BANKINGNEWS: Welche Anforderungen formulieren Unternehmenskunden aktuell gegenüber ihren Banken im Cash Management?
Marko Wenthin: Unternehmenskunden erwarten im Cash Management heute eine durchgängige Liquiditätsübersicht in Echtzeit über Konten, Währungen und Banken hinweg sowie ergänzt um intelligente Empfehlungen, die auf Optimierungspotenziale und Risiken hinweisen. Parallel wächst der Bedarf an Echtzeit-Liquidität, damit Auszahlungen, interne Verrechnungen und Pooling Strukturen unmittelbar steuerbar sind. Ebenso zentral ist ein modernes, integriertes Nutzererlebnis: intuitive Portale mit Self Service, nahtloses Enterprise Resource Planing (ERP) und Treasury-Anbindung, kontextbezogene Workflows für Payments und FX sowie robuste Kontoverwaltung. Global agierende Unternehmen verlangen zudem Multi-Entity und Multi-Country-Fähigkeit. Und: Die Service-Exzellenz der Bank, etwa in KYC, AML und Zahlungsrecherchen, muss das funktionale Angebot auf gleichem Niveau begleiten.
Wie fügt sich die Cash-Management-Lösung von SAP Fioneer in die Gesamtstrategie der digitalen Transformation von Banken ein?
Die Cash-Management‑Lösung von SAP Fioneer unterstützt Banken dabei, sich vom reinen Produktanbieter zum Plattform‑Partner zu entwickeln. Sie vereint physisches Cash Pooling, Notional Pooling und Virtual Accounts auf einer konfigurierbaren und skalierbaren Plattform. Dank Multi‑Currency/Multi‑Country und Integrationsfähigkeit mit der SAP Fioneer Kernbankenlösung sowie anderen Lösungen passt sie in komplexe Legacy‑Landschaften. Die modulare, BIAN‑konforme Architektur erlaubt Cloud‑ oder On‑Premises‑Betrieb und beschleunigt die Einführung neuer Services. Über die tiefe SAP‑ERP‑Integration rücken Banken näher an die Prozesse ihrer Unternehmenskunden: ein klarer Hebel für Effizienz und Differenzierung.
Was kann Virtual Account Management (VAM) ermöglichen?
Virtual Account Management hebt das Cash Management auf ein neues Niveau, weil es Transparenz und Steuerbarkeit zusammenbringt. Unternehmen erhalten eine Liquiditätsübersicht in Echtzeit und können Zahlungsströme entlang von Gesellschaften, Geschäftsbereichen, Produkten oder Projekten strukturieren, ohne für jeden Zweck ein weiteres physisches Konto zu führen. Das macht Prozesse schlanker und senkt Kosten, zugleich wird der Zahlungsabgleich spürbar besser: Eingänge lassen sich schneller und eindeutiger zuordnen und offene Posten werden zügiger geklärt. In Verbindung mit Echtzeit‑Cash‑Konzentration steht Liquidität dort bereit, wo sie gebraucht wird. Das sorgt für geringere Überziehungsgebühren und ein effizienteres Working Capital. Ein großer Vorteil ist die Agilität im Setup. Programmierbare Kontoeröffnungen und ‑schließungen erlauben Anpassungen in Minuten statt Tagen. Starke Self‑Service‑Funktionen geben Treasury‑Teams mehr Autonomie, während Banken operativ entlastet werden. Für komplexe Strukturen unterstützen POBO/COBO und In‑House‑Banking effiziente „on‑behalf‑of“-Prozesse. Regulierte Branchen können Kundengelder sauber segregieren, ohne für jeden Kunden ein physisches Konto führen zu müssen. Fintechs und Marktplätze nutzen VAM als Basis für E‑Wallets und Wallet‑Strukturen, um Käufer‑/Verkäufer‑Transaktionen und Settlement schlank abzuwickeln. Sogar zeitlich begrenzte Anwendungsfälle etwa Ausschreibungen, Schiedsverfahren oder M&A lassen sich über transaktionale virtuelle Konten sauber trennen und steuern. Kurz gesagt: VAM verbindet Echtzeit‑Transparenz, smarten Zahlungsabgleich, Cash-Konzentration und flexible Kontostrukturen zu einem konsistenten Steuerungsmodell. Unternehmen gewinnen Geschwindigkeit und Kontrolle, Banken differenzieren ihr Angebot mit kontextbezogenen Services, und beides zusammen erhöht die Mandatsfähigkeit sowie die Kundenbindung im Cash Management.
„Wir haben Implementierungen gesehen, die innerhalb von nur vier Monaten vollästndig live gingen“
Wird das Produkt in das bestehende Online-Banking des Firmenkunden integriert, und wenn ja, wie aufwändig ist das?
Ja, das Produkt wird direkt in das bestehende Online‑Banking für Firmenkunden integriert. Technisch erfolgt die Einbindung über APIs mit umfangreicher Geschäftslogik und modular aufgebauten Services, sodass die Funktionen nahtlos in die bestehende Nutzeroberfläche übernommen werden können. Alternativ kann ein White‑label‑fähiges Portal ausgerollt werden. Standardisierte Schnittstellen verkürzen die Implementierung deutlich. Der Migrationspfad ist flexibel vom Big‑Bang bis zur inkrementellen Einführung parallel zu Legacy‑Systemen und bleibt in der Regel nicht‑disruptiv für den laufenden Betrieb.
Wie viel KI steckt heute schon in dem Tool?
Schon heute nutzt die Lösung KI‑gestützten Zahlungsabgleich mit predictive matching, um Eingänge schneller und genauer zuzuordnen. Machine‑Learning‑Modelle unterstützen Betrugs- und Anomalieerkennung in Echtzeit. Zudem hilft KI bei der automatisierten Erstellung von Kontohierarchien, etwa aus hochgeladenen Daten. Das spart Zeit und reduziert Fehler. Auf der Roadmap stehen generative KI-Funktionen, die künftig einen echten Smart Assistant ermöglichen. Dabei geht es um Themen wie natürliche Sprachinteraktion, die Analyse von Cashflows in Alltagssprache oder die Generierung intelligenter Handlungsempfehlungen. Das Ziel ist, Treasury- und Cash-Management-Teams nicht nur operative Arbeit abzunehmen, sondern ihnen auch inhaltlich zu helfen; etwa durch Interpretationen, Prognosen oder konkrete Optimierungsvorschläge.
Wie lange dauert es, bis die Unternehmenskunden der Bank das Produkt nutzen können?
Die Dauer bis zur Nutzung hängt immer ein Stück weit vom Ausgangspunkt der jeweiligen Bank ab. Wir haben Implementierungen gesehen, die innerhalb von nur vier Monaten vollständig live gingen; das war unser bisher schnellstes Projekt. In komplexeren Systemlandschaften kann es etwas länger dauern, vor allem dann, wenn mehrere Legacy Systeme angebunden oder interne Prozesse parallel modernisiert werden müssen. Grundsätzlich ist die Lösung durch vorkonfigurierte Module und die standardisierte APIs so aufgebaut, dass sie eine schnelle Einführung erlaubt.
„Unternehmen erwarten zunehmend, dass Daten dort verfügbar sind, wo Entscheidungen getroffen werden, und zwar ohne Verzögerung“
Welche Entwicklungen sehen Sie im Cash Management in den nächsten fünf Jahren, und welche Rolle könnte Embedded Finance dabei spielen?
Ich denke, wir stehen im Cash Management vor einer Phase tiefgreifender Veränderungen. In den nächsten fünf Jahren wird sich das Zusammenspiel zwischen Unternehmen, Banken und digitalen Ökosystemen noch einmal deutlich intensivieren. Embedded Finance spielt dabei eine Schlüsselrolle, weil es Banken ermöglicht, Finanzdienstleistungen nahtlos in operative Systeme zu integrieren. Dadurch entstehen für Unternehmen deutlich effizientere Abläufe und für Banken neue Touchpoints, um relevanter zu werden und Mehrwert zu schaffen. Eine der wichtigsten Entwicklungen wird die zunehmende Echtzeit-Verfügbarkeit von Cash und Zahlungsdaten sein, und zwar nicht mehr nur innerhalb einzelner Bankensysteme, sondern über komplette Wertschöpfungsketten hinweg. Unternehmen erwarten zunehmend, dass Daten dort verfügbar sind, wo Entscheidungen getroffen werden, und zwar ohne Verzögerung. Diese Echtzeit-Konnektivität wird zu einem zentralen Baustein moderner Liquiditätssteuerung. Digitale Währungen und Blockchain Settlement werden konkrete Anwendungsfälle im Corporate Cash Management finden, etwa bei Cross-Border-Zahlungen oder programmierbaren Liquiditätsprozessen. Wir arbeiten hierfür eng mit Banken, Infrastrukturanbietern und Zentralbanken zusammen, um dieses entstehende Ökosystem aktiv mitzugestalten.

Marko Wenthin
Marko Wenthin ist Partner Banking Solutions bei SAP Fioneer und verantwortet das Geschäft in DACH & CEE. Zuvor war er Vorstand der solarisBank und Vorstand der Deutschen Handelsbank. Er war außerdem CEO und Gründer der GroupPlatina GmbH, bei der er die Sofort Bank ins Leben rief. Davor war er COO und Vorstandsmitglied der Deutsche Bank PBC S.A. in Polen.
Maria Scherban absolvierte ihr redaktionelles Volontariat beim BANKINGCLUB und arbeitet seit Mitte 2025 als Redakteurin. Zuvor schloss sie ihren Master of Arts an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ab.

