Die globale Wirtschaft wird sowohl in diesem als auch im nรคchsten Jahr รผberdurchschnittlich stark wachsen. Garant der wirtschaftlichen Erholung sind dabei die expansive Geld- und Fiskalpolitik. Im Vergleich zur Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009, von der sich die Weltwirtschaft nur langsam erholte, verlรคuft der Aufholprozess diesmal wesentlich dynamischer. Hierbei spielen vor allem die Konjunkturpakete in den Industrielรคndern eine wesentliche Rolle. Insbesondere die USA รผbernehmen die Rolle des globalen Konjunkturmotors, von dem viele andere Volkswirtschaften profitieren. Die Kehrseite der Medaille einer schnellen wirtschaftlichen Erholung ist ein deutlicher Anstieg der Inflationsraten. Viele Haushalte und Unternehmen verfรผgen dank des guten Krisenmanagements von Regierungen und Zentralbanken รผber hohe finanzielle Reserven. Die aufgestaute Nachfrage fรผhrt angesichts noch nicht wieder komplett hergestellter Lieferketten und Kapazitรคten auf der Angebotsseite zu fehlenden Vorleistungsgรผtern sowie hohen Transport- und Rohstoffkosten. Da viele Unternehmen ihre hรถheren Kosten auf die Preise รผberwรคlzen kรถnnen, ist die US-Inflationsrate im Juni 2021 auf รผber fรผnf Prozent angestiegen, in Deutschland lag sie zuletzt bei fast vier Prozent und in der Eurozone bei etwas mehr als zwei Prozent.
Hรถhepunkt der Preisentwicklung ist bereits รผberschritten
Wรคhrend einige Volkswirte einen anhaltenden Trend zu hรถheren Preissteigerungsraten erwarten, bereitet uns die aktuelle Entwicklung wenig Kopfzerbrechen. Bei einigen Rohstoffen scheint der Hรถhepunkt der Preisentwicklung bereits รผberschritten zu sein, dies gilt beispielsweise fรผr Nahrungsmittel wie Sojabohnen und Weizen, fรผr Baumwolle sowie fรผr Eisenerz und Holz. Der รlpreis, dem wegen seines hohen Gewichts in den Warenkรถrben eine besondere Bedeutung fรผr die Preisentwicklung zukommt, ist auf rund 70 US-Dollar je Barrel angestiegen. Dennoch hat sich seine jรคhrliche Verรคnderungsrate von zwischenzeitlich mehr als 300 Prozent im April 2021 auf zuletzt rund 70 Prozent abgeschwรคcht. Von daher halten wir es fรผr wahrscheinlich, dass die Inflationsrate des Consumer Price Index (CPI) in den USA bereits ihr Peak erreicht hat und bis Jahresende auf rund vier Prozent sinken wird. Auch die immer noch geringe Kapazitรคtsauslastung und der unverรคndert geringe Lohndruck sollten dafรผr sorgen, dass ab Mitte des Jahres 2022 die Preise mit einer Jahresrate von weniger als zwei Prozent zunehmen werden.
Inflationsrate lรคsst schlagartig nach
In der Eurozone wird sich dagegen im zweiten Halbjahr 2021 der Preisauftrieb zunรคchst weiter beschleunigen. Dies ist vor allem auf die Mehrwertsteuersenkung in Deutschland im letzten Jahr zurรผckzufรผhren. Aus diesem Grund hat die deutsche Inflationsrate im Juli 2021 einen krรคftigen Satz nach oben auf mehr als drei Prozent gemacht. Im Spรคtherbst wird die Preissteigerungsrate in Deutschland bei fast fรผnf Prozent und in der Eurozone bei rund drei Prozent liegen. Doch genauso schnell wie die Inflationsrate in die Hรถhe geschossen ist, geht sie danach auch wieder zurรผck. Im Laufe des Jahres 2022 wird sie wieder auf Werte von unter zwei Prozent sinken. Die Ursache ist ein weiterer Basiseffekt, nur diesmal mit umgekehrtem Vorzeichen: Durch die Anhebung des deutschen Mehrwertsteuersatzes von 16 auf 19 Prozent im Januar 2021 lรคsst der Preisauftrieb im Vergleich zu den vorherigen 12 Monaten โ nichts anderes misst die Inflationsrate โ im Januar 2022 schlagartig nach. Insofern rechnen wir damit, dass die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland von 3,1 Prozent in diesem auf 2,1 Prozent in 2022 sinken wird. Fรผr die Eurozone erwarten wir ein Absinken von 2,0 auf 1,5 Prozent.
Erhรถhung der Leitzinsen
In den USA wird die vom CPI-Index gemessene Preissteigerungsrate von 4,3 Prozent auf 2,8 Prozent zurรผckgehen. Die Notenbanken mรผssen also nur langsam den Fuร vom Gas nehmen. In den USA hat unter den Mitgliedern der Federal Reserve (FED) bereits eine Diskussion begonnen, wann die Anleiheaufkaufprogramme reduziert oder sogar eingestellt werden kรถnnten. Dieses sogenannte โTaperingโ der Anleihekรคufe kรถnnte im vierten Quartal 2021 oder spรคtestens Anfang des Jahres 2022 beginnen. Eine Erhรถhung des Leitzinses halten wir dagegen nicht vor dem Jahr 2023 fรผr wahrscheinlich. In der Eurozone dรผrfte es sogar noch lรคnger dauern, bis die Europรคische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik zu normalisieren beginnt. Zinserhรถhungen erwarten wir โ auch aufgrund der fragilen Staatsfinanzen in vielen Lรคndern der Eurozone, die auf anhaltend niedrige Zinsen angewiesen sind โ in absehbarer Zeit nicht.
Carsten Klude ist seit dem Jahr 2000 Chefvolkswirt von M.M.Warburg & Co. und verantwortlich fรผr Konjunktur- und Kapitalmarktprognosen sowie fรผr alle Fragen rund um das Thema Asset Allocation. Seit 2009 ist Klude Mitglied im neu gegrรผndeten Investmentrat der Bank und verantwortet seit dem Sommer 2013 auch deren Portfoliomanagement. Seit 2015 ist Klude auรerdem Vorsitzender des Ausschusses fรผr Wirtschafts- und Wรคhrungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken e.V. Fรผr seine Prognosen hat er eine Reihe von Auszeichnungen erhalten und regelmรครig Spitzenplรคtze im Langfristranking der Financial Times Deutschland erzielt.

