kunde auf Basis von Interessensprofilen oder einfach mit einem optimalen Produkt-Kanal-Mix? Beispielsweise kรถnnten so Menschen zusammengebracht werden, die รคhnliche Hobbies haben, gleiche Filme oder Musik mรถgen oder einfach eine รคhnliche Risiko- und Sparneigung haben. All diese Schlรผsse lassen sich, mit etwas Aufwand, aus den Kontoumsรคtzen ziehen. Fรผr einen Data Scientisten macht es keinen Unterschied, ob er Produkte, Kreditausfรคlle oder Liebe prognostizieren soll. Am Ende steht immer eine Wahrscheinlichkeit in Prozent.

Worum geht es dann also bei der Aufregung um Kรผnstliche Intelligenz? Es ist weniger die Methodik als die Hoffnung vieler Fรผhrungsmannschaften, รผber KI alle Herausforderungen, denen sich die Banken heute gegenรผbersehen, mit einem einzigen Instrument bewรคltigen zu kรถnnen. Denn richtig eingesetzt, kann KI die Kosten senken und gleichzeitig die Ertrรคge steigern.

Aber wie bei vielen Dingen ist der Weg von der Theorie zur Praxis beschwerlich und es lauern viele Fallstricke. Denn auch wenn die Methode nicht neu ist, die Integration in bestehende Bankprozesse und in die Expertenkultur einer Bank ist eine groรŸe Herausforderung. Was sollten Sie beachten, wenn Sie KI in Ihrem Haus einfรผhren wollen? Basierend auf meinen Erfahrungen und Beobachtungen als Risikomanager, Berater, Digital Leader und Data Scientist habe ich meine fรผnf wichtigsten Erkenntnisse zusammengestellt โ€“ aber natรผrlich gilt auch hier: Es gibt kein Patentrezept, denn jede Bank ist anders.

Starten Sie mit einem relevanten Anwendungsfall

KI ist ein Werkzeug, wie ein Hammer. Niemand wรผrde auf die Idee kommen, mit einem Hammer eine Schraube in die Wand zu nageln. Mit KI wird aber immer wieder so verfahren. Die Anwendungsgebiete (Use Cases) stammen meist erratisch aus der Organisation. In der Regel ist der Nutzen oder die Machbarkeit solcher Use Cases eher gering.

Um den besten Use Case auszuwรคhlen, eignet sich daher vielmehr ein strukturierter Workshop mit den relevanten Sponsoren beziehungsweise Fรผhrungskrรคften. Die Priorisierung mรถglicher Anwendungsfรคlle wird dabei รผber ihre Wirkung (etwa Ertrรคge, Kosten, Leuchtturmcharakter) und Machbarkeit (Datenverfรผgbarkeit, Regulatorik, Infrastruktur) abgeleitet.

Stellen Sie den Geschรคftsnutzen in den Vordergrund

Viele KI-Projekte starten mit langjรคhrigen und teuren Infrastrukturprojekten. Warum? Weil die meiste Kompetenz in der IT sitzt oder IT der Treiber ist. Problematisch dabei ist, dass die Frรผchte der Arbeit erst spรคt und kostenaufwendig geerntet werden. Sinnvoller wรคre es, pragmatisch zu starten und die notwendige Basis, wie etwa ein Data Warehouse oder Extract-Transform-Load-Prozesse (ETL), nachzuziehen. Fokussieren Sie sich auf das Datenverstรคndnis

Data Science wird oft mit Modellierung von neuronalen Netzen oder modernen Modellen assoziiert. Dabei wissen erfolgreiche Data Scientisten, dass die Modellgรผte, also die โ€žPrediction Powerโ€œ, zu rund 80 Prozent im Datenverstรคndnis steckt. Anstatt also das nรคchste Hidden Layer im neuronalen Netz zu programmieren, sollte lieber geprรผft werden, ob alle Daten und Kombinationen hinreichend ausgeschรถpft sind.

Fangen Sie mit Kerndaten an

Bevor Social-Media- oder auch Cookie-Daten integriert oder externe Daten dazugekauft werden, sollten zunรคchst einmal alle verfรผgbaren Daten aus dem Kernbanksystem ausgelesen werden. Die Informationen รผber Umsรคtze oder Produktnutzung sind meist umfassender als aus anderen (externen) Datenquellen. Darรผber hinaus ist die Datenqualitรคt im Kernbanksystem vergleichsweise gut und die Historie stabil. Faktoren, die auch wichtig fรผr ein gutes Datenverstรคndnis sind und somit elementar fรผr ein gutes Modell.

Beziehen Sie den Endanwender mit ein

Der Klassiker unter den Fallstricken ist, Data Science im stillen Kรคmmerchen zu betreiben. Das Wichtigste fรผr einen erfolgreichen KI-Use-Case ist also, den Fachbereich als Endanwender von Anfang bis Ende einzubinden. Sonst wird die Lรถsung mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Fachbereichen abgelehnt, egal wie gut sie ist.

Und damit kommen wir zur grรถรŸten Herausforderung bei KI: der Schaffung eines gemeinsamen Verstรคndnisses und echter Akzeptanz zwischen Fachbereich und Data Scientisten. Fรผr uns als Bankmitarbeiter heiรŸt es also im Umgang mit dem KI-Hype, so schnell wie mรถglich die theoretische Ebene zu verlassen und echte relevante KI-Lรถsungen mit der Organisation zu entwickeln. Nur dann ist es mรถglich zu begreifen, was hinter der Methode steckt und vor allen Dingen, wie diese im Bankalltag helfen kann. Denn das haben die Hype-Themen Digitalisierung, agiles Arbeiten und KI gemeinsam: Neue Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.

Damian Beldycki ist Head of Data Analytics bei der Deutschen Apotheker- und ร„rztebank eG. Er absolvierte ein Mathematikstudium an der Universitรคt Wรผrzburg und ein MBA-Studium an der WHU โ€“ Otto Beisheim School of Management in Vallendar. AnschlieรŸend arbeitete er im Risikomanagement der Santander Consumer Bank und als Consultant bei der Boston Consulting Group, bevor er 2015 zur apoBank stieรŸ.

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